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    Tatort: Glück allein
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Tatort: Glück allein

    Die Ibiza-Affäre lässt grüßen!

    Von Lars-Christian Daniels
    So sonderbar manche „Tatort“-Terminierung in den vergangenen Jahren angesichts thematischer Dopplungen, identischer Schauspieler in verschiedenen Rollen oder vertauschter Sendereihenfolgen auch anmuteten – ab und zu gelingt es den Programmplanern der ARD dann doch, mit einem „Tatort“ den Zeitgeist zu treffen und reale Ereignisse ein Stück weit in ihrer fiktiven Krimireihe zu spiegeln. So auch im Wiener „Tatort: Glück allein“: Es ist schließlich erst wenige Tage her, dass in Österreich die rechtskonservative Koalition im Rahmen der „Ibiza-Affäre“ in die Brüche ging – dem FPÖ-Politiker und Vizekanzler Heinz-Christian Strache wurde bekanntlich ein heimlich gefilmtes Video zum Verhängnis, in dem er sich möglicherweise gegenüber der vermeintlichen Nichte eines russischen Oligarchen zur Korruption, zur Umgehung der Gesetze zur Parteienfinanzierung und zur Kontrollübernahme parteiunabhängiger Medien bereit erklärte. Im Krimi von Filmemacherin Catalina Molina („Das dunkle Paradies“) lässt sich nun ein österreichischer Spitzenpolitiker mit einer ukrainischen Geschäftsfrau ein und gerät sogar unter Verdacht, einen Doppelmord begangen zu haben – und es ist an den Wiener „Tatort“-Kommissaren, die wahren Hintergründe des Tat ans Licht zu bringen.

    Die Wiener LKA-Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sitzen gerade mit ihrem Vorgesetzten Ernst Rauter (Hubert Kramar) beim Abendessen, als sie die Nachricht von einem Blutbad ereilt: Im Haus des Nationalratsabgeordneten Raoul Ladurner (Cornelius Obonya) liegen dessen ermordete Frau und schwer verletzte Tochter, die von den Rettungskräften ins künstliche Koma versetzt wird. Rauters Anweisungen sind klar: Eisner und Fellner sollen sich aus dem Fall heraushalten und der Kommissarin Julia Soraperra (Gerti Drassl) das Feld überlassen, die wie Ladurner aus Tirol stammt und gut mit ihm bekannt ist. Doch die Kollegin wirkt befangen und überfordert – und so setzen sich Eisner und Fellner gemeinsam mit ihrem Assistenten Manfred Schimpf (Thomas Stipsits) über die Anweisung hinweg und nehmen die Ermittlungen selbst in die Hand. Weil in Ladurners Haus vieles nach einem Einbruch aussieht, geraten die Kommissare auf die Spur des kleinkriminellen Kuptschyk (Dieter Egermann), der womöglich von der ukrainischen Geschäftsfrau Natalia Petrenko (Dorka Gryllus) mit dem Einbruch beauftragt wurde. Ladurner hatte in einem Untersuchungsausschuss belastendes Material gegen Petrenko vorlegen wollen…

    Ist Kommissarin Julia Soraperra überfordert?


    Im „Tatort“ aus Österreich gibt es diesmal ein Wiedersehen zu feiern: Nach seiner überraschenden Abstinenz zuletzt im „Tatort: Wahre Lügen“ ist Assistent „Fredo“ Schimpf nun wieder mit von der Partie. Warum Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits, der die Rolle bereits seit sieben Jahren spielt, fehlte, wurde von ORF und ARD nicht kommentiert, und so rankten sich bereits Gerüchte um einen Ausstieg des beliebten Nebendarstellers. Für seine Rückkehr hat sich Drehbuchautor Uli Brée nun ein kleines Schmankerl einfallen lassen: „Fredo“, der in den vergangenen Jahren den sympathischen Sidekick gab und in der zweiten Ermittlungsreihe für so manchen Lacher verantwortlich zeichnete, steht vor den Trümmern seiner Ehe und wirkt im „Tatort: Glück allein“ damit eine ganze Ecke ernster und geerdeter als bei seinen früheren Auftritten. Außerdem hat er ein Auge auf die neue Kollegin Soraperra geworfen – ein netter, aber nur halbherzig ausgearbeiteter Handlungsschlenker, der angesichts des einmaligen Gastspiels von „Vorstadtweib“ Gerti Drassl wohl auch im nächsten Austro-„Tatort“ nicht weiterverfolgt wird.

