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    The Prom
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Prom

    Netflix hat den Gute-Laune-Hit, den es 2020 braucht!

    Von Björn Becher
    Dass Musicals nicht immer den üblichen Gesetzen der Logik folgen und sowieso einfach alles eine Spur drüber ist, wird in dem stargespickten „The Prom“ früh augenzwinkernd selbst kommentiert. Wer mit sowas eher Probleme hat, wird mit dem Netflix-Film von „American Horror Story“-Schöpfer Ryan Murphy also vermutlich eher wenig Spaß haben. Ganz anders dürfte es hingegen bei den meisten Musical-Fans aussehen ...

    … denn die Adaption des gleichnamigen, lose von einer wahren Geschichte inspirierten Broadway-Stücks zelebriert die Kunstform „Musical“ förmlich: Ausgestattet mit einer hochkarätigen Besetzung um Superstar Meryl Streep und Newcomerin Jo Ellen Pellman avanciert „The Prom“ in seinen besten Momenten zum ansteckenden Gute-Laune-Hit, der die ganze Welt zu umarmen scheint. Da verzeiht man dann auch, dass sich zwischendrin auch ein paar Längen und die eine oder andere nur mittelmäßige Gesangseinlagen eingeschlichen haben.

    Emma (Jo Ellen Pellmann) möchte gerne gemeinsam mit ihrer Freundin zum Abschlussball ...


    Die Broadway-Superstars Dee Dee Allen (Meryl Streep) und Barry Glickman (James Corden) sind am Boden zerstört. Ihr neuestes Werk bekam so katastrophale Kritiken, dass es noch in der Eröffnungsnacht wieder abgesetzt wurde – was auch mit ihrem schlechten Bild als Narzissten in der Öffentlichkeit zusammenhängt. Schnell ist klar: Es braucht einen öffentlichkeitswirksamen Publicity-Stunt – aber bitte keinen, der zu viel Aufwand erfordert. Da kommt ein Trending-Thema auf Twitter gerade recht: Im ländlichen Indiana wurde an einer Schule vom konservativen Elternbeirat der gesamte Abschlussball abgesagt, weil die lesbische Emma (Jo Ellen Pellmann) mit ihrer Freundin als Begleitung gehen wollte.

    Mit der vergeblich auf ihren Durchbruch wartenden Broadway-Sängerin Angie (Nicole Kidman) und dem arbeitslosen Ex-Sitcom-Star Trent (Andrew Rannells) reisen Dee Dee und Barry nach Indiana, um das Fest zu retten. Zu dumm, dass Emma mit dem an ihrer Seite kämpfenden Rektor Hawkins (Keegan-Michael Key) eigentlich ziemlich gut für sich selbst einstehen kann. So machen die Stars alles erst mal nur noch schlimmer. Und noch ahnt niemand, dass Emmas Freundin ausgerechnet die Musterschülerin Alyssa (Ariana DeBose) ist. Deren Mutter: Mrs. Greene (Kerry Washington), die erzkonservativen Anführerin der Elternbewegung...

    Zumindest visuell sofort eine Wucht


    „The Prom“ braucht einen kleinen Moment, bis das Geschehen so richtig Fahrt aufnimmt. Ryan Murphy hat zwar extra den originalen Broadway ebenso akkurat wie eindrucksvoll nachbauen lassen, damit seine Stars auf den Straßen zwischen den berühmten Tanztheatern performen können – aber trotz des Aufwands überträgt sich der Zauber dieses Mekkas aller Musical-Fans zunächst noch nicht wirklich. Die Sets wirken dann doch ein wenig steril – und das Nicole Kidman („Paddington“) eher angestrengt versucht, mit ihren Co-Stars mitzuhalten, dabei aber schon aufgrund ihrer Körpergröße ein wenig staksig wirkt, macht es nicht besser...

    Sobald die egoistischen Stars dann im ländlichen Indiana eintreffen, kommt allerdings direkt ordentlich Schwung in „The Prom“. Dazu tragen auch die sicherlich nicht neuen, aber trotzdem spritzig präsentierten Gags über das Aufeinanderprallen von Glamour und Provinz bei. Es ist zum Beispiel echt amüsant, wenn der von Dee und Barry immer nur belächelte Trent vom Hotelier als einziger erkannt wird – in Indiana kennt man eben selbst schlechte Sitcoms eher als irgendwelche abgehobenen New Yorker Musicals. Zugleich avanciert Newcomerin Jo Ellen Pellman hier sofort zum emotionalen Zentrum des Films. Nicht nur ihre Songeinlagen sind allesamt bärenstark – sie gehen auch so direkt ans Herz, wie man es sich von solch einer Musical-Produktion erhofft.

