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    Adults in the Room
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Adults in the Room

    Wie Yanis Varoufakis (dann doch nicht) Griechenland gerettet hat

    Von Björn Becher
    1969 drehte Costa-Gavras einen der besten Politfilme aller Zeiten: „Z - Anatomie eines politischen Mordes“ ist eine bewusst einseitige, ungemein kraftvolle, wütende und künstlerisch herausragende Abrechnung mit der Militärdiktatur in seiner Heimat Griechenland – dabei ist es ganz egal, dass die Handlung des Films in einem namenlos bleibenden Land spielt. „Übereinstimmung mit Personen und wahren Ereignissen ist gewollt“, stellte er damals seinem Film als Kommentar voran. Genau 40 Jahre später braucht er solch einen Hinweis gar nicht mehr: Denn wer in „Adults In The Room“ mit Yanis, Wolfgang und Christine gemeint ist, dürfte jedem, der sich in den vergangenen Jahren nur ein klein wenig für europäische Politik interessiert hat, ohnehin sofort klar sein. Bei seiner Adaption des Sachbuchs „Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment.“ von Yanis Varoufakis, in dem dieser seine kurze Zeit als griechischer Finanzminister aufarbeitet, geht der überzeugte Linke Costa-Gavras zwar mit der alten Wut, aber nur phasenweise mit der künstlicheren Brillanz von damals zur Sache.

    Anfang 2015 feiert die linke SYRIZA-Bewegung in Griechenland den Wahlsieg. Der aufstrebende Politiker Alexis (Alexandros Bourdoumis) wird zum neuen Ministerpräsidenten, der Ökonom Yanis (Christos Loulis) zu seinem Finanzminister – und das, obwohl er selbst gar kein Mitglied der Partei ist. Genau fünf Monate und zwölf Tage später kommt Yanis nach Hause und erklärt seiner Frau, dass er zurückgetreten sei. Er erinnert sich an das knappe halbe Jahr im Amt, die Treffen mit seinen europäischen Kollegen, die Sitzungen der sogenannten Euro-Gruppe und innerhalb der griechischen Regierung. Vor allem erinnert er sich aber an die vielen zählen Verhandlungen und seine verzweifelten Versuche, Griechenland aus den Fesseln europäischer Bürokraten zu befreien und sein Land von der erdrückenden Schuldenlast zu befreien. Doch nicht nur sein zäher deutscher Amtskollege Wolfgang (Ulrich Tukur) verweigert jegliche Nachverhandlungen des von der EU für Griechenland beschlossenen Sparprogramms …

    Bewusst einseitig!


    „Adults In The Room“ ist kein klassisches Biopic und das liegt nicht nur daran, dass Costa-Gavras sich ausschließlich auf die subjektive Perspektive von Yanis Varoufakis stützt. Vielmehr versucht der Filmemacher gar nicht erst, seinem eigenen Protagonisten möglichst nahezukommen. Um Varoufakis als Person geht es ihm kaum, sein Fokus liegt vielmehr auf der klaren Aussage, wie falsch das starre Festhalten der EU-Finanzminister an ihrem Programm für Griechenland nach Meinung des Filmemachers und seines Protagonisten war. Dabei dominiert die Darstellung der ständigen Sitzungen und Besprechungen, an denen der Finanzminister beim verzweifelten Versuch, neue Verhandlungen zu führen, teilnimmt, nur um doch keine Fortschritte zu erzielen. Wenn Varoufakis doch mal als Mensch und nicht als Politiker ins Zentrum rückt, erscheint er meist im besten Licht: als Realist und Idealist, der schon vor dem Dienstantritt das fertige Rücktrittsgesuch in der Tasche hat – für den Tag, an dem er seinen Prinzipien in dem Amt nicht mehr folgen kann.

    So erweist sich „Adults In The Room“ größtenteils als Abfolge eher zäher und trockener Meetings – und so ist folgerichtig auch Costa-Gavras Politdrama über weite Strecken ziemlich trocken und manchmal auch zäh. Der Filmemacher führt neu auftretende, wichtige Figuren zwar mit einer kurzen Einblendung zu ihrer Position ein, grundsätzlich setzt er aber voraus, dass man die nur mit Vornamen präsenten Akteure zumindest größtenteils auch so zuordnen kann. Dass er die Besprechungen selbst stark simplifiziert, ist ist in einem normallangen Kinofilm zwar unvermeidlich, es wirkt aber auch etwas befremdlich, wenn „intensive Gespräche“ keine fünf Minuten dauern und nicht viel mehr als die knappe Begrüßung und den kurzen Austausch ohnehin unverrückbarer Positionen umfassen.

