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    Brittany Runs A Marathon
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Brittany Runs A Marathon

    Amazon hat tief in die Portokasse gegriffen

    Von Michael Meyns
    Bei dem Titel „Brittany Runs A Marathon“ weiß man sofort, was man zu erwarten hat: Selbstfindungs- bzw. Selbstoptimierungskino. Ein verfilmter Lifestyle-Ratgeber, der bei seiner Premiere auf dem Sundance Filmfestival so sehr abgefeiert wurde, dass sich Amazon anschließend in einem Bieterwettstreit für 14 Millionen Dollar die Rechte an der Indie-Produktion gesichert hat (eine Rekordsumme, aber für den Online-Riesen natürlich trotzdem nur Peanuts). Doch wir leben eben nicht mehr in den Neunzigern, wo ein Hollywood-Film noch ungebrochen behaupten konnte, dass eine Frau nur dann glücklich und zufrieden sein kann, wenn sie schlank ist (und einen Mann zum Heiraten findet). Aber das Kino ist komplexer geworden – und damit ringt auch das Regiedebüt von Paul Downs Colaizzo, der zunächst eine ganz simple Abnehm-Komödie inszeniert, bevor er sich auf der Schlussgeraden mit einer „tieferen“ Message zunehmend verzettelt. Aber zum Glück gibt es ja auch noch die Komikerin Jillian Bell, die viel zu lange auf ihre erste Hauptrolle warten musste und jetzt endlich zeigen darf, was für Starqualitäten sie besitzt.

    Brittany (Jillian Bell) ist Ende 20, ziellos und übergewichtig. Während ihre Mitbewohnerin Gretchen (Alice Lee) zumindest als Instagram-Influencerin Erfolg hat, sieht sich Brittany zunehmend als bloßes Anhängsel, als lustige Dicke, die sich über sich selbst lustig macht, bevor es jemand anders tut. Also heißt es: Abnehmen! Brittany beginnt zu joggen, erst einmal um den Block, dann einmal ums Karree und schließlich mehrere Kilometer durch den Park. Zusammen mit ihren Laufpartnern Seth (Micah Stock) und Catherine (Michaela Watkins) trainiert Brittany immer härter und setzt sich bald ein hehres Ziel: In ein paar Monaten will sie den New York Marathon bestreiten. Doch ist Abnehmen allein wirklich der Weg zur Zufriedenheit?

    Einsam in New York: Brittany ist mit ihrem Leben und ihrem Körper nicht mehr glücklich.


    Die Erfahrung einer guten Freundin inspirierte den amerikanischen Theater-Autor Paul Downs Colaizzo zu seinem ersten Filmdrehbuch, das er dann auch direkt selbst inszeniert hat. Auch die echte Brittany war mit ihrem Leben unzufrieden und wollte etwas verändern, ihr Gewicht war jedoch nur ein kleiner Teil des Problems. Das erkennt man auch sofort, wenn man am Ende Bilder von ihr beim Laufen sieht und diese nur schwer mit der Abnehm-Komödie zusammenbringt, den man sich gerade angesehen hat. In der Filmversion ist Brittanys Gewicht nämlich eindeutig der entscheidende Antrieb. Als sie Unkonzentriertheit vortäuscht, um das Amphetamin Adderall verschrieben zu bekommen, macht der Arzt sie stattdessen auf ihren viel zu hohen Body-Mass-Index aufmerksam. Auch wenn sie den wenig subtilen Hinweis auf ihr Gewicht mit ein paar Witzen zu überspielen versucht, wird Brittany doch nachdenklich. Und schnell glaubt sie zu erkennen, dass all ihre Probleme – von ihrer Unpünktlichkeit über ihre Geldprobleme bis hin zur Tatsache, dass sich kaum ein Mann für sie interessiert – allein an ihrem Übergewicht liegen.

    Lange Zeit erzählt Colaizzo dann tatsächlich an dieser Grundausrichtung entlang: Sobald Brittany mit dem Joggen loslegt, beginnt sich alles in ihrem Leben zum Positiven zu verändern: Sie findet neue Freunde, bekommt einen gutbezahlten Nebenjob und lernt sogar einen Mann kennen. In regelmäßigen Abständen zeigen Aufnahmen der Waage, wie Brittanys Pfunde purzeln, und um den Punkt noch zu unterstreichen, wiederholt Colaizzo mehrfach eine Szene, in der Brittany zur U-Bahn hetzt: Verpasst sie die Bahn anfangs noch deutlich, wird es immer knapper und bald, als sie schon dünner ist und beginnt, Make-Up zu tragen, hält ihr tatsächlich ein Mann die Tür auf. Brittany fühlt sich zum ersten Mal als Frau wahrgenommen – und der Zuschauer fragt sich langsam, ob er nicht versehentlich in einem Film aus dem vergangenen Jahrtausend gelandet ist.

    Brittany und Seth: Gemeinsam lässt sich der innere Schweinehund gleich viel leichter überwinden.


    Kann Calaizzo das wirklich ernst meinen? Will er tatsächlich ungebrochen erzählen, dass eine Frau nur durchs Abnehmen glücklich wird? Und das, obwohl das alles ja auch bei der realen Brittany sehr viel komplexer war? Nein, natürlich nicht. In der gegenwärtigen Zeit, in der body-positive Einstellungen hochgehalten werden, in der jede Statur, jeder Körper als schön wahrgenommen werden soll, muss „Brittany Runs A Marathon“ natürlich einen anderen Weg gehen – und so ändert der Film dann auch (zu) drastisch seinen Fokus: Nicht mehr das Abnehmen steht im Fokus, sondern die Erkenntnis, dass Abnehmen nicht alles ist.

    Nur so richtig nimmt man dem Film diese Kehrtwende nicht ab. Dass trotz der wenig überzeugenden Volte eine gewisse Linie erhalten bleibt, liegt in erster Linie an Hauptdarstellerin Jillien Bell. Nach Jahren in der zweiten Reihe (unvergessen ihr Auftritt als Dealer-Mastermind in „22 Jump Street“) steht sie zum ersten Mal im Mittelpunkt und lässt einen mit ihrer (Comedy-)Präsenz auch über manch arg platten Selbstfindungs-Ratschlag hinwegsehen. Die bringen nämlich nur immer wieder allzu deutlich auf den Punkt, was auch Brittany langsam realisiert: Nur wenn man sich so akzeptiert, wie man ist, kann man glücklich sein. Und dann klappt es auch mit dem Marathon.

    Fazit: Nicht immer ganz sicher bewegt sich Paul Downs Colaizzo in seinem Regiedebüt zwischen altbackener und moderner Selbstfindungsgeschichte, bei der vor allem seine Hauptdarstellerin Jillian Bell überzeugt.

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