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    Come To Daddy
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Come To Daddy

    Noch fieser geht kaum!

    Von FILMSTARTS FILMSTARTS
    Nachdem der Eine Ring in „Die Rückkehr des Königs“ eingeschmolzen war, hat sich Frodo-Darsteller Elijah Wood über die Jahre hinweg alle Mühe gegeben, sich von seinem Hobbit-Image zu lösen. Dabei schreckt der Hollywood-Star bei seinen regelmäßigen Ausflügen ins Genrekino auch nicht vor extremen Rollen zurück. Am meisten im Gedächtnis geblieben ist dabei wohl sein verstörender Auftritt in „Maniac“, in dem er einen blutrünstigen Frauenmörder spielt. Zu solchen grenzauslotenden Rollen gesellt sich nun auch sein tollpatschiger DJ Norval aus „Come To Daddy“. Für das Projekt verantwortlich zeichnet der Neuseeländer Ant Timpson, der bisher als Produzent für Genrefilme wie „Deathgasm“, „Housebound“ oder auch die berühmt-berüchtigte Groteske „The Greasy Strangler“ fungierte. Er mag es also offenbar, wenn es auch mal etwas derber zur Sache geht. Und so entpuppt sich auch sein Regiedebüt als wunderbar fieser und überraschender Thriller.

    „Come To Daddy“ ist einer dieser Filme, bei denen man aufpassen sollte, möglichst niemandem im Vorfeld den Spaß zu verderben. Schließlich nimmt Ant Timpsons Familiengeschichte der etwas anderen Art im Verlauf so einige unerwartete Wendungen. Zu Beginn fährt der Hipster Norval (Elijah Wood) in eine abgelegene Küstenstadt, um seinen Vater (Stephen McHattie) zu besuchen, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Nur über Briefe hatten die beiden noch Kontakt, die Stimmung ist ab der ersten Begegnung frostig. Norval, ein erfolgloser und unbeholfener DJ, versucht krampfhaft, seinen Vater zu beeindrucken. Dafür muss sogar Elton John herhalten, der ihn angeblich entdeckt haben soll. Doch der alte Mann bleibt kaltherzig und weiß bereits, wie er den Prahlereien seines Sohnes begegnen muss. Schon bald geraten die beiden ordentlich aneinander. Es kommt zu Beleidigungen und schließlich zur gewaltsamen Eskalation …

    Elijah Wood mit dem Mut zum Extremen - auch was die Frisur angeht.


    Wer jetzt glaubt, dass er damit eh schon wisse, worauf diese Auseinandersetzung wohl hinausläuft, der täuscht sich bestimmt. Denn zu diesem Zeitpunkt ist gerade einmal das erste Viertel des Films vorbei. Wie sich die Situation zu Beginn hochschaukelt, ist bereits sehr stark geschrieben und inszeniert. Ant Timpson lässt sein Publikum schnell wissen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht und zieht die Spannungsschraube so gekonnt immer weiter an. Norvals Smartphone lässt sein Vater „aus Versehen“ bei einem Selfie ins Wasser fallen und wenn der grimmige Mann mit dem Küchenbeil das Abendessen zubereitet, dann ahnt der genreaffine Zuschauer bereits, dass im weiteren Verlauf sicherlich noch das eine oder andere Küchenutensil zweckentfremdet werden wird.

    Mit Stephen McHattie („Watchmen“, „Pontypool“) hat man dazu einen gestandenen Schauspieler für die Rolle des Vaters gefunden, der hier ein richtig schön fieses Ekelpaket abgibt. Aber auch Elijah Wood als dessen Sprössling zeigt eine überzeugende Leistung. Seine Rolle ist zwar die meiste Zeit eher zurückhaltend angelegt, aber Wood schafft es auch mit kleinen Blicken und Gesten, den inneren Zwiespalt seiner Figur zwischen Machtdemonstration, Tollpatschigkeit und der Sehnsucht nach der Zuneigung seines Vaters überzeugend darzustellen. Wie diese Sehnsucht zerstört wird, wie sich die beiden Männer in dem ersten Akt des Films gegenseitig täuschen und fertig machen, ist eine zutiefst sarkastische Komödie - zumindest bis es zur ersten schockierenden Wendung kommt.

