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    Tatort: Das fleißige Lieschen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Tatort: Das fleißige Lieschen

    Saarbrücken bekommt ein neues Ermittlerteam

    Von Lars-Christian Daniels
    Die „Tatort“-Bilanz des Saarländischen Rundfunks liest sich mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte ziemlich durchwachsen: Schon der eigenwillige „Tatort“-Kommissar und Bonvivant Max Palu (Jochen Senf), der von 1998 bis 2005 im deutsch-französischen Grenzgebiet ermittelte, hatte bei Teilen des Publikums einen ganz schweren Stand. Von dessen Nachfolgern Maximilian Brückner und Gregor Weber, die sieben Mal gemeinsam die Kommissare Franz Kappl und Stefan Deininger spielten, trennte sich der SR 2012 noch vor der Erstausstrahlung ihres letzten „Tatort: Verschleppt“ im Zuge einer bemerkenswerten medialen Schlammschlacht – und die ersten Krimis mit Kinostar Devid Striesow in der völlig fehlkonzipierten Rolle als rollerfahrender Kommissar Jens Stellbrink gerieten 2013 sogar zur unfreiwilligen Lachnummer.

    Sieben Jahre und mehrere Kurskorrekturen später sind auch Stellbrink & Co. wieder Geschichte. Der SR schickt in Christian TheedesTatort: Das fleißige Lieschen“ ein neu aus der Taufe gehobenes Ermittlerduo ins Rennen um die Zuschauergunst am Sonntagabend, doch diesmal könnte daraus tatsächlich eine Erfolgsgeschichte werden: Der erste Fall der beiden jungen Kommissare überzeugt als spannender Krimi der alten Schule und erzählt darüber hinaus den Auftakt einer vielversprechenden Hintergrundstory über die Ermittler. Das führt allerdings dazu, dass der Mordfall in ihrem ohnehin stark überfrachteten „Tatort“-Debüt oft hintenanstehen muss.

    Das neue Team in Saarbrücken: Hauptkommissare Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) und Adam Schürk (Daniel Sträßer).


    Erik Hofer (Gabriel Raab) liegt erschlagen im Wald – und das nur einen Tag, nachdem sein Großvater Bernhard (Dieter Schaad) ihn im Rahmen einer großen Feier zu seinem Nachfolger als Leiter der traditionsreichen Tuch- und Textilfabrik „Hofer & Söhne“ erklärt hatte. Sind Eriks Bruder Konrad (Moritz Führmann), der selbst gern Firmenchef geworden wäre, die Sicherungen durchgebrannt? Die Saarbrücker Hauptkommissare Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) und Adam Schürk (Daniel Sträßer), die sich schon als Schüler kannten, aber aus den Augen verloren haben, hören sich in der wohlhabenden Industriellenfamilie um und realisieren schnell, dass Neid und Missgunst dort an der Tagesordnung sind. Rosa Hofer (Jana Klinge) scheint der Tod ihres umtriebigen Mannes kaum zu belasten, während für Gisela Hofer (Marita Breuer), die Mutter des Toten, eine Welt zusammenbricht. Sie selbst hat ihren Mann vor Jahrzehnten unter mysteriösen Umständen verloren: Wollte er öffentlich machen, dass „Hofer & Söhne“ in der NS-Zeit Zwangsarbeiter schuften ließ?

    „Dein Partner, der hat Schiss in der Buchse“, gibt Kripo-Kollegin Esther Baumann (Brigitte Urhausen) dem aus Berlin zurückgekehrten Hauptkommissar Adam Schürk einen gut gemeinten Ratschlag mit auf den Weg. Doch Adam kennt seinen Partner Leo Hölzer besser, als sie ahnt: „Willst du auch einen Tipp? Halt einfach mal deine Fresse, ja?“ Im Saarbrücker Präsidium, in dem Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) und die knuffige Rechtsmedizinerin Henny Wenzel (Anna Böttcher) das Kernteam komplettieren, weht ab sofort ein rauerer Umgangston – und das ist vielleicht auch ganz gut so. Das Zusammenspiel des neuen Quintetts wirkt nämlich schon bei seiner Feuertaufe um Längen authentischer als es bei ihren Vorgängern je der Fall war – Stellbrink & Co. ließ sich eher attestieren, dass sie bei ihren sieben Fällen stets bemüht waren. Wird an der Saar nun endlich alles besser?