    ... aber dazu müssen erst mal ein paar Broadways-Stars nach Indiana reisen ...


    Mit dem Dazukommen von Emma setzt eine wahre Achterbahnfahrt ein, die in einem frühen Höhepunkt gipfelt: Wenn die Schülerin mit Barry für einen Prom-Dress shoppen geht, entwickelt sich die anfängliche Zweier-Nummer „Tonight Belongs To You“ zunehmend zur großen Massentanzszene, bei der immer mehr Schüler*innen dazukommen, die sich ebenfalls fertigmachen, bevor schließlich der Abschlussball selbst beginnt. In dieser Sequenz entpuppt sich „The Prom“ zunächst als ein einziges orgiastisches Jubelfest …

    … nur um dann in einem richtig harten Niederschlag zu gipfeln, mit dem sowohl die zentrale Liedzeile „Life's no dress rehearsal“ wie auch der Songtitel noch einmal eine ganz neue Bedeutung bekommen. Am Broadway beschloss diese ebenso emotional-turbulente wie mitreißende Nummer den ersten Akt und entließ das Publikum in die obligatorische Pause – und auch auf Netflix dürften manche die Pause-Taste betätigen, um den Moment erst einmal angemessen zu verarbeiten.

    Vier sind eine zu viel


    Nach dem frühen Höhepunkt braucht „The Prom“ ein wenig, um wieder voll in Gang zu kommen – auch weil zunächst die vier New Yorker Stars und ihre persönlichen Probleme stärker in den Mittelpunkt rücken. Die müssen dann erst einmal nach und nach abgearbeitet werden. Hier darf dann die zuvor komplett abgetauchte Nicole Kidman noch mal etwas strahlen. Aber ihre an das Musical „Chicago“ angelehnte Nummer unterstreicht zugleich einmal mehr, dass sie teilweise ein wenig fehlbesetzt wirkt - auch weil ihre Figur im Retter-Quartett ohnehin am wenigsten zu tun bekommt.

    Ein Retter-Trio hätte hier wohl gereicht, zumal der Broadway-erfahrene Andrew Rannells hier eben spürbar stärker in seinem Element ist – und so liefert er mit dem witzigen 10-Gebote-Song „Love Thy Neighbor“ dann auch eine besonders schwungvolle Nummer. Die entwickelt sich von der Solo-Performance zur großen Massenszene in einer Einkaufsmall und gehört auch inszenatorisch zu den stärkeren Momenten von „The Prom“. Ausstattung, Choreografie und die immer wieder eindrucksvolle Kameraarbeit des bereits zweifach oscarnominierten Matthew Libatique („A Star Is Born“, „Black Swan“) gehen hier eine perfekte Symbiose ein.

    ... um den Prom doch noch zu retten!


    Die Detailverliebtheit von Ryan Murphy und seinem Team ist immer wieder eindrucksvoll, wird aber nicht jedes Mal wirklich ausgenutzt: Wenn Dee Dee sich bei Rektor Hawkins entschuldigen will, kann man schon mal drüber lächeln, dass sein ganzes Büro (sogar jeder Aktenordner) perfekt auf ihr farbenfrohes Outfit abgestimmt ist. Aber bei der anschließenden Tanznummer wird aus dem Setting zu wenig gemacht. Misslungen ist die Szene zwar trotzdem nicht, dafür ist Meryl Streep als nur langsam zu Einsicht kommende, nach Jahren wieder verliebte Diva einfach ein viel zu großer Genuss. Aber nachhaltig in Erinnerung bleibt die Sequenz auch nicht, weil der visuell eigentlich so greifbar nahe Wow-Effekt dann doch ausbleibt.

    Das ist vielleicht auch das größte Problem von „The Prom“: Im Vergleich zu herausragenden Musicals wie „Hamilton“ oder „Moulin Rouge“ bleiben am Ende dann doch zu wenig Nummern in Erinnerung und zu wenig Songs im Ohr hängen. Für das große Finale gilt das aber zum Glück nicht: Vorbereitet von Emmas eingängiger YouTube-Solonummer „Unruly Heart“ ist „It's Time To Dance“ dann genau der inklusive Abschluss-Hit, der perfekt zur Botschaft und zur Stimmung von „The Prom“ passt …

    … und das Publikum in prächtiger Stimmung wieder in die Realität entlässt.

    Fazit: „The Prom“ ist vermutlich genau das, was man zum Ende des verkorksten Jahres 2020 braucht: Ein Musical, das so viel gute Stimmung verbreitet, dass all die Probleme der Welt zumindest für eine kurze Zeit in den Hintergrund eines bonbonbunten, spritzigen Gute-Laune-Spektakels treten.

     

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