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    Tatort: Das Leben nach dem Tod
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Tatort: Das Leben nach dem Tod

    Spannende Geschichtsstunde, lahmer Krimi

    Von Lars-Christian Daniels
    Kurz nach der TV-Premiere von „Tatort: Der gute Weg“ ließ der federführende RBB im Mai 2019 in einer Pressemitteilung die Bombe platzen: Hauptdarstellerin Meret Becker verlässt 2022 den Berliner „Tatort“! „Ich war und bin ein Streuner, und es ist an der Zeit, meine Neugierde weiter zu stillen und Neues auszuprobieren“, gab die Schauspielerin bekannt – und so ist der „Tatort: Das Leben nach dem Tod“ unter Regie von Florian Baxmeyer der Start einer langen Abschiedstournee, wenngleich ihr TV-Partner Mark Waschke der Krimireihe auch über 2022 hinaus erhalten bleiben soll. Beim Blick auf die vergangenen Jahre und Krimi-Highlights wie „Tatort: Meta“ oder „Tatort: Amour Fou“ zählt der zehnte Einsatz der beiden aber eher zu den schwächeren Folgen aus der Hauptstadt: Pünktlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls schlagen die Filmemacher den Bogen in die Vergangenheit und beleuchten ein düsteres Kapitel der DDR-Historie, vermögen der interessanten Geschichtsstunde aber nur bedingt auch ein spannendes Krimidrama abzutrotzen.

    Der Berliner Hauptkommissar Robert Karow (Mark Waschke) ist geschockt: Sein Nachbar, der alleinstehende Rentner Fritz Irrgang, liegt schon seit Wochen tot in seiner Wohnung. Karow hat davon nichts bemerkt – was auch daran liegt, dass kein Verwesungsgeruch in den Hausflur gezogen ist, weil in der Wohnung die Türritzen versiegelt wurden und das Fenster auf Kipp stand. Während seine Vermieterin Petra Olschweski (Karin Neuhäuser) die Wohnung auffallend schnell grundreinigen und teuer weitervermieten möchte, erklärt Karow sie kurzerhand zum Tatort. Als die Ermittler einen Genickschuss an der mumifizierten Leiche entdecken, lässt sich auch Karows Kollegin Nina Rubin (Meret Becker) auf dessen Theorie „Entmietung per Mord“ ein. Eine weitere Spur führt zu kriminellen Teenager-Clans, die Rentner in ihren Wohnungen überfallen: Dem pensionierten Richter a. D. Gerd Böhnke (Otto Mellies) wurden Wertsachen und sein Orden „Verdienter Jurist der DDR“ gestohlen. Ist auch Karows Nachbar Opfer eines solchen Überfalls geworden?

    Bei der mumifizierten Leiche wäre der Genickschuss fast nicht aufgefallen.


    „Wusst‘ ick o nich“, berlinert Nina Rubin in gewohnter Manier, nachdem Kommissarsanwärterin Anna Feil (Carolyn Genzkow) ihr Unwissen über eines der am besten gehüteten Geheimnisse der DDR kundgetan hat, doch in der Tat: Insgesamt 166 Todesurteile wurden per Guillotine oder „Nahschuss“ vollstreckt, ehe die DDR-Führung die Todesstrafe 1987 – kurz vor einem Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik – in ihrem Bemühen um den UNO-Beitritt und mehr internationale Anerkennung offiziell abschaffte. Regisseur Florian Baxmeyer, bereits zum 18. Mal für die Krimireihe am Ruder, und Drehbuchautorin Sarah Schnier („Barfuß bis zum Hals“) haben aus diesem eher unbekannten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte einen interessanten und recht klassischen Whodunit konstruiert, bei dem die Täterfrage allerdings leicht zu beantworten ist: Krimierprobte Zuschauer kommen früh und mühelos auf die richtige Auflösung.

    Während der Kreis der Tatverdächtigen in diesem Sonntagskrimi nämlich so überschaubar ausfällt wie selten, gibt es auf Seiten der Ermittler gleich doppelten Zuwachs: Die neue Rechtsmedizinerin Jamila Marques (Cynthia Micas) wird von Rubin, die bei der Polizei als neue Präventionsbeauftragte für interkulturelle Zusammenarbeit im Gespräch ist, prompt als erstes auf ihre dunkle Hautfarbe angesprochen, während die sensible Staatsanwältin Jennifer Wieland (Lisa Hrdina) in diesem Film von Beginn an wie ein Fremdkörper wirkt. Was Wielands empfindlichen Magen angeht, dürfte sie aber so manchem Zuschauer aus der Seele sprechen: Selten hat es sich so dringend empfohlen, sein Abendessen vorm „Tatort“-Beginn um 20.15 Uhr zu beenden – die einleitenden Bilder mit Hunderten von Maden und allerlei brummendem Getier sind alles andere als appetitanregend.

    Kurz hart, dann schleppend


    Die harte Gangart der Anfangsminuten täuscht aber: Der „Tatort: Das Leben nach dem Tod“ schleppt sich in einer melancholisch-düsteren Grundstimmung lange Zeit dahin, weil Spannungsmomente rar gesät sind und nicht wenige Zuschauer in diesem überfrachteten Krimidrama zunächst die Orientierung suchen dürften. Neben dem Geschäftsgebaren von Karows profitgieriger Vermieterin wollen schließlich auch noch der Raubzug der gewaltbereiten Teenager Magda (Elina Vildanova) und Ana (Amira Demirkiran), das rätselhafte Schicksal des psychisch labilen Gebäudereinigers Hajo Holzkamp (Christian Kuchenbuch) und seiner Frau Liz (Britta Hammelstein) sowie Rubins Bewerbung in der Zentralstelle im Plot untergebracht werden. Das ist ein bisschen viel des Guten, und wer den letzten Berliner „Tatort: Der gute Weg“ verpasst hat, hängt dabei besonders in der Luft: Rubins Trauma, den Tod ihres Kollegen Stracke (Peter Trabner) aus nächster Nähe miterlebt und dabei fast ihren Sohn verloren zu haben, wird lediglich in einem Nebensatz angerissen.

    Auch über die Vorgeschichte der Holzkamps, eigentlich mit ausreichend Kamerazeit bedacht, hätte man angesichts ihrer Schlüsselrolle gern mehr erfahren – hier bleibt es bei Andeutungen und einer knappen Recherche der Kommissare, die dann all das rechtfertigen soll, was früher oder später im Drama enden muss. Der Schlussakkord des Films entfaltet dadurch bei weitem nicht die Wucht, die bei engerer Bindung des Zuschauers an die Figuren durch sorgfältigere Charakterzeichnung möglich gewesen wäre. So ist es trotz der starken Schauspieler am Ende vor allem das bisher wenig beleuchtete Kapitel der DDR-Zeit, das als interessantester Aspekt dieser „Tatort“-Folge in Erinnerung bleibt.

    Fazit: Ein spannender Einblick in ein bis dato selten thematisiertes Stück DDR-Geschichte – aber nur selten ein spannender Krimi.
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