    Ansonsten passiert in der 1097. „Tatort“-Folge lange Zeit wenig Überraschendes: Wenn ein Krimi „Glück allein“ heißt, muss man kein großer Prophet sein, um vorauszusehen, dass die Ermittler hinter den Kulissen der vermeintlich glücklichen Familie Ladurner alles andere als das sprichwörtlich mit dem Glück einhergehende „Traute Heim“ entdecken. Vielmehr lag in der Familie des selbsternannten Saubermanns einiges im Argen – und so dreht sich bis in die Schlussminuten alles um die Frage, ob dessen Frau und Tochter tatsächlich die Opfer eines auf frischer Tat ertappten Eindringlings wurden oder ob der aufbrausende Familienvater womöglich selbst seine Finger mit im Spiel hat. Lange Zeit rätselhaft bleibt dabei die Rolle von Kommissarin Soraperra, deren Verhältnis zu Schlüsselfigur Ladurner engerer Natur ist, als sie vorgibt – wie genau die Verstrickungen aussehen, halten Regie und Drehbuch aber erfreulich lange offen. Liegt die schockierende Antwort auf die Täterfrage erst einmal auf dem Tisch, dürfte sich bei vielen Zuschauern allerdings Ratlosigkeit breitmachen: So überraschend und erschütternd die Auflösung des klassischen Whodunit auch ausfällt, so konstruiert und wenig glaubwürdig wirkt sie dabei.

    „Fredo“ Schimpf (links) ist dieses Mal ernster...


    Auch Spannungslöcher gibt es in diesem über weite Strecken soliden Wiener „Tatort“ einige zu beklagen: Ähnlich wie im Stuttgarter „Tatort: Anne und der Tod“ oder im hessischen „Tatort: Das Monster von Kassel“ setzen die Filmemacher auf lange Dialogsequenzen, die zwischenzeitlich in reichlich Leerlauf münden. Die kleineren Scharmützel mit ihrem Vorgesetzten Rauter und die ewigen Streitereien zwischen Eisner und Fellner, die bei den Außeneinsätzen gewohnt energisch aneinandergeraten, zählen hingegen so fest zum Wiener „Tatort“ wie das Fadenkreuz im Vor- und Abspann. Für Fans der Krimis aus Österreich ist der „Tatort: Glück allein“ aber allemal sehenswert, denn besonders im Hinblick auf Eisner tut sich einiges in Sachen Charakterzeichnung: So erfahren wir bei seinem 45. Einsatz für die Krimireihe – stolze 20 Jahre nach seinem Dienstantritt im „Tatort: Nie wieder Oper“ von 1999 – viel über seinen Vater, dessen provokantes Verhaltensmuster der LKA-Ermittler in Ladurner wiederzuerkennen glaubt und der ihn als Kind regelmäßig geschlagen und gedemütigt hat. Fellner hingegen nimmt sich diesmal zurück: Ihre überwundene Alkoholsucht wird nur am Rande thematisiert, als ihr Kollege in weiser Voraussicht ein frisch gezapftes Glas Bier schnell außer Reichweite befördert und sie damit gar nicht erst in Versuchung bringt.

    Fazit: Catalina Molinas „Tatort: Glück allein“ ist ein solider Krimi aus Wien, aber gerade mit Blick auf die abstruse Auflösung nicht frei von Schwächen.
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