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    The Assistant
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    The Assistant

    Ein normaler Tag im Büro (von Harvey Weinstein)

    Von Daniel Fabian
    Nachdem Jay Roach zuletzt in – dem ironischerweise für die Make-up-Effekte oscarprämierten – „Bombshell“ den Missbrauchsskandal bei Fox News in Hollywood-Hochglanzmanier aufarbeitete, folgt nun direkt der zweite (und sehr viel bessere) Film über Missbrauch in der Medienbranche. „The Assistant“ erzählt von einem „ganz normalen“ Tag im Vorzimmer eines mächtigen Filmproduzenten in New York – und auch wenn dieser nie zu sehen ist, wird dem Eingeweihten schnell klar, dass damit natürlich nur Harvey Weinstein gemeint sein kann.

    Regisseurin Kitty Green liefert hier zwar ihr Spielfilmdebüt ab, trotzdem hat sich die Australierin schon zuvor mit ihren Dokumentararbeiten „Casting JonBenet“ und „Ukraine Is Not A Brothel“ als perfekte Kandidatin für die Aufarbeitung des Zündfunkens der #metoo-Bewegung empfohlen. „The Assistant“ ist ein betont reduzierter, streng inszenierter, präzise auf Details bedachter Film – kein wilder Aufschrei, sondern eine stille Anklage, die deshalb aber nur umso intensiver nachwirkt.

    Ein ganz normaler Tag im Büro - der Jane aber immer mehr an den Rande des Zusammenbruchs treibt.


    Jane (Julia Garner) ist jung, motiviert und hat gerade das College abgeschlossen. Als nächsten großen Schritt auf ihrem Weg zu einer erfolgreichen Produzentin hat sie eine Stelle als Junior-Assistentin eines mächtigen Filmmoguls angetreten. Es ist die einmalige Chance, sich in der hart umkämpften Branche zu empfehlen – selbst wenn das erst mal heißt, Kaffee zu kochen, das Druckerpapier zu wechseln, Dienstreisen für die Kollegschaft zu organisieren und Anrufe entgegenzunehmen. Aber dabei muss Jane zugleich auch erkennen, in was für ein missbräuchliches, von systematischer Unterdrückung geprägtes Arbeitsumfeld sie da hineingeraten ist. Aber wie wehrt man sich gegen ein Machtkonstrukt, in dem man selbst zum schwächsten Glied degradiert wird – und das von der versammelten Mannschaft nicht nur akzeptiert, sondern damit auch Tag für Tag immer weiter normalisiert und gefestigt wird?

    „The Assistant“ beginnt mit Janes Weg zur Arbeit, wo sie als erste auftaucht, und endet mit ihrem Feierabend, wenn sie das Licht im Büro ausmacht. Es ist eine A-Day-In-The-Life-Story im buchstäblichen Sinne, wobei jede Gelegenheit zur Überdramatisierung im Keim erstickt wird. Stattdessen sind es oft kleine Gesten wie ein Tätscheln auf die Schulter, die Bitte, mal eben ein unangenehmes Telefonat zu übernehmen, oder ein simpler Fingerzeig als Aufforderung zum Schweigen, die man möglicherweise sogar aus dem eigenen Alltag kennt und man in einem anderen Kontext vielleicht gar keinem übel nehmen würde. Trotzdem bringt einen „The Assistant“ zum Nachdenken: Wie behandle ich eigentlich meine Kolleginnen und Kollegen? Könnte mir das auch passieren, vielleicht sogar ganz automatisch, ohne dass ich es bemerke?

    Weniger ist mehr


    Kitty Green verzichtet darauf, physische oder sexuelle Übergriffe explizit darzustellen – Jane wird auch schon früh erklärt, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, sie wäre ohnehin nicht der Typ des Chefs. Sie erlebt nur mit bzw. muss sich manchmal sogar selbst darum kümmern, junge angehende Schauspielerinnen in dessen Büro zu führen. Die toxische Atmosphäre beginnt ohnehin schon viel früher – zunächst noch schleichend und unscheinbar. Wenn Jane zu Beginn ihres Tages nicht zur simplen weißen Kaffeetasse greift, sondern extra die Big Hug Mug aus der hinteren Schrankreihe hervorkramt, dann eben auch, weil sie diese Umarmungen tatsächlich braucht, um durch den Tag zu kommen. Von ihren Kollegen wird sie keines Blickes gewürdigt, wenn sie ihnen die frischgedruckten Tagespläne auf den Schreibtisch legt, sondern höchstens dann wahrgenommen, wenn Aufgaben anstehen, die sonst keiner übernehmen will.

