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    Königin
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Königin

    Erotikthriller-Drama der Extraklasse!

    Von Oliver Kube
    Die 1972 in Odense auf der dänischen Ostseeinsel Fünen geborene Trine Dyrholm feierte ihr Bühnendebüt bereits mit acht Jahren als Sängerin für das städtische Orchester und trat nebenher regelmäßig in lokalen Kindertheatern und bei Weihnachtsaufführungen auf. Mit 14 gelang dann der Durchbruch mit dem Lied „Danse i måneskin“ (dt.: „Tanzen im Mondschein“) für die dänische Vorausscheidung für den Eurovision Song Contest. Gewonnen hat sie nicht, stattdessen gab es den dritten Platz. Was vielleicht sogar ein Segen war. Denn wer weiß, ob Dyrholm sich im Falle eines Triumphes doch noch auf die Schauspielerei konzentriert und mit 18 ihr von der dänischen Kritik gefeiertes Kinodebüt in „Springflod“ gegeben hätte?

    Drei Dekaden voller Preise und Auszeichnungen später ist Dyrholm einer der vielseitigsten Leinwandstars Europas. Eine wahre Glanzleistung liefert sie nun auch in „Königin“ ab. Die Regie für das fesselnde, atmosphärisch dichte Charakter-Drama übernahm May el-Toukhy, die bereits bei ihrem gefeierten Debüt, der romantischen Tragikomödie „Lang Historie Kort“, schon einmal mit Dyrholm zusammengearbeitet hat.

    Eine Affäre, die gegen alle Regeln verstößt!

    Die angesehene Anwältin Anne (Trine Dyrholm) lebt in einem großzügigen, modernen Haus am Waldrand mit ihrem schwedischen Mann, dem Arzt Peter (Magnus Krepper), sowie den gemeinsamen Töchtern. Die vermeintliche Idylle bricht auf, als Gustav (Gustav Lindh), Peters 16-jähriger Sohn aus erster Ehe, zu ihnen nach Dänemark zieht, weil seine komplett überforderte Mutter nicht mehr mit ihm zurechtkommt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten nähern sich der rebellische Junge und Anne schnell an. Das geht so weit, dass sie – initiiert von ihr! – eine leidenschaftliche Affäre miteinander beginnen...

    Dass ihre Figur eine eigene Kanzlei führt, glaubt der Zuschauer Trine Dyrholm sofort. Der aus Filmen wie „Das Fest“, „In China essen sie Hunde“, „Who Am I - Kein System ist sicher“ und dem Fremdsprachen-Oscar-Gewinner „In einer besseren Welt“ global bekannte Star verleiht der Rolle spürbare Würde und Stil. Anne vermittelt den Eindruck, sie wäre durchgehend Herrin der Lage. So souverän und überlegen gibt sie sich, dass es schon an Arroganz grenzt.

    Was steckt hinter dem Sex?


    Offene Emotionen zeigt die Anwältin zunächst nur in zwei Situationen – wenn es um das Wohl ihrer niedlichen Zwillinge geht sowie im Kampf für ihre jugendliche Klienten. Egal, ob es sich dabei um ein Vergewaltigungsopfer, ein von ihrem Vater verprügeltes Mädchen oder einen brutal gemobbten Teenager handelt, der schließlich die Nerven verloren hat, handelt – Anne ist für die jungen Leute da und unterstützt sie mit Engagement, Kompetenz und Einfühlungsvermögen. Dabei kann sie auch schon mal über die Stränge schlagen, etwa wenn sie einen besonders schmierigen Verhandlungsgegner in der Tiefgarage des Gerichts erst verbal und schließlich sogar körperlich attackiert.

    Mit der Ankunft von Gustav in ihrem bis dahin so geordneten Heim kommt ein drittes Szenario dazu, in dem Anne nicht zu 100 Prozent cool zu agieren scheint. Oder ist ihre Heißblütigkeit beim Sex mit dem von ihrem Interesse an ihm zunächst völlig überraschten, dann schnell Gefallen an der Situation findenden Stiefsohn doch nur gespielt? Lange bleibt für den Zuschauer auf spannende Weise ambivalent, ob die Gefühle zwischen dem Jugendlichen und der deutlich reiferen Frau wirklich so echt sind, wie es die von el-Toukhy mit der richtigen Mischung aus Intimität und Voyeurismus inszenierten, erstaunlich expliziten Sexszenen vermuten lassen.

    So wahnsinnig viel haben sich Anne und Peter nicht mehr zu sagen.


    Wollen beide sich mit ihrer Affäre vielleicht unbewusst und unabhängig voneinander an Peter rächen? Anne für die abgehobene Selbstherrlichkeit und die unterschwellig herablassende Art ihres Mannes? Gustav dafür, dass der Vater ihn im Stich gelassen und dann jahrelang nahezu ignoriert hat? Eine Theorie, der Magnus Krepper („Astrid“) mit seiner gekonnt unsympathischen Darstellung Vorschub leistet. Oder wollen Anne und Gustav sich, ihre Umgebung und ihre Existenz darin – wiederum aus individuellen Motiven – einfach nur selbst sabotieren?