    Es wird viel geredet, noch mehr gestritten - und doch so gut wie nichts erreicht.


    In der Regel zeigt Costa-Gavras diese Meetings nur, nimmt sich dabei als Filmemacher selbst zurück und überlässt stattdessen seinen Schauspielern die Bühne. Aus deutscher Sicht sticht hier natürlich „Tatort“-Star Ulrich Tukur heraus, der trotz fehlender optischer Ähnlichkeit nicht nur deshalb direkt als Wolfgang Schäuble zu identifizieren ist, weil er im Rollstuhl sitzt, sondern auch dessen berühmtes schwäbisches Idiom beim Englischsprechen perfekt imitiert. Bei seinem ersten Auftritt kommentiert Tukur die Bilder von der Wahl in Griechenland mit einem verächtlichen „Wenn sie gewinnen, schmeißen wir sie aus dem Euro“, was ihn gleich zu Beginn auf unnötig platte Weise als den Bösewicht des Dramas etabliert. Es ist nicht der einzige Moment in diese Richtung. Dass sich solch ein Agitationsprojekt kaum mit Subtilitäten aufhält, liegt ja aber auf der Hand. Dass Yanis bei einem Frankreich-Besuch aber auch noch kurz über einen visionären Jungpolitiker namens Emmanuel stolpert, ist genauso überflüssig, wie viele der aus dem Off gesprochene Gedanken der Hauptfigur, die das Gesehene sowieso einfach nur noch mal doppeln.

    In genug Momenten kommt aber dann aber doch die alte Brillanz der Regie-Legende durch. Wenn Yanis mit Power-Point-Präsentation und flammender Ansprache selbst die ihn eigentlich strikt ablehnende Banker zu stehenden Ovationen anstachelt, ist das wahrscheinlich genauso erfunden wie eine definitiv verzerrt dargestellte Pressekonferenz in Deutschland, in der Yanis von der Bühne steigt, um im Saal mit den Journalisten zu sprechen. Trotzdem illustrieren solche Momente gekonnt das Charisma der Figur. Richtig gut wird „Adults In The Room“, wenn Costa-Gavras eindeutig ins Surreale abdriftet. Wenn den Griechen bei einem EZB-Meeting ihre Schulden regelrecht um die Ohren geknallt werden, verlassen die Zahlen irgendwann die Monitore, auf denen eh kein Platz mehr ist, und fliegen durch den ganzen Raum, den sie ebenfalls schon bald komplett ausfüllen. Mit diesem gekonnten Bild illustriert der Filmemacher perfekt, welches Ausmaß die Last des Landes angenommen hat und wie absurd die Vorstellung ist, dass eine Regierung diese Schulden jemals zurückzahlen könnte.

    Theater in der EU!


    Immer wieder macht sich Costa-Gavras auch über das Gebaren in der Europäischen Union lustig. Da wird dann bei einem der vielen, die zweite Hälfte des Films dominierenden Euro-Gruppen-Treffen nicht mehr über mögliche Problemlösungen diskutiert, weil es plötzlich viel wichtiger ist, sich auf eine Formulierung für die gemeinsame Presseerklärung zu einigen. Am stärksten bleibt der Filmemacher aber dann, wenn statt vieler Worte die Bilder für sich sprechen, wie er auch im exzellenten Finale beweist: Inszeniert wie die Theateraufführung einer griechischen Tragödie irrt der nach Yanis‘ Rücktritt nun auf sich alleingestellte Alexis durch die Gänge, bis ihn die anderen europäischen Regierungschefs (hier tritt dann auch zum ersten Mal Merkel auf) in einer Art Tanzperformance immer weiter in die Enge treiben und so schließlich zum Einlenken bringen.

    Fazit: Rückhaltlos subjektiv rekapituliert Costa-Gavras den halbjährigen Versuch von Yanis Varoufakis, die strengen EU-Regulierungen für Griechenland zu lockern, um anschließend eine ander Politik machen zu können. Mitunter ist das so trocken, wie man sich stundenlange Diskussionen von Politikern eben halt so vorstellt. Oft genug kreiert der Filmemacher dabei aber auch Momente, die noch einmal ins Gedächtnis rufen, warum er zu den besten seines Fachs gehört.

    Wir haben „Adults In The Room“ auf dem Filmfestival in Venedig gesehen, wo er außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wurde.

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