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    Cortex
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Cortex

    Auf dem Lost Highway einmal falsch abgebogen

    Von Christoph Petersen
    Trotz einiger gescheiterter Anläufe scheint der Zeitpunkt optimal, um es einfach mal wieder zu probieren: Nachdem sich der Multi-Dimensionen-Mindfuck „Dark“ zu einer der weltweit beliebtesten und meistdiskutierten Netflix-Serien entwickelt hat, gibt es endlich – auch international – wieder einen ernstzunehmenden Hunger auf ambitionierte Mystery-Stoffe auch aus Deutschland, wo das Genre zuvor jahrzehntelang fast gar nicht mehr stattfand. Und „Cortex“ trifft zudem auch noch den aktuellen Modetrend, der nach konsequent düsteren und möglichst vertrackten Plot-Puzzles verlangt.

    Moritz Bleibtreu, der nun nach 40-jähriger Schauspiel-Karriere sein Debüt als Regisseur und Drehbuchautor gibt, überzeugt in einem seiner neuen Jobs allerdings deutlich mehr als im anderen: „Cortex“ ist vor allem formal schwer beeindruckend – sowohl was die Ambitionen als auch die Umsetzung angeht, gibt es wenig, was man dem Erstlingsregisseur für seine weiteren Arbeiten hinter der Kamera mit auf den Weg geben möchte. Das Drehbuch ist hingegen ein Problem – es punktet zwar mit einer neugierig stimmenden Prämisse, ergründet diese dann jedoch nicht sonderlich tief. Stattdessen wirkt der Plot mit seinen immer neuen Traum-Mechanismen gleichermaßen dünn und überladen.

    Moritz Bleibtreu ist in "Cortex" nicht nur vor der Kamera präsent.


    Der Supermarkt-Sicherheitsmann Hagen (Moritz Bleibtreu) leidet seit einigen Monaten unter besonders lebhaften Träumen, bei denen er so sehr im Schlaf schwitzt und sich herumwälzt, dass er tagsüber immer wieder von krassen Müdigkeitsschüben heimgesucht wird. In ein Schlaflabor, wie ihm seine Hautärztin-Ehefrau Karo (Nadja Uhl) rät, will er aber trotzdem nicht.

    Sowieso scheint mehr dahinter zu stecken: Werden einige der halluzinierten Momente später womöglich Realität? Wer ist der junge Mann namens Niko (Jannis Niewöhner), der immer wieder in den Träumen auftaucht und sich bald in einer lebensbedrohenden Situation mit seinem älteren Bruder (Marc Hosemann) und einem Gangster-Trio wiederfindet? Und stimmt es eigentlich, dass man tatsächlich nicht wieder aufwacht, wenn man im Traum stirbt, wie Hagens Supermarktdetektiv-Kollege Bojko (Martin Klempnow) meint?

    Kaffee statt Burger


    Statt wie einst John Travolta und Samuel L. Jackson über den Quarter Pounder mit Käse zu diskutieren, erklärt der Gangster-Boss Aykut (Kubilay Sarikaya), warum der Americano eigentlich Americano heißt – Dallmayr-Werbegesicht Moritz Bleibtreu wird seinem Image als Kaffee-Experte also auch als Dialog-Autor gerecht. Der MacGuffin-Koffer, hinter dem ab einem gewissen Punkt alle Parteien her sind, könnte ebenfalls direkt aus „Pulp Fiction“ stammen …

    … wobei Quentin Tarantino längst nicht das einzige Vorbild ist, dem Moritz Bleibtreu Tribut zollt: Eine Einstellung, in der Hagen in den Spiegel schaut, aus diesem aber das Antlitz von Niko zurückstarrt, ist eine Hommage an „Lost Highway“ von David Lynch. Und „Inception“ wird von dem einmal mehr brillanten Nicholas Ofczarek, der hier als Apotheker mit dem Talent zum Traumlenken quasi die Rolle von Christopher Nolans Lieblings-Erklärbär Michael Caine übernimmt, sogar als Erläuterungshilfe herangezogen.

    Immer wieder großartig: Nicholas Ofczarek.


    Gleich zu Beginn inszeniert der zitierfreudige Moritz Bleibtreu zudem ein Diner samt Femme-Fatale-Bedienung (Anna Bederke), als würde der nebelverhangene Ort unter einer Autobahnbrücke in Hamburg direkt aus einem klassischen Hollywood-Film-noir stammen. Da spürt man sofort: Visuell hat „Cortex“ richtig was drauf: Mit der dunklen, ausgewaschenen Farbpalette fühlen sich die Bilder immerzu an, als würde man sie wie der müdigkeitstrunkene Hagen ebenfalls nur gedämpft wahrnehmen. Hinzu kommen immer wieder ambitionierte Einstellungen, die einem im Gedächtnis hängenbleiben – so wie das Rücken-zu-Rücken-Bild mit Hagen und Karo, das allein mit seinen Unschärfen alles aussagt, was man über diese Ehe wissen muss. Oder die Überblendungen, bei denen wiederholt die Köpfe von Hagen und Niko für Sekundenbruchteile regelrecht ineinander fließen zu scheinen.

    In inszenatorischer Hinsicht muss sich „Cortex“ also keinesfalls vor seinen Vorbildern verstecken. Aber die Story kann da leider nicht mithalten: Traumwandeln, Körpertausch, Vorahnungen – statt eine der eingeführten Mechanismen auch in der Tiefe auszuloten, schmeißt Moritz Bleibtreu einfach immer weitere in den Ring. Im selben Moment bleiben auch die Figuren weitestgehend eindimensional, was auch der großartige Cast nur bis zu einem gewissen Punkt auffangen kann – vor allem über Niko erfahren wir so gut wie nichts, was uns zu ihm hinziehen könnte, weshalb man inmitten dieses abgefuckten Traum-Rätsels auch niemandem so recht die Daumen drücken mag.

    Die Beliebigkeit der Traumregeln im Zusammenspiel mit den wenig einnehmenden Figuren führt dazu, dass „Cortex“ zwar immer wieder faszinierend, aber nur selten auch spannend ausfällt – und wenn man am Ende auf das Plot-Konstrukt zurückschaut, ist das alles sogar frustrierend-seicht geraten. Mit „Cortex“ unterstreicht Moritz Bleibtreu seine Regieambitionen mit einem dicken, fetten Ausrufezeichen – hinter seiner Zukunft als Drehbuchautor bleibt aber erst mal noch ein Fragezeichen…

    Fazit: Ein formal beeindruckender, atmosphärisch reizvoller, aber erzählerisch unausgegorener Traum-Thriller.

    Wir haben „Cortex“ auf dem Filmfest Hamburg gesehen, wo der Film seine Weltpremiere im offiziellen Programm gefeiert hat.

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