    Für einen zumindest in den nordischen Ländern für ein Mainstream-Publikum produzierten Film geht es tatsächlich ganz schön zur Sache. Beide Hauptdarsteller sind in diesen Momenten erfrischend uneitel. Sie wirken verletzlich und authentisch, so dass das Ganze enorm sexy und erotisch daherkommt, ohne je in Richtung plumper Pornografie abzugleiten. Speziell Dyrholm begeistert mit ihrer furchtlosen Performance. Wobei sie in ihrer besten Szene solo agiert, indem sie wortlos vor einem Spiegel steht und zunächst kritisch, letztlich aber sehr selbstbewusst ihren nackten Körper betrachtet. Eine Sequenz, die für den weiteren Verlauf der Handlung enorm wichtig ist. Weshalb der Zuschauer hier unbedingt Annes Gesicht und besonders ihre Blicke im Auge behalten sollte.

    Schluss mit allem


    „Was ist deine größte Angst?“, fragt Gustav seine Stiefmutter in einer Art improvisiertem Interview, das der junge Mann offenbar mit all seinen intimen Bekanntschaften führt. Annes Replik ist ehrlich, aus einer Art Reflex heraus und ebenso entscheidend für den Fortgang der Story wie die just beschriebene Einlage vor dem Spiegel. Sie sagt: „Dass alles verschwindet!“ Sie meint damit wahrscheinlich ihre Lebenssituation – ihren sicheren, steten Status als Mutter, Ehefrau und im Beruf.

    Warum hat sie dann eine Affäre mit einem Jungen begonnen, der nicht einmal halb so alt ist wie sie? Bringt sie dieses „Alles“ damit nicht in enorme Gefahr? Und macht sie Gustav so nicht vielleicht genauso zu einem Opfer wie die Kids, denen sie vor Gericht zur Seite steht und die sie eigentlich beschützen will? Wir erwarten jeden Moment die Aufdeckung des von den zweien im Geheimen gehaltenen, aber irgendwie doch offensichtlichen Verhältnisses. Und natürlich kommt es irgendwann dazu. Allerdings auf nicht abzusehende Art und mit erstaunlich unerwarteten, aber trotzdem glaubhaften Folgen.

    Zumindest beruflich hat Anne immer alles im Griff.


    Wirklich gewiss wird man der Antworten auf die zu Beginn des letzten Absatzes gestellten Fragen erst im finalen Drittel der Laufzeit, wenn Anne ihr sogar – so scheint es zumindest – für sie selbst überraschendes, wahres Gesicht zeigt. Und sogar dabei dürfte es im Publikum noch unterschiedliche Auslegungen geben – keine davon definitiv falsch, keine unumstößlich richtig. Was zeigt, wie geschickt die Regisseurin mit der Umsetzung des von ihr co-verfassten Drehbuchs verfahren ist. Eine enorme Hilfe sind ihr dabei auch die zuerst noch elegant distanzierten, später dann deutlich erratischeren Einstellungen von Kameramann Jasper Spannings („The Guilty“) sowie der erst elegisch-melancholische, sich unterschwellig aber immer mehr in intensive, klangliche Nervosität steigernde Streicher-Score von Jon Ekstrand („Life“).

    „Königin“ wird bei nahezu sämtlichen Zuschauern angeregte Diskussionen auslösen. Nebenher zeigt der Film einmal mehr, welch brillante, vielschichtige Mimin Trine Dyrholm ist. Dazu kündigt sich der seiner Szenenpartnerin ebenbürtige, bisher hauptsächlich in Fernsehserien wie „Stockholm Requiem“ oder „Jordskott – Die Rache des Waldes“ aufgefallenen Gustav Lindh als potenzielles Schauspiel-Schwergewicht für die Zukunft an.

    Fazit: Klug geschrieben, selbstbewusst inszeniert, exzellent gespielt – das ist europäisches Kino der Spitzenklasse.

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    Kommentare

    • Experte
      Wenn man nen Omi-Fetisch hat, dann schon^^.
    • MaxPowers
      Also ich fand den Film ziemlich sinnlos 🤷‍♂️, irgendwie hat die Pointe gefehlt, auf jeden Fall gut gespielt mehr aber auch nicht
    • Otacon5
      Frage mich immer wieder wie spät manche Filme bei uns kommen. Die pikanten Szenen kann man schon seit Monaten im Inet sehen.
    • F. Bates
      Klingt nahezu perfekt.
    • Phil
      Da möchte man(n) doch glatt nochmal 16 sein. ;-)
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