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    France
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    France

    Ein Splitter in der medialen Blase

    Von Jochen Werner

    Am Anfang von „France“ gibt Emmanuel Macron eine Pressekonferenz – der echte! Gefilmt im Élysée-Palast, vermischt Regisseur Bruno Dumont hier authentisches Material eines realen Pressetermins des französischen Staatspräsidenten mit inszenierten Gegenschnitten, die die von Léa Seydoux („James Bond: Keine Zeit zu sterben“) gespielte Starjournalistin France de Meur unter den versammelten Journalist*innen zeigen, plappernd und kichernd wie ein Schulmädchen und zwischendurch mal eine jener schonungslosen Fragen ins Mikro stellend, die sie zur populärsten Journalistin Frankreichs gemacht haben. Auch wenn die Antwort dann schon niemanden mehr interessiert.

    Schnitt. Wir begegnen France wieder im Fernsehstudio, bei der Moderation einer jener scheinbar kontroversen und tatsächlich vor allem absolut ergebnislosen Debatten zur Wirtschaftspolitik, die wir alle auch zur Genüge aus den Polit-Entertainment-Formaten der deutschen Medienlandschaft kennen. Lächelnd einigt man sich am Ende darauf, sich nicht einig zu werden. Der Vorhang zu und alle Fragen offen – aber man tut zumindest so, als hätte man zuvor wirklich über etwas geredet…

    France (Léa Seydoux) nimmt selbst kaum noch wahr, wie sehr ihr Blick auf die Welt von ihrer hermetisch abgeriegelten Blase dominiert wird...

    Hinter den Kulissen, sobald die Kameras abgeschaltet sind, Küsschen, Blabla und Pimmelwitze. Einmal, viel später im Film, laufen die Mikrofone weiter und all der zynisch-pubertäre „Locker Room Talk“ der Medienschaffenden geht versehentlich live über den Äther. Es folgen ein Shitstorm und ein kleiner Protest mit Pappschildern vor dem Fernsehstudio. Aber Produzentin Lou (Blanche Gardin) bleibt dennoch völlig entspannt. Denn solche Dinge dauern heute grundsätzlich 24 Stunden. Dann wandert die Empörung weiter.

    Zweimal im Film sehen wir France dabei zu, wie sie ihre berühmten Reportagen aus den Krisengebieten dieser Erde inszeniert. Ob sie nun bewaffnete Milizionäre im Kampf gegen den IS herumschiebt wie Komparsen bei einem Filmdreh oder vorgeblich Flüchtlinge an Bord eines Schlauchboots bei der gefährlichen Fahrt übers Meer begleitet, während sie tatsächlich kurz vor der sicheren Küste an Deck einer Luxusyacht chillt – im Grunde fabriziert sie diese semidokumentarischen Unterhaltungsfilme mit Methoden, die denen zum Verwechseln ähneln, mit denen Regisseur Dumont seine Protagonistin in die Eröffnungssequenz hineingemogelt hat.

    Next Level Medienkritik

    In diesem ständigen Spiegeln des Erzählten und der Form des Erzählens liegt das eigentliche Faszinosum dieses eigenwilligen und herausfordernden Films, der aus dem Werk von Bruno Dumont schon auf den ersten Blick heraussticht: Bisher vor allem einer der großen ruralen Filmemacher des französischen Kinos, der seiner nordfranzösischen Heimat – den trist-archaischen Dörfern Französisch-Flanderns und den Dünenlandschaften der Côte d’Opale, in denen er zuletzt in zwei Jeanne-d'Arc-Filmen ein absurd-abstraktes Welttheater installierte – zahlreiche filmische Denkmäler setzte, ist „France“ nicht nur Dumonts erster urbaner Film, sondern gleich einer, der die ganzen leer-artifiziellen Glitzerwelten der kontemporären Medienwelt als Schauplätze und Themen wählt. Ein Film voller kaum zu durchdringender Oberflächen und Oberflächlichkeiten.

    Früh im Film fügt er freilich dieser Oberflächenwelt einen Bruch zu, oder vielleicht vielmehr einen Splitter – etwas, das steckenbleibt und stört, ohne je ganz durchzudringen: Bei einem Autounfall verletzt France den jungen Motorradkurier Baptiste (Jawad Zemmar), und fortan verläuft ein kaum wahrnehmbarer Riss durch ihr Leben. Nicht dass sich dieses wirklich ändern würde – dafür müsste France zunächst einmal über eine Tiefe verfügen. Aber sie ist eine Kreatur ihrer Blase, und „France“ ist zuallererst das Porträt einer absolut hermetisch abgedichteten Blase. Als Medienkritik ist er wahrhaft vernichtend, da er eine Medienwelt zeigt, in der die Mittler zwischen den Zuschauer*innen und den Ereignissen in der Welt jeden Zugang zu dieser Außenwelt verloren haben.

