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    Tatort: Wahre Lügen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Tatort: Wahre Lügen

    Reißbrett-Krimi aus Wien

    Von Lars-Christian Daniels
    Seit über sechs Jahren sorgt der Kabarettist und Schauspieler Thomas Stipsits („Baumschlager“) im „Tatort“ aus Wien für (noch) bessere Laune: Sein erfrischendes Zusammenspiel in der Rolle des sympathischen Assistenten „Fredo“ Schimpf mit den Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, „Drachenjungfrau“) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser, „Brecht“) funktioniert prächtig und unterstreicht die humorvolle Note, die den Krimi aus Österreich bei seinen Fans so beliebt macht. Auch dem ORF ist das nicht verborgen geblieben, und so durfte „Fredo“ – anfangs noch auf ein grunzendes Lachen und Routinetätigkeiten im Präsidium beschränkt – auch mal an vorderster Front ermitteln (wie im „Tatort: Wehrlos“) oder als Sidekick agieren, wenn die Kommissare mal wieder aneinandergerieten. Dass der Assistent in Thomas Roths „Tatort: Wahre Lügen“ ebenso fehlt wie Fellners Busenkumpel Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz, „Womit haben wir das verdient?“), macht sich sofort bemerkbar: Der Erzählton fällt diesmal deutlich ernster aus als gewohnt. Auch sonst liefert Roth kaum mehr als einen vorhersehbaren „Tatort“ vom Reißbrett, in dem die Klischees dominieren und (fast) immer genau das geschieht, was man als nächstes erwarten würde.

    Der Wiener Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) werden für eine Sonderermittlung ins Salzkammergut geschickt: In den Tiefen des Wolfgangsees haben Taucher die Leiche der Investigativjournalistin Sylvie Wolter (Susanne Gschwendtner) geborgen, die erschossen und mitsamt ihrem Fahrzeug im Wasser versenkt wurde. Wolter arbeitete zuletzt für ihren Chefredakteur (Alexander Absenger) an einer Zeitungsreportage über illegale Waffengeschäfte, die in Zusammenhang mit einem fast 30 Jahre zurückliegenden Todesfall stehen: Damals kam der österreichische Verteidigungsminister ums Leben. Weil die genauen Umstände seines Todes nie vollständig geklärt wurden, treffen sich Eisner und Fellner mit dem Zeitzeugen Hans-Werner Kirchweger (Peter Matic), der ihnen wertvolle Informationen zuspielt, die er bisher unter Verschluss gehalten hatte. Auch Sybille Wildering (Emily Cox), Wolters völlig aufgelöste Lebensgefährtin, setzt sich mit den Wiener Ermittlern in Verbindung: Am Arbeitsplatz der Toten hat sie belastendes Material gegen den Waffenhändler David Weimann (Robert Hunger-Bühler) mitgehen lassen und plant nun, deren Arbeit zu Ende zu bringen…

    Im „Tatort“ aus Wien widmen sich die Filmemacher so häufig politischen Themen wie in kaum einer zweiten Stadt – und so fuhr Polizeichef Ernst Rauter (Hubert Kramar) seinen beiden Sonderermittlern in der Vergangenheit auch in schöner Regelmäßigkeit bei ihren Nachforschungen in die Parade. In seiner klassischen „Sandwich“-Position muss er schließlich zwischen den Kommissaren, die als Identifikationsfigur für den Zuschauer fungieren, und seinen eigenen Vorgesetzten aus der Politik vermitteln – was in aller Regel damit endet, dass Eisner und Fellner sich eigenmächtig über seine Anweisungen hinwegsetzen und trotzdem im Sinne der Gerechtigkeit weiterermitteln. Im „Tatort: Wahre Lügen“ ist das nicht anders: Hier ist es die Generaldirektion für Innere Sicherheit in Person der aalglatten Dr. Maria Digruber (Franziska Hackl) und ihres arroganten Sekretärs Lukas Kragl (Sebastian Wendelin), die die Polizei im Hinblick auf die ungeklärten Todesumstände des Verteidigungsministers in die Schranken weist und mit entscheidenden Informationen hinterm Berg hält. Müde Machtspielchen wie diese hat man im Austro-„Tatort“ schon unzählige Male gesehen – sie sind nur einer von mehreren Gründen dafür, warum dieser Krimi so vorhersehbar ausfällt.