    Das Lachen bleibt einem im Halse stecken


    Dass man das Ganze nicht allzu ernst nehmen sollte, ist von Anfang an klar. Timpson beginnt seinen Film mit einem Shakespeare-Zitat über die Sünden der Väter, die auf die Söhne abgewälzt werden, nur um diesem dann direkt auch noch eine Aussage von Beyoncé gegenüberzustellen: „There’s No One Else Like My Daddy!“ Dieser Sarkasmus zieht sich bis zum Ende des Films durch. „Come To Daddy“ ist eine schwarze Thriller-Komödie, die mit ihrer Komik immer wieder für Lacher sorgt, nur um dann im nächsten Moment mit den plötzlichen Gewaltausbrüchen umso mehr zu schocken. Dabei begibt sich Timpson zwar nie in Splatter-Gefilde, aber die Gewalt ist dennoch explizit und erinnert in ihrer schockierend-rohen Inszenierung etwa an die S.-Craig-Zahler-Filme „Brawl In Cell Block 99“ und „Dragged Across Concrete“. Viel erstaunlicher ist aber, wie gekonnt „Come To Daddy“ permanent das Genre wechselt. Angefangen als schwarzhumoriges Kammerspiel wechselt der Film ins Horrorgenre und serviert schließlich einen Thriller, bei dem man irgendwann kaum noch weiß, wo das alles überhaupt noch hinführen soll.

    Vor wem versteckt sich Norval da wohl?


    Da ist man dann fast ein wenig enttäuscht, dass der finale Akt des Films schließlich verhältnismäßig geradlinig erzählt wird. Während Timpson am Anfang noch eine große Freude daran hat, die Geschichte in immer neue Richtungen zu treiben, fällt die eigentliche Auflösung etwas mau aus. Da werden in einem Dialog ganz schnell nur die allernötigsten Infos abgearbeitet, während der Film seiner Hauptfigur kaum noch Zeit lässt, darauf angemessen zu reagieren. Dass der Thriller damit aber trotzdem nicht in sich zusammenfällt, liegt dann wieder an der starken Regiearbeit.

    Die Reise in die Nacht, die Timpson hier inszeniert, ist gesät von brutalen Slapstick-Einlagen und Missgeschicken, vor allem wenn Woods Figur aus der Reserve gelockt und zu immer neuen, heftigeren Aktionen gezwungen wird, die er sich wohl in seinen kühnsten Träumen nie hätte ausmalen können. Eine Sequenz in einem Motel ist gar so intensiv und spannend, dass sich unweigerlich Alfred Hitchcock ins Gedächtnis drängt. Erstaunlich, dass der Film anschließend noch zu einem solch berührenden Schlussbild kommt. Unter der blutigen Fassade scheint plötzlich eine Warmherzigkeit durch, die diese Familien-Tour-de-Force wunderbar abrundet.

    Fazit: So viel Schadenfreude konnte man bei einem Thriller lange nicht mehr erleben! Ant Timpsons Regiedebüt ist ein kleines, doppelbödiges Genre-Highlight.

    Eine Filmkritik von Janick Nolting.

    Wir haben „Come To Daddy“ beim Fantasy Filmfest 2019 gesehen.


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    Kommentare

    • Marki Mork
      Elijah Wood hat relativ schnell das geschafft, woran Daniel Radcliffe noch arbeitet: sich einen Ruf als ernst zunehmender Darsteller geschaffen, und von seiner großen Rolle als Frodo emanzipiert. Mag daran liegen, dass Wood bereits vorher in Dramen wie in Thrillern äußerst positiv auffiel, während Radcliffs Einstieg zwar der größte Hit aber vermutlich auch der übelste Fluch zugleich bleiben werden
    • Michael H
      Trailer wiederholt sich in der mitte
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