    Der Höhepunkt, bei dem sich einem endgültig der Magen umdreht: Ein Gespräch zwischen Jane und einem Mitarbeiter der Personalabteilung (großartig: Matthew Macfadyen), den sie über die Ankunft eines jungen Mädchens informieren will – das wurde zwar als weitere Assistentin eingestellt, zugleich aber auch in ein Nobelhotel einquartiert, wo es dann später den Chef persönlich kennenlernen soll. Im Rahmen des Meetings werden die perfiden Methoden des Unternehmens besonders deutlich – am schlimmsten ist dabei, wie im Verlauf der Diskussion aus dem Täter plötzlich ein Wohltäter wird, dem man auch noch dankbar sein soll. Es geht darum, Dinge solange in Kauf zu nehmen und totzuschweigen, bis sie im Arbeitsalltag zur Normalität werden (wie es bei Janes Kollegen längst der Fall ist, für sie ist die ständige Demütigung längst Routine und sie wissen genau, welche Worte man dem Boss als Entschuldigung schreiben muss, selbst wenn es genau der war, der einen vorher auf entmenschlichende Art zusammengefaltet hat).

    Die Tür zum Büro des Chefs steht meistens offen - aber wenn sie dann doch mal geschlossen wird, heißt das meist nichts Gutes.


    Die streng komponierten Bilder von Kameramann Michael Latham strotzen vor kleinen Details, die das Machtgefälle zwischen Jane und ihren Kollegen und Vorgesetzten auch ohne ein einziges ausgesprochenes Wort nachvollziehbar machen. Das beginnt bereits auf dem Weg zur Arbeit, als Janes Wagen in einer Totalen den unteren Bildrand entlangfährt, während ein Männergesicht auf einem Fernseher von einem der oberen Stockwerke durchs Fenster „hinunterblickt“. Auch im Büro wird stets auf sie herabgesehen, was auch die Kameraeinstellungen subtil unterstreichen. Immer wieder wird die junge Frau aus der Vogelperspektive gezeigt, zur Kamera aufzuschauen traut sie sich aber kaum. Die inszenatorische Konsequenz geht sogar so weit, dass in einer Szene, in der die Assistentin Japanisch sprechende Kunden von A nach B geleitet, auf Untertitel verzichtet wird – man soll am eigenen Leib spüren, wie unwohl, wertlos und entbehrlich sich die Protagonistin in diesem Moment fühlt. Und das gelingt mit zermürbender Durchschlagskraft.

    Das alles würde einen ohne die grandiose One-Woman-Show von Julia Garner allerdings nur halb so sehr mitnehmen. Die aus Serien wie „Ozark“ oder „Maniac“ bekannte New Yorkerin ist als zwischen Ehrgeiz und Unterdrückung gefangene Jobeinsteigerin derart glaubhaft, dass es wehtut. Während Garner in ihrer bislang wohl komplexesten Rolle brilliert, gelingt auch ihren Büromitstreiter-Co-Stars Noah Robbins („Die Erfindung der Wahrheit“) und Jon Orsini („There Is No Place Like Home“) eine solch beeindruckend realistische Gratwanderung zwischen Opfer und Mittäter, dass einem Angst und Bange wird.

    Fazit: „The Assistant“ lässt einem das Blut in den Adern gefrieren - und bringt es gleichzeitig zum Kochen. Ein unbequemer Film, der mit ruhigen Tönen einen ins Mark gehenden Knalleffekt erzeugt.

    Wir haben „The Assistant“ im Rahmen der Berlinale gesehen, wo er in der Sektion Panorama gezeigt wurde.

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