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    The Young Cannibals
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Young Cannibals

    Oldschool-Monsterhatz für Fans

    Von Thorsten Hanisch

    Welcher Horrorfan saß 2005 nicht im Kino und hat mit Herzrasen und drastisch erhöhter Schweißproduktion mitverfolgt, wie sich in der britischen Produktion „The Descent – Abgrund des Grauens“ sechs Frauen tief unter der Erde gegen eine Horde kannibalistischer Kreaturen zur Wehr setzen? Und wer war danach nicht maßlos enttäuscht, dass Regisseur Neil Marshall das mit seinem Durchbruch gegebene Versprechen mit keinem seiner nachfolgenden Werke einhalten konnte? Dass sogar eine Abwärtsspirale begann, die zuletzt im enttäuschenden „Hellboy – Call Of Darkness“ mündete?

    Natürlich soll man den Tag nicht vor dem Abend loben, aber mit „The Young Cannibals“ knüpfen Kris Carr und Sam Fowler, zwei frischgebackene Filmhochschulabsolventen der Bournemouth University, vor allem in Sachen Inhalt und Flair gekonnt an den größten Erfolg ihres Landsmannes an (wobei auch dessen Debütfilm „Dog Soldiers“ von 2002 ebenfalls mit Pate gestanden haben dürfte). Mit ihrem unmittelbar nach Verlassen der Uni gemeinsam mit 30 ihrer Mitabsolventen gedrehten Monsterschocker empfehlen sie sich jedenfals als zukünftige Horror-Hoffnung des Inselstaats. Und vielleicht wird ja dieses Mal alles anders …

    Wer die falschen Burger isst …

    Nat (Megan Purvis) wird 20 – eigentlich ein schönes Alter und Grund zur Freude. Doch nach einem Selbstmordversuch sitzt die junge Frau, rund um die Uhr überwacht, in der Psychiatrie. Einer ihrer Freunde befreit sie aber aus der Anstalt und fährt mit ihr zu einem Campingplatz am See, auf dem ihre Clique den Geburtstag feiern will. Als der Grundbesitzer ihnen allerdings Hamburger spendiert, beginnt ein Kampf ums Überleben. Die Burger bestehen nämlich aus Menschenfleisch und durch den Verzehr haben Nat und Co. ein übernatürliches Monster auf ihre Spur gelockt, das sich ausschließlich von Kannibalen ernährt …

    Was sich in der Zusammenfassung wie ein trashig-absurder Spaß anhört, fängt tatsächlich verhältnismäßig leichtfüßig an. Wie man es von vielen ähnlichen Genreproduktionen kennt, wird im Auftaktdrittel erst einmal das Figurenpersonal, das später um sein Leben bangen muss, eingeführt. Bereits hier fällt aber auf, dass es zwar auch Stereotypen wie den Dicken und seinen leicht unterbelichten Kumpel als Comic-Relief-Figuren gibt, sich die Drehbuchautoren aber daneben um vielleicht nicht besonders tiefgründige (wir haben es immer noch mit einem Creature Feature zu tun), aber dennoch glaubwürdige und ernstzunehmende Charaktere bemühen.

    Figuren zum Mitfiebern

    Selbst anfängliche Abziehbilder wie die Streberin Pippa (Hannah Louise Howell) oder die schnöselig-eingebildete Frances (Kim Spearman) erhalten mit der Zeit etwas Profil. Und mit der gestörten Beziehung zwischen Nat und ihrem Bruder Teddy (Samuel Freeman) wird sogar noch eine dramatische Komponente installiert, die im starken Finale dann zur vollen, tragischen Blüte kommt. Dass sich dieser Aufbau auszahlt, beweist die zweite Hälfte von „The Young Cannibals“. Nachdem die Figuren mit der wenigsten Bodenhaftung als Allererstes über die Klinge springen, wird aus dem scheinbaren Trash-Spaß nämlich ein bitter-ernster Terrorfilm, der Protagonisten hat, mit denen man mitfiebern kann.

    … wird selbst gefressen.

    Die dadurch erzeugte Spannung ist nicht ganz unwichtig, da „The Young Cannibals“ sonst größtenteils bekannten Genrespuren folgt (gut die Hälfte der Laufzeit wird gerannt oder gestorben) und die mit einer Prise „Predator“ abgeschmeckte Mischung aus den eingangs genannten beiden Vorbildern trotz abgedrehter Prämisse natürlich nicht gerade originell ist. Doch nicht nur dank der Figuren fesselt das Debüt von Kris Carr und Sam Fowler, auch die versierte Machart trägt ihren Teil bei: Einfallsreiche Kameraperspektiven, atmosphärische Sets, ein toll designtes Monster und ein exzellenter, extrem prägnanter Synthesizer-Score von Gabe Castro („Proper Binge“) lassen einen schnell vergessen, dass man sich gerade eine (vermutlich Very-) Low-Budget-Produktion von zwei Filmhochschulabsolventen ansieht.

    Fazit: „The Young Cannibals“ erfindet das Rad nicht neu, bietet aber von geschickten Händen liebevoll zubereitete und deshalb sehr sehenswerte Hausmannskost, die vor allem Horrorfans sicherlich zu goutieren wissen werden.

    Eine nette Anekdote am Rande: „The Young Cannibals“ sollte erst „Eaten Alive!“ heißen. Um Verwechslungen mit dem gleichnamigen Tobe-Hooper-Film von 1977 (bei uns auch als „Blutrausch“ bekannt) zu vermeiden, gab es den neuen Titel, der aber wiederum an eine gewisse, in den 1980er-Jahren sehr erfolgreiche Popgruppe erinnert. Deshalb lautet der Slogan auch: „The Cannibals are not ‚Fine‘ anymore…“!

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