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    Aretha Franklin: Amazing Grace
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Aretha Franklin: Amazing Grace

    Gott existiert und ihr Name ist Aretha Franklin

    Von Christoph Petersen
    Im Januar 1972 war Aretha Franklin, die laut einer 2010 durchgeführten Wahl des Rolling Stone Magazine beste Sängerin aller Zeiten, längst ganz oben auf dem Zenit ihrer kometenhaften Karriere angekommen. Auf stolze elf Nummer-eins-Hits konnte die „Königin des Souls“ zu diesem Zeitpunkt bereits zurückblicken. Trotzdem beschloss Franklin, mal etwas Anderes zu versuchen und zu ihren Anfängen als Sängerin in der Kirche ihres Vaters, einem Baptistenpfarrer, zurückzukehren: In der Missionary Baptist Church im Stadtteil Watts von Los Angeles sollte an zwei Abenden vor Live-Publikum ein Konzertmitschnitt aufgenommen werden – das Ergebnis „Amazing Grace“ ist bis heute das meistverkaufte Gospelalbum aller Zeiten!

    Und weil Konzertfilme damals gerade schwer in Mode waren, beauftragte Warner Bros. den damals 37-jährigen, vor allem im Fernsehgeschäft erfahrenen Regisseur Sydney Pollack (der 14 Jahre später zwei Oscars für „Jenseits von Afrika“ gewinnen sollte) damit, Filmaufnahmen von den zwei Auftritten anzufertigen. Doch es lief etwas schief: Im Anschluss stellte sich nämlich heraus, dass Bild und Ton nicht synchron waren, was sich beim damaligen Stand der Technik als unüberwindliches Problem erwies. Also wanderten die Aufnahmen erst einmal in irgendein Archiv, bis Pollack sie im Jahr 2007 (also ein Jahr vor seinem Tod) an den Filmemacher Alan Elliott weiterreichte, der die technischen Probleme tatsächlich beheben konnte.

    Aber damit war die Odyssee immer noch nicht vorüber. Weil Aretha Franklin aus unbekanntem Grund nicht damit einverstanden war, dass das Material nach so vielen Jahren noch veröffentlicht wird, verhinderte sie eine Aufführung. Erst nach ihrem Tod im August 2018 erlaubten ihre Erben schließlich, den Konzertfilm „Aretha Franklin: Amazing Grace“ öffentlich vorzuführen. Und der ist gleich in doppelter Hinsicht ein Geschenk: Zum einen werden wir Zeuge eines grandiosen Auftritts von Aretha Franklin, die in diesen eineinhalb Stunden tatsächlich ganz nah bei Gott zu sein scheint und sich abseits ihres die Grenzen zwischen Himmel und Erde zerschmetternden Gesangs so zurückhaltend gibt wie nie. Zum anderen ist „Amazing Grace“ ein faszinierendes Zeitdokument – denn natürlich ist das Material nicht so zusammengeschnitten, wie es Sydney Pollack wohl damals für sein TV-Special geplant hatte.

    Stattdessen zeigen Alan Elliott und sein Team kein Interesse am perfekten Schein, sondern lassen  bewusst Raum für das Unperfekte, das Improvisierte, das Verunfallte, einfach für das wahre Leben, das an diesen zwei Abenden in der kleinen, erstaunlich unscheinbaren Kirche in Los Angeles tobte. Immer wieder erspäht man Sydney Pollack selbst im Hintergrund, wie er die Kameraleute wild gestikulierend anweist, was sie als Nächstes aufnehmen sollen. Es wird auch nicht erst umgeschaltet, sobald die perfekte Einstellung gefunden ist, sondern oft schon vorher, wenn der Kameramann noch nach der passenden Schärfeeinstellung sucht.

    Dieser sich gänzlich spontan anfühlende Ansatz passt erstaunlich gut zum Konzert selbst. Schließlich hat sich Aretha Franklin ganz bewusst für eine Live-Aufnahme entschieden, um die Reaktionen des Publikums mit in ihr Album einfließen zu lassen. Zwischenrufe selbst vom eigenen Chor gehören da einfach dazu, genau wie die zuckenden Zuschauer, die der göttlichen Ekstase ganz nah zu sein scheinen. Apropos „göttlich“: So muss man nicht nur die Gänsehaut-Stimme der Sängerin nennen, die speziell beim titelgebenden „Amazing Grace“ ihre volle Wirkung entfaltet. Da muss sogar Gospel-Megastar Reverend James Cleveland das Pianospielen unterbrechen, um in ein Taschentuch zu heulen (auf dem Album ist das Stück elf Minuten lang, im Film allerdings ein wenig kürzer).

    Göttlich ist aber auch ihr ganzer, erstaunlich demütiger Auftritt. Ganz still, fast schüchtern sitzt die Soul-Diva zwischen den Songs da, während James Cleveland die Überleitungen und Ankündigungen übernimmt. Nichts davon wirkt kalkuliert und wenn sie hinterher erzählen würde, sie sei bei diesem Auftritt Gott begegnet, man hätte es ihr sofort geglaubt. Nur ganz am Schluss spricht sie zwei, drei ganz knappe Sätze zur Verabschiedung. Es lässt sich wohl am besten mit dem leicht abgewandelten Titel eines Films, der in diesem Jahr ebenfalls im Wettbewerb der Berlinale gelaufen ist, auf den Punkt bringen: „Gott existiert und ihr Name ist Aretha Franklin.

    Fazit: Eine Zeitkapsel, bei der sich das Ausgraben und der ausdauernde Kampf um die Veröffentlichung definitiv gelohnt haben.

    Wir haben „Aretha Franklin: Amazing Grace“ im Rahmen der Berlinale 2019 gesehen, wo er außer Konkurrenz im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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