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    Tatort: Leonessa
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Tatort: Leonessa

    Der nächste Tote im Saloon

    Von Lars-Christian Daniels
    Gerade einmal 14 Monate ist es her, dass ein „Tatort“-Team zum letzten Mal in einem Saloon ermittelte – und für einen Sonntagskrimi ist das ja nun wahrlich kein alltäglicher Schauplatz. Die Weimarer Kommissare Lessing und Dorn kamen im Januar 2019 trotzdem in den Genuss, denn es verschlug sie im schrägen „Tatort: Der höllische Heinz“ in eine Westernstadt in Thüringen – und dort ließ es sich Dorn nicht nehmen, in voller Cowgirl-Montur die Bar aufzusuchen. Für ihre Kollegen aus Ludwigshafen gelten nun ähnliche Vorzeichen: In Connie WalthersTatort: Leonessa“ muss ein Mord in einer Westernkneipe aufgeklärt werden. Das gestaltet sich allerdings weitaus konventioneller, als es bei den meist ziemlich albernen (und daher auch so umstrittenen) Krimikomödien aus Weimar der Fall ist.

    Hans Schilling, der mit seiner Frau Hanne eine beliebte Westernkneipe betreibt, wird erschossen hinter seinem Tresen aufgefunden. Die Ludwigshafener Hauptkommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter), die bei ihren Ermittlungen von Spurensicherungsleiter Peter Becker (Peter Espeloer) unterstützt werden, befragen die Stammgäste des Lokals – doch die Aussagen liefern keine Hinweise auf den Täter. Ins Visier der Kommissarinnen geraten stattdessen drei Jugendliche, die regelmäßig vor der Kneipe herumlungern: Samir Tahan (Mohamed Issa), dessen Bruder bereits im Knast saß, Leon Grimminger (Michelangelo Fortuzzi), dessen Mutter Katja (Karoline Eichhorn) an der Flasche hängt, und Vanessa Michel (Lena Urzendowsky), deren Eltern die Erziehung ihrer Tochter längst aufgegeben haben. Offenbar haben sich Leon und Vanessa prostituiert, um ihr Taschengeld aufzubessern. Doch steht das in Zusammenhang mit dem Mord?

    Komissarin Odenthal ist der Verdächtigen Vanessa ganz dicht auf der Spur...


    „Ich kann machen, was ich will“, brüllt Odenthal mit Zornesröte im Gesicht durch ihr Büro, nachdem sie einen Apfel in Richtung ihrer Kollegin geschmissen hat – und Stern schaut daraufhin ähnlich perplex aus der Wäsche, wie es wohl auch mancher Zuschauer vor dem Fernseher tun dürfte. Lebt er nun doch wieder auf, der nervtötende Zickenkrieg im Ludwigshafener Präsidium? Jahrelang waren die weiblichen Alphatiere – wir erinnern uns an schauderhaft schlechte Folgen wie den „Tatort: LU“ – schließlich alles andere als gut aufeinander zu sprechen, ehe der SWR aufgrund der vernichtenden Resonanz eine überfällige Kurskorrektur vornahm und bei der Gelegenheit auch gleich Mario Kopper (Andreas Hoppe) in den „Tatort“-Ruhestand schickte. Doch es kann Entwarnung gegeben werden: Die seltsam aufgesetzte Spontan-Eskalation bleibt die Ausnahme. Odenthal und Stern arbeiten über weite Strecken des Films harmonisch zusammen.

    Drehbuchautor Wolfgang Stauch, der zum siebten Mal das Skript für einen „Tatort“ beisteuert, hat einen klassischen Whodunit entworfen: Der Film startet mit dem gewohnten Leichenfund, setzt sich mit den Erkenntnissen der Spurensicherung, Befragungen der Augenzeugen und der Vernehmung der Tatverdächtigen fort – ehe er irgendwann in einer nicht sonderlich überraschenden, aber auch nicht allzu vorhersehbaren Auflösung der Täterfrage gipfelt. Lediglich drei Dinge, die ansonsten zu den ungeschriebenen Gesetzen der Krimireihe zählen, werden in ihrer 1123. Ausgabe leicht variiert: Die obligatorische späte Verfolgungsjagd gibt es gleich zu Beginn (Odenthal stellt einen von Vanessas Freiern), der sonst größere Kreis der Verdächtigen reduziert sich auf die drei Teenager und auch auf die zweite „Tatort“-Leiche (die meist gegen 21 Uhr gefunden wird) wartet man vergeblich.

