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    Abikalypse
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Abikalypse

    Selten wie ein Yeti: Eine charmante Schulkomödie aus Deutschland!

    Von Karin Jirsak-Biemann
    #FailOrFame (also „Scheitern oder Ruhm“) lautet die turbulente Challenge für vier Nerd-Freunde, die in der sommerlichen Schul-Komödie „Abikalypse“ eine möglichst legendäre Abi-Party auf die Beine stellen wollen. Den Fame von „Fack ju Göhte“, dem Über-Hit des schon oft totgesagten Pennäler-Genres, wird Adolfo Kolmerer mit seinem erstaunlich krawallfreien Beitrag (gerade deshalb) wahrscheinlich nicht absahnen – von einem Fail kann allerdings auch keine Rede sein: Ganz ohne die üblichen Sex-, Fäkal- und Kotzwitzchen serviert der Berliner Regisseur einen durchgängig charmanten Film über Freundschaft und das Erwachsenwerden der Generation Instagram.

    Bis jetzt waren sie die Loser – doch als Legenden werden sie die Schule verlassen! Jedenfalls, wenn es nach Diplomatensohn Musti (Reza Brojerdi) geht. Der hat nämlich nach der unerwartet bestandenen Abi-Prüfung im Überschwang großspurig vor der ganzen Stufe angekündigt, die ultimative Abi-Party zu schmeißen. Seine nicht minder uncoolen Freunde Hannah (Lea van Acken), Yannick (Jerry Hoffmann) und Tom (Lucas Reiber) sind zwar skeptisch, helfen ihrem Kumpel aber bei den Vorbereitungen. Die erweisen sich allerdings als ganz schön haarig, erst recht, als Musti nach einem Streit auf die Kreditkarte seines Vaters (Mehmet Kurtuluş) verzichten muss. Der komplette Party-Plan droht ins Wasser zu fallen – und auch die Freundschaft der vier Außenseiter wird auf eine harte Probe gestellt …

    Vier Freunde auf der Mission zur perfekten Abi-Party!


    Das rasante Abenteuer der vier sympathischen Loser beginnt überhaupt erst am Tag der letzten Abi-Prüfung, was zur Folge hat, dass Konflikte mit den Schulautoritäten – im Gegensatz zu etwa „Fack ju Göhte“ – hier so gut wie keine Rolle spielen. Zumindest in einem Fall ist das sogar ein bisschen schade, immerhin hat Regisseur Adolfo Kolmerer für die Rolle der genervten Schuldirektorin doch die allzeit köstliche Anna Stieblich („Türkisch für Anfänger“) gewinnen können, die hier deshalb leider nur in einer kurzen Szene zu sehen ist. Allzu tragisch ist das allerdings nicht, denn der junge Cast wuppt den temporeich inszenierten Party-Planungs-Plot auch ohne pädagogische Widersacher sehr vergnüglich über die Ziellinie.

    Aus dem quirligen Quartett der Hauptfiguren sticht besonders Reza Brojerdi, mit dem Kolmerer bereits an dem Genre-Geheimtipp „Schneeflöckchen“ zusammengearbeitet hat, als liebenswerter Quatschkopf Musti heraus: Sowohl bei seinen beknackt-größenwahnsinnigen Aktionen als auch in seinen nachdenklicheren Momenten weiß er alle Zuschauer-Likes sicher auf seiner Seite. Auch Lea van Acken („Das Tagebuch der Anne Frank“) und die bereits genreerfahrenden Jerry Hoffmann („Abi '97 – Gefühlt wie damals“) und Lucas Reiber („Fack ju Göhte 2 + 3“) überzeugen mit einem erfrischend authentischen Spiel. Angenehm auch, dass sich Kolmerer bei der Zeichnung der Hauptfiguren die üblichen Klischees gespart hat:

    So hat zum Beispiel Musti zwar einen (vermutlich) arabischen Migrationshintergrund und durchaus seine Schwierigkeiten mit seinem von „Tatort“-Kommissar Mehmet Kurtuluş mit würdevoller Präsenz gespielten Diplomatenvater – kulturbedingt sind diese Auseinandersetzungen aber nicht. Auch die Hautfarbe von Yannick spielt in der Geschichte überhaupt keine Rolle. Somit spiegelt sich hier eine erfrischende Selbstverständlichkeit von Interkulturalität wider, die man (nicht nur) im Kino immer noch oft vermisst; nach wie vor sind Darsteller mit Migrationshintergrund in Hauptrollen selten zu sehen, wenn es nicht gerade darum geht, eben diesen zu problematisieren.