    Wenig Zeit für den Mord


    Das Potenzial dafür ist vorhanden, denn Drehbuchautor Hendrik Hölzemann („Kammerflimmern“), der bereits die ambitionierte Story zum Saarbrücker „Tatort: Mord Ex Machina“ schrieb, hat einen Whodunit der alten Schule konzipiert, der sich wie ein typischer Erstlingsfall eines neuen Ermittlerduos liest. Die Filmemacher stehen hier stets vor demselben Dilemma: Bei derzeitig 20 „Tatort“-Teams fällt es dem Publikum schwer, den Überblick zu behalten – und um die Hauptfiguren nach oft monatelanger TV-Abstinenz zwischen zwei Einsätzen möglichst nachhaltig im Kopf der Zuschauer haften zu lassen, braucht es nicht nur ausführliche Charakterzeichnung, sondern auch eine fundierte Hintergrundgeschichte, auf die sich langfristig aufbauen lässt. All das will möglichst schon im ersten „Tatort“ eines neuen Teams untergebracht werden – was zwangsläufig auf Kosten des Mordfalls geht, für den dadurch viel weniger Zeit bleibt.

    Im „Tatort: Das fleißige Lieschen“, den Regisseur Christian Theede („Allein gegen die Zeit – Der Film“) atmosphärisch dicht in Szene setzt, ist das nicht anders: Die etwas konstruierte, aber folgenreiche Vorgeschichte der Kommissare wird zunächst in rätselhaften Rückblenden angedeutet, ehe sich der Nebel nach einer halben Stunde lichtet – und nach einem Twist am Ende folgt noch ein knackiger Cliffhanger, der schon die Neugier auf den nächsten Fall weckt (der aber erst 2021 gesendet wird). Zwischen den Kommissaren ergeben sich trotz der alten Freundschaft – wie so oft in der Krimireihe – aber auch Reibungspunkte: Der aufbrausende Schürk, der in seiner ersten „Tatort“-Szene gleich mal einem rabiaten Vater in einem Reisebus einen auf die Zwölf gibt, ist der dominante Part und fährt auch mal Solo-Touren. Hölzer hingegen ist eher der Teamplayer und Softie, der bei seinen Kollegen aufgrund einer eklatanten Schwäche aber einen schweren Stand hat.

    Eine schreckliche Familie - die Hofers haben mehr als nur eine Leiche im Keller.


    Darüber hinaus gibt es weitere Handlungsschlenker, in die viel Zeit investiert wird: Konrad Hofers homosexuelle Beziehung zu Jaques Fontaine (Marc Oliver Schulze) und Schürks amüsanter Privatfeldzug gegen Pförtner Knut Ehrlich (Axel Siefer) bringen die Geschichte ebenso wenig voran wie Erik Hofers Wettschulden beim skrupellosen Wettbürobetreiber Lars Weißer (Robert Gallinowski) – zumal es ohnehin ein ungeschriebenes „Tatort“-Gesetz ist, dass Kleinkriminelle, denen die Kommissare nebenbei das Handwerk legen, am Ende nichts mit dem Mord zu tun haben. Deutlich reizvoller gestaltet sich die über fünf Generationen reichende Familien- und Firmengeschichte der Hofers, in der sich dank der Erzählungen von Lida Tellmann (Marie Anne Fliegel) ein düsteres Kapitel aus der NS-Zeit offenbart: Hier fehlt am Ende die Zeit, um angemessen auszuerzählen, welch schreckliche Dinge sich einst auf dem Firmengelände abspielten.

    Trotzdem ist der 1128. „Tatort“ unterm Strich ein gelungener und im besten Sinne moderner Krimi, mit dem der Saarländische Rundfunk nach den verkorksten letzten Jahren den Weg in die richtige Richtung einschlägt: Vladimir Burlakov und Daniel Sträßer harmonieren als junge Ermittler – einem späteren Jahrgang entstammen momentan nur der Dortmunder „Tatort“-Kollege Jan Pawlak (Rick Okon), die Kieler Kommissarin Mila Sahin (Almila Bagriacik) und die Dresdner Ermittlerin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) – prächtig und auch die Besetzung der Nebenrollen ist überzeugend. Allein die Performance von Dieter Schaad in seiner vereinnahmenden Rolle als herrischer Patriarch, widerwärtiger Alt-Nazi und sadistisches Scheusal ist das Einschalten wert – und wie so oft im „Tatort“ wird seine Autorität auch in den privaten Erfahrungen eines Kommissars reflektiert.

    Fazit: Überzeugendes Debüt für das neue Saarbrücker Team mit den fast unvermeidlichen Schwächen eines „Tatort“-Erstlings – überfrachtete Story, aber viel Potenzial für die Zukunft.
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