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    Wege des Lebens - The Roads Not Taken
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Wege des Lebens - The Roads Not Taken

    Eine halluzinatorische Reise ins Nichts

    Von Christoph Petersen
    Wie wäre das eigene Leben wohl verlaufen, wenn man an dieser oder jener Stelle eine andere Entscheidung getroffen oder einen alternativen Weg eingeschlagen hätte? Das ist eine Frage, die bisher vor allem in den Genres Fantasy und Science-Fiction mit Zeitreisen & Co. immer wieder behandelt wurde. Sally Potter, die zuletzt mit dem meisterhaft-trockenhumorigen „The Party“ begeisterte, findet in ihrem passend betitelten Drama „Wege des Lebens - The Roads Not Taken“ nun noch einmal einen ganz neuen Weg, indem sie von einem demenzkranken Mann erzählt, der sich in seine eigenen (Parallel-)Welten zurückgezogen hat, während seine Familie noch irgendwie mit ihm zu kommunizieren versucht. Ein potenziell faszinierender Ansatz, der in diesem Fall aber in einem einzigen großen Nichts endet.

    Eigentlich sollte die Journalistin Molly (Elle Fanning) ganz dringend zu ihrem Job, um ein Projekt vorzustellen, für das sie lange Zeit recherchiert hat. Aber vorher muss sie noch mit ihrem demenzkranken Vater Leo (Javier Bardem) in New York zu verschiedenen Ärzten – und das ist gar nicht so leicht, wenn Leo auf den Behandlungsstuhl pinkelt, einen fremden Hund „klaut“ und generell so wirkt, als wäre er gar nicht mehr geistig anwesend. Und in gewisser Hinsicht stimmt das auch: Seine Gedanken gleiten in die Vergangenheit zu seiner Jugendliebe Dolores (Salma Hayek), mit der er sich am mexikanischen Tag der Toten verkracht, oder auf eine griechische Insel, wo er nach einem stimmigen Ende für seinen Roman sucht...

    Molly kümmert sich liebevoll um ihren Vater - kann sich aber auch nicht eingestehen, wie weit er wirklich schon von ihr entfernt ist.


    Weder der Zahnarzttermin noch der Besuch beim Augenoptiker scheinen so dringend zu sein, dass sie nun unbedingt an diesem wichtigen Tag für Molly erledigt werden müssten. Aber womöglich nimmt sie das auch nur als Ausrede, um sich ihrem Job nicht stellen zu müssen (eine dieser Weggabelungen aus dem Titel). Das alles bleibt allerdings reine Spekulation, denn das Publikum erfährt praktisch nichts über die junge Journalistin. Und trotzdem dreht Elle Fanning in jeder Szene, ohne jegliches Gespür für Zwischentöne, volle Pulle auf. Entweder lacht sie los oder sie fängt an zu weinen – bei Molly gibt es kaum mal einen neutralen Moment. Eine der ganz seltenen schlechten Leistungen des „The Neon Demon“-Stars.

    Aber ein wenig kann man Fannings Drang zum Overacting ja auch nachvollziehen. Wenn man sich schon an der eigenen Rolle kaum groß abarbeiten kann, dann will man zumindest versuchen, im Vergleich mit dem auch diesmal wieder groß aufspielenden Javier Bardem nicht völlig abzustinken. Der Oscarpreisträger („No Country For Old Men“) blüht hier wie schon in „Das Meer in mir“ gerade deshalb so auf, weil seine Möglichkeiten so extrem eingeschränkt sind: Leo spricht kaum mal einen ganzen, geschweige denn einen logisch nachvollziehbaren Satz – mitunter wirkt er vielmehr wie eine leere Hülle, aus der dann im nächsten Moment plötzlich doch die Emotionen, meist Trauer oder Panik, hervorbrechen.

    Erfreulich frustrierend


    Für den Zuschauer ist das trotz der Qualität der Performance in erster Linie eine frustrierende Seherfahrung – und das ist ja auch nur stimmig, schließlich ist es für die meisten eben auch eine sehr frustrierende Angelegenheit, (ohne Erfolg) zu einem gerade nicht lichten Demenzkranken durchdringen zu wollen. Aber Sally Potter geht es nicht vornehmlich um die Abbildung eines realistischen Tages im Leben eines Demenzkranken und seiner Hilfspersonen, stattdessen werden in „Wege des Lebens - The Roads Not Taken“ einfach nur ein paar der bekannten Standardmomente (Weglaufen, Einnässen, etc.) eingestreut.

    Die Regisseurin stellt den betont naturalistisch inszenierten New-York-Strapazen stattdessen Leos innere Reisen gegenüber (wenn er nicht in der realen Welt „anwesend“ ist, muss sein Geist ja irgendwo anders sein). Diese (Erinnerungs-)Trips sind zwar mitunter ganz schön anzusehen, erinnern mit ihren mythisch aufgeladenen, halluzinatorischen Bildern sogar ein wenig an das Kino von Terrence Malick („The Tree Of Life“). Aber erzählt wird in diesen Szenen (fast) gar nichts. Leo fährt mit Dolores zu einem Friedhof und er kommt auf einer Insel mit zwei deutschen Touristinnen ins Gespräch, wobei es vielleicht sein könnte, dass eine von ihnen seine als Baby verlassene Tochter ist. Das war’s dann aber auch. Man erfährt praktisch nichts über Leo und seine Geschichte – und dann sind einem auch seine möglichen parallelen Lebenswege herzlich egal.

    Eine nicht unproblematische Sicht auf Demenz


    Dass es sich bei diesen Szenen nicht nur um ganz normale Rückblenden handelt, merkt man schnell daran, dass Sally Potter oft per Match-Cut (etwas, wenn eine in der Gegenwart begonnene Bewegung nach einem Schnitt in der Vergangenheit fortgeführt wird) zwischen den Erzählebenen wechselt. Ganz so, als ob die konkrete Erinnerung durch eine Geste oder ein Geräusch erst wieder aktiviert wird. Dass es sich aber nicht zwingend um wahre Erinnerungen handeln muss, sondern es auch um mögliche parallele Leben geht, wird abgesehen vom Titel im Film selbst hingegen erst sehr viel später angedeutet (einige Dinge, die wir gesehen haben, können so in der Realität offenbar gar nicht geschehen sein). Das alles bleibt so oberflächlich und vage wie so vieles in „Wege des Lebens - The Roads Not Taken“.

    Demenz als Eingangstor in mögliche parallele Leben – ob man einen solchen mythischen Blick auf die Krankheit nun tröstlich, weise oder nicht doch eher schrecklich naiv und vielleicht sogar zynisch findet, ist letzten Endes wohl Ansichtssache. Aber selbst, wenn man sich auf das esoterische Grundkonzept der titelgebenden „nicht gewählten Straßen“ einlässt, bleibt eben immer noch das Problem, dass Leos bruchstückhaften Trips in tatsächliche oder auch nur mögliche Vergangenheiten weder spannend noch erhellend, sondern einfach nur bedeutungsschwanger und banal daherkommen.

    Fazit: Sally Potter will ganz viel – zeigt und erzählt dafür aber viel zu wenig. Ihre Schauspieler stemmen sich mehr (Javier Bardem) oder weniger (Elle Fanning) erfolgreich gegen das Schwarze Loch ihrer kaum ausdefinierten Rollen, während einige Zuschauer bei dem romantisierten Blick auf Demenz wahrscheinlich ganz schön schlucken müssen.

    Wir haben „Wege des Lebens - The Roads Not Taken“ im Rahmen der Berlinale gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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