    #ScheinUndSein


    Als sehr am Puls der Zeit erweist sich auch die Kommunikation der Protagonisten. Hashtag hier, Follower da – es gibt kaum eine Äußerung oder Handlung, die nicht an den digitalen Kosmos angebunden wird, in dem zu überleben vordergründige Aufgabe der jugendlichen Helden und ihrer Widersacher ist. Dieser Umstand wird von Kolmerer, der bislang vor allem in der Werbung tätig war, auch grafisch immer wieder betont, indem Elemente wie Netzkommentare, Like-Zähler und WhatsApp-Nachrichten als zweite Ebene über die Filmhandlung projiziert werden. Das kann manchmal schon nerven und dürfte zumindest bei der älteren, sich nicht ganz natürlich in dieser Welt bewegenden Generation für Kopfschütteln sorgen …

    … andererseits bringt das permanente Sprechen, Denken und Handeln mit diesen Codes aber auch die sehr reale Problematik einer Generation zum Ausdruck, die mehr als jede davor mit der Unterscheidung von Schein und Sein zu kämpfen hat. Für eine Teenie-Komödie verarbeitet „Abikalypse“ dieses Thema durchaus kritisch und nimmt dabei in manchen Szenen sogar satirische Züge an: Wenn zum Beispiel beim Zelten am See eine Challenge ausgerufen wird, bei der sich alle mit Brennnesseln das Gesicht einreiben, danach Selfies machen und der Gewinner mit den meisten Instagram-Likes für diese Dokumentation gnadenloser Blödheit anschließend mit der Krankentrage abtransportiert wird, ist das schon ein ganz schön bissiger Kommentar in Richtung derer, die sich heutzutage immer wieder von beknackten Influencern zu hirnlosen, Geschirrspültabs fressenden Lemmingen degradieren lassen.

    Spätestens nach zehn Minuten ohne Selfie wird Leonie (Lisa-Marie Koroll) absolut unausstehlich.


    Diesem „anstrengenden“ Zeitgeist stellt der Film quasi zur Beruhigung einen guten, alten Wert entgegen – nämlich die wahre Freundschaft, so richtig im echten Leben, ganz ohne 2.0. Und da spielt trotz der permanenten digitalen Reflexion eben zum Glück auch die große Planung der vier nerdigen Helden, deren besondere Freundschaft das warm pulsierende Herz des durchweg sympathischen Abi-Abenteuers bildet. Aber natürlich kommt der Film auch nicht ohne Antagonisten aus – und das sind, wie im Außenseiter-Film allgemein üblich, auch hier die Schönen, Coolen und (zu Unrecht) Beliebten. Hier haben wir zum einen Yannicks nach Selfies süchtige Freundin Leonie (Lisa-Marie Koroll, die Tina aus „Bibi & Tina“). Die verlangt von ihrem herzensguten Boyfriend unter anderem, sich „Nick“ zu nennen und wie der Prinz von Bel-Air zu kleiden, damit er ihr in der Öffentlichkeit zumindest nicht mehr ganz so peinlich ist. Da ist doch sofort klar, dass diese blonde Ausgeburt an Oberflächlichkeit den armen Yannick nur ausnutzt – seinen Freunden und Zuschauer zumindest. Nicht so klar ist dagegen, und das ist durchaus eine kleine Schwäche des Drehbuchs, warum die Wannabe-Influencerin überhaupt mit Yannick zusammengekommen ist?

    Der zweite Gegenspieler, der arrogante Patrick (Leon Blaschke), wird zu Beginn des Films als mächtiger Feind aufgebaut, dann im Verlauf des Films aber erzählerisch nahezu vergessen. Weder kommt es in irgendeiner Form zur Eskalation des Konflikts, noch kassiert der angesagte Aggro-Typ am Ende seine verdiente Rechnung – gebraucht hätte es diese Figur also eigentlich gar nicht. Ganz im Gegensatz zum heimlichen Helden der Schule und auch dieser locker-leichten Sommerkomödie: Hausmeister Hasselmann, wunderbar lässig-trashig verkörpert von Oliver Korittke („Bang Boom Bang“) mit Andi-Brehme-Gedächtnisfrisur.

    Fazit: Vielleicht nicht legendäres, aber frisches und temporeiches Abi-Abenteuer ohne platte Klischees, Sex-, Fäkal- und Kotzwitzchen, dafür mit liebenswerten Hauptfiguren und vielen satirischen Seitenhieben auf die Generation Instagram.

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