    Immerhin routiniert


    Das war’s dann aber auch schon mit den Variationen, denn ansonsten geht in Ludwigshafen – und das ist angesichts von Katastrophenkrimis wie dem komplett missglückten „Tatort: Babbeldasch“ von 2017 oder dem unfreiwillig komischen „Tatort: Die Sonne stirbt wie ein Tier“ von 2015 fast schon als Kompliment zu werten – alles routiniert seinen Gang. Dabei wird so fleißig Dialekt gesprochen wie in kaum einer zweiten deutschen „Tatort“-Stadt – wenngleich die Kommissarinnen Hochdeutsch reden, dürfen vor allem die Augenzeugen frei nach Schnauze „Pälzisch babble“. Auch für Assistentin Edith Keller (Annalena Schmidt), in den letzten Jahren in erster Linie der Ruhepol im Präsidium, finden die Filmemacher endlich mal wieder sinnvolle Verwendung im Außendienst: Keller darf sich undercover in der Kneipe an den Tresen setzen und ihren Teil zur Auflösung beitragen.

    Beim Blick auf die Figuren ergibt sich ansonsten aber kein überzeugendes Bild: Zwar scheitert Stauch – anders als viele andere „Tatort“-Autoren – nicht daran, den Jugendlichen glaubwürdige Dialoge in den Mund zu legen, aber charakterliche Ambivalenz vermag er Samir und „Leonessa“ kaum zu verleihen. Das ist umso überraschender, weil der Zuschauer die drei auch häufig bei Reibereien hinter dem Rücken der Kommissare zu Gesicht bekommt – warum Leon und Vanessa, glaubwürdig gespielt von Michelangelo Fortuzzi („Druck“) und Lena Urzendowsky („Kokon“), aber ständig vor einer Ü50-Kneipe abhängen und sich prostituieren, wird kaum hinterfragt. Platte Stereotypen bleiben auch Samirs Bruder, der in bester „4 Blocks“-Manier „Yallah!“ rufen und rumposen darf, und die sozial abgehängten Eltern der Teenager, wenngleich Karoline Eichhorn („Dark“) in ihrer Rolle als abgefuckte Alkoholikerin zumindest für das beste Bild in diesem „Tatort“ verantwortlich zeichnet.

    Vieles deutet darauf hin: Einer von den dreien wird es wohl gewesen sein!


    So bewegt sich alles mit Dialogen aus dem „Tatort“-Baukasten und Fotos von Verdächtigen an Glaswänden ohne große Schlenker auf die Zielgerade zu – die Spannungskurve schlägt dabei kaum nach oben aus, aber nach den bewegten letzten Sonntagen (wir denken zurück an den vom Publikum auf breiter Front abgelehnten „Tatort: Ich hab im Traum geweinet“ und den künstlerisch angehauchten „Tatort: Die Nacht gehört dir“) dürsten viele Stammzuschauer auch wieder nach einem „guten alten Krimi“, in dem einfach nur ein Mörder überführt werden muss. Genau einen solchen bekommen sie geliefert. Das große Zeitlupenfinale gerät dann sogar so kitschig, wie man es sonst fast nur im populären „Tatort“ aus Köln zu sehen bekommt – um auf der Beliebtheitsskala ähnliche Werte zu erreichen wie die Kollegen aus der Domstadt, ist es für Odenthal und Stern aber noch ein weiter Weg.

    Fazit: Connie Walthers „Tatort: Leonessa“ ist ein selten spannender, aber zumindest ordentlich gespielter Krimi der alten Schule, der nur selten die ausgetretenen Pfade der Sonntagabendunterhaltung verlässt.
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