    Irgendwann fängt France im Studio immer wieder an zu weinen - wenn sich der Stachel erst mal festgesetzt hat, fällt es immer schwerer, in seiner oberflächlichen Welt verharren zu bleiben...

    Es geht nicht einmal mehr darum, dass die Journalist*innen die Darstellung der Welt bewusst manipulieren – sondern eher darum, dass sie gar nicht mehr verstehen, dass man anders über die Dinge berichten, sie auch nur anders sehen könnte. Alle, die ihre eingekapselte Perspektive ein Stück weit aufbrechen oder komplexer auffächern könnten, sind hingegen selbst Teil der Blase und in ihren spezifischen Wahrnehmungen gefangen – man kann in ihr leben, so Dumonts absolut nihilistisches Fazit, ohne jemals auch nur noch von der Existenz eines Außen behelligt zu werden.

    Wenn aber, und sei es nur durch einen Zufall, ein Splitter einmal unter die Oberfläche dringt, wenn die Ahnung einmal da ist von der Falschheit des eigenen Daseins, dann gibt es kein Zurück mehr hinter diese Erkenntnis, auch wenn France lange gar nicht zu wissen scheint, was damit anzufangen wäre. Immer wieder laufen ihr plötzlich beim Moderieren Tränen über das Gesicht – eine unwillkürliche, unkontrollierbare Körperreaktion, die sie nicht versteht. Zweimal sehen wir sie beim Versuch, ihren entfremdeten Ehemann Fred (der französische Popstar Benjamin Biolay) zu betrügen und sich in eine Affäre hineinzuflüchten. Der erste Versuch, mit einem jungen Übersetzer in irgendeinem Krisengebiet, scheitert auf ungeheuer unbehagliche Weise an dessen offensichtlicher Irritation über den ungewollten Annäherungsversuch – zwei gesellschaftliche Sphären, die völlig unfähig zur Verständigung miteinander sind, prallen hier aneinander ab. Und der zweite Versuch, mit einem jungen Mann, der vorgibt, sie nicht zu kennen, in einem Sanatorium irgendwo auf einem verschneiten Zauberberg, führt nur zu einer großen Enthüllungsstory in der Klatschpresse.

    Böse sein, weil es sonst nichts zu tun gibt

    Es gibt kein Außerhalb der Blase für France, nirgends, so scheint es jedenfalls über weite Strecken dieses visuell buntglänzenden, im Kern jedoch ungemein abgründigen Films – bis Dumont dann spät im Film doch noch ausschnitthaft ein Außen eröffnet. Es ist dasselbe, das immer schon im dunklen Herzen seines Werks steht: das nordfranzösische Land, ein Dorf irgendwo im Nirgendwo. Das ist dort, schon seit Dumonts frühesten Filmen wie seinem Debüt „La Vie De Jésus“ oder seinem opus magnumL'Humanité“, wo tote junge Mädchen am Waldrand liegen und das Böseste, Archaischste im Menschen schon deshalb irgendwann hervorbricht, weil niemand dort irgendetwas anderes zu tun hat.

    Es gibt wirklich Monströses in den Menschen, und das gehört untrennbar zum Menschlichen, mehr gibt es an diesen Mordfällen, die Dumonts Œuvre wie ein roter Faden durchziehen, nicht aufzuklären oder zu verstehen, aber das genügt vielleicht manchem auch schon, um aus den Tränen seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Inwieweit France de Meur am Ende eine Erlöste ist, und was das aus ihr macht, diese Frage bleibt, wie so oft bei Dumont, völlig offen.

    Fazit: Eine abgrundtief nihilistische, schneidend scharfe Mediensatire mit einer unvergesslichen Léa Seydoux. Die Welt der Medien und ihrer Prominenz skizziert Dumont darin als eine luftdicht versiegelte, sich fortwährend selbst spiegelnde Blase, die kaum noch ein Entrinnen zulässt. Wie alle Filme von Dumont ist auch „France“ – seinen glänzenden Oberflächen und seiner nur scheinbaren komödiantischen Leichtigkeit zum Trotz – keine leichte Kost. Aber es ist eine Herausforderung, die sich unbedingt anzunehmen lohnt.

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