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    First Love
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    First Love

    Ein krasser Spaß

    Von Christoph Petersen
    First Love“ ist der 103. Film (!) von Takashi Miike, der trotz seines schier übermenschlich anmutenden kreativen Schaffens gerade mal 58 Jahre alt ist. Am Ende seiner hoffentlich weiterhin so fruchtbaren Karriere wird „First Love“ zwar längst nicht so monumental aus der ebenso langen wie abwechslungsreichen Miike-Filmographie herausragen wie etwa die modernen Klassiker „Audition“ oder „Visitor Q“. Aber das ändert nichts daran, dass die in nur einer einzigen Nacht in Tokio angesiedelte Gangster-Komödie unheimlich viel Spaß macht. Das liegt allerdings weniger an der doch eher herkömmlichen Geschichte vom wiederholten Miike-Kollaborateur Masa Nakamura („Dead Or Alive 2“, „Sukiyaki Western Django“). Stattdessen ist es Miike selbst, der einmal mehr keine Gefangenen macht, wenn es an die Inszenierung eines grotesk-brutalen Treibens geht. Das erreicht zwar längst nicht den Level von „Ichi The Killer“ (das kann man wohl tatsächlich nur einmal machen), ist aber dennoch böse, krass und trockenhumorig genug, um ein nicht allzu weichliches Publikum 105 Minuten lang gut zu unterhalten.

    Als der vielversprechende Nachwuchsboxer Leo (Masataka Kubota) in einem Match plötzlich zu Boden geht, obwohl sein Gegner ihn kaum getroffen hat, diagnostizieren die Ärzte bei ihm einen tödlichen Hirntumor. Ohne Hoffnung durch das nächtliche Tokio schlendernd, stürmt auf einmal die junge Prostituierte Monica (Sakurako Konishi) an ihm vorbei, die von dem korrupten Cop Otomo (Nao Ohmori) verfolgt wird. Der bisher eigentlich immer nur an sich selbst denkende Leo beschließt, einmal in seinem nur noch kurzen Leben jemand anderem zu helfen und schlägt den Verfolger mit einer trockenen Geraden bewusstlos. Aber damit geht der ganze Schlamassel nur los: Denn ohne es zu ahnen, ist Leo plötzlich zwischen die Fronten der japanischen Yakuza, der chinesischen Triaden und der lokalen Polizei geraten. Der Beginn einer ebenso blutigen wie bleihaltigen Nacht, bei der erwartbar viele Menschen auf oft unerwartete Weise ums Leben kommen...

    Plötzlich Verbündete: Leo und Monica gegen den Rest von Tokio


    Nachdem „First Love“ in den ersten Momenten noch sehr bodenständig losgeht, einige Minuten lang sogar fast schon wie ein klassisches Boxer-Aufsteiger-Drama anmutet, macht Takashi Miike anschließend doch schnell klar, in welche Gefilde der nächtliche Tokio-Trip noch abdriften wird – und zwar mit einem Match Cut der ganz besonderen Sorte: Die Bewegung eines K.O.-Schlags im Boxring setzt sich nach einem Schnitt direkt in der Bewegung eines mit einem Samuraischwert abgeschlagenen Kopfes fort, der aus einem Hauseingang hinaus auf die Straße fliegt und dort noch ein letztes Mal mit den Augen zwinkert. Diese Dualität von weitestgehend geerdetem Drama und grotesker Gewalt zieht sich durch den gesamten Film – wobei die stärksten Szenen fast ausschließlich auf das Konto der staubtrocken-schwarzhumorig präsentierten Exzesse gehen.

    Eine Oma wird einfach ausgeknockt und ein Plüschhund kurzerhand zum Zeitzünder umfunktioniert – und ja, das ist in den allermeisten Fällen saulustig. Nur wenn es um (sexuelle) Gewalt gegen Frauen geht, scheint da immer auch ein gewisser erniedrigender Sadismus mitzuschwingen, der Miike ja in seiner Karriere schon oft vorgeworfen wurde und der auch hier nur sehr bedingt zum sonstigen Ton des Films passt. Erst im etwas zu langgezogenen Finale in einem Baumarkt gehen Miike schließlich ein wenig die Ideen aus. Da entpuppt sich zwar ausgerechnet ein Einarmiger als Pumpgun-Profi, aber abgesehen davon bietet der mit Fäusten, Pistolen und Schwertern ausgetragene Showdown nur wenige wirkliche Highlights. Ein Stück weit mag das aber auch mit dem wohl nicht allzu hohen Budget und den damit einhergehenden Limitierungen zusammenhängen. Wobei Miike sich dem in der spektakulärsten Actionszene des Films ganz einfach entzieht, indem er sie in Form eines Anime präsentiert – ein gelungenes Wagnis!

    Gruppenfoto der Yakuza. Ansonsten verhalten sich die Jungs aber absolut nicht wie brave Schuljungen.


    Wenn Miike am Ende, wenn die allermeisten Figuren längst das Zeitliche gesegnet haben, noch einmal zu den wenigen Überlebenden zurückkehrt, um ihnen einen lakonisch-hoffnungsvollen Schlussmoment zu schenken, löst das im Zuschauer längst nicht die Emotionen aus, die man von solch einer Szene eigentlich erwarten würde. Da merkt man dann auch, dass das Drama wohl den ganzen Film hindurch nicht so wahnsinnig gut funktioniert hat, aber die komödiantischen Elemente effektiv von dieser Schwachstelle abgelenkt haben. Der wahre Star von „First Love“ sind eben nicht die Frischverliebten aus dem gleichermaßen ironischen wie zynischen Titel, sondern die Momente, in denen Miike seinen staubtrockenen, manchmal sadistischen, immer dunkelschwarzen Humor von der Leine lässt. Und von denen gibt es zum Glück eine ganze Menge.

    Fazit: Eine abgefahrene Gangster-Action-Komödie, die vor allem davon profitiert, dass Takashi Miike mal wieder eine ganz Ecke krasser zur Sache geht, als man es von den allermeisten seiner Kollegen gewöhnt ist. So wird dank seinem Wahnsinn aus einem nur mäßigen Skript doch noch ein sehenswerter Film.

    Wir haben „First Love“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er in der Sektion Quinzaine des Réalisateurs gezeigt wurde.

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