    Regisseur und Drehbuchautor Thomas Roth („Der Kommissar und das Meer“), der zum achten Mal für die Krimireihe am Ruder sitzt, reiht lediglich die üblichen Versatzstücke des Genres aneinander und liefert dabei kaum interessante Figuren. Neben den furchtbar überzeichneten Mitarbeitern der Generaldirektion fällt ihm auch zu Waffenhändler Weimann wenig Neues ein, was mal über die üblichen Klischees hinausgehen würde: Weimann steigt natürlich nur im teuersten Hotel ab und ordert dort Schampus, den er sich leisten kann, weil in den Krisengebieten des Nahen Ostens dank seiner Waffen Menschen sterben. Auch der (namenlose) Chefredakteur der Zeitung, für die das Mordopfer schrieb, bestätigt das auffallend negative Journalistenbild, das sich im „Tatort“ so häufig beobachten lässt: Was für ihn zählt, ist die nächste Schlagzeile – ganz gleich, auf wessen Kosten sie geht. Die einzige vielschichtige Figur ist damit die durchtriebene Sybille Wildering (stark: Emily Cox, „jerks.“) deren Motive lange rätselhaft bleiben – nach einer knappen Stunde aber legt Roth plötzlich die Karten auf den Tisch, beschert den Zuschauern einen Wissensvorsprung gegenüber den Kommissaren und beraubt seinen Krimi mit einer dramatischen (und spannend inszenierten) Hotelzimmersequenz des einzigen echten Reizes, den er zu diesem Zeitpunkt noch ausstrahlt.

    Auch die Auflösung der Whodunit-Konstruktion ist für krimierprobte Zuschauer spätestens ab diesem Moment nur noch Formsache, doch lohnt sich das Einschalten für das Stammpublikum aus anderen Gründen: Zwar müssen wir diesmal – wie einleitend erwähnt – auf den witzigen Assistenten „Fredo“ Schimpf und auch auf die kultige Kiezgröße Inkasso-Heinzi verzichten, doch widmen sich die Filmemacher dafür mal wieder ausführlicher Fellners Alkoholproblem, das vor allem ihre ersten Auftritte eindringlich prägte und in ihren Anfangsjahren im „Tatort“ für Lacher am Fließband sorgte. Diesmal wird es allerdings ernst: Nachdem Fellner unter dem strengen Blick der Ausbilderin (Madallena Hirschal) am Schießstand versagt, springt Eisner seiner Kollegin einfühlsam zur Seite – Momente wie diese sind für die Figurenentwicklung sehr wertvoll und entschädigen ein Stück weit für so manchen logischen Lapsus im Drehbuch (Beispiel: Bärenkräfte trotz Durchschuss). Trotzdem bleibt der 1080. „Tatort“ als einer der schwächeren der Wiener Ermittler in Erinnerung: Wenn am Ende die Konsequenzen dessen, was für so viel Zündstoff zwischen Polizei und Politik sorgt, pragmatisch in wenigen Sätzen zusammengefasst werden, ist das schlichtweg unbefriedigend.

    Fazit: Thomas Roths Wiener „Tatort: Wahre Lügen“ ist ein enttäuschender Krimi vom Reißbrett, bei dem vor allem die Fans der Wiener Ermittler auf ihre Kosten kommen.
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    Kommentare

    • Hans H.
      Der letzte Tatort, den ich gesehen habe, war Zahn um Zahn. ;-)
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