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    Kikujiros Sommer
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Kikujiros Sommer
    Von Björn Becher
    Das Allround-Talent Takeshi Kitano (Sportmoderator, Glossenschreiber, Erfinder und Moderator der Spielshow „Takeshi’s Castle“, Schauspieler und Regisseur) nutzt in seinen Filmen oftmals bestimmte Stereotypen: Gangster, Gewalt, Leben und Tod. Man erwartet förmlich einen Yakuza-Killer im Mittelpunkt eines Kitano-Films. Doch der Starregisseur kann auch ganz anders, wie er mit seinem Road Movie „Kikujiros Sommer“ beweist.

    Dieses Mal Dreht sich die Geschichte um eine ungewöhnliche Freundschaft. Im Mittelpunkt des Films stehen ein kleiner Junge namens Masao (Yusuke Sekiguchi) und ein griesgrämiger Mann (Takeshi Kitano unter seinem Schauspielernamen Beat Takeshi). Diese beiden machen sich gemeinsam auf eine kleine Reise. Es sind Sommerferien. Masao ist einsam. Seine Freunde sind im Urlaub, seine Großmutter (Kazuko Yoshiyuki) muss den ganzen Tag arbeiten. Als Masao beim Stöbern in den Schränken seiner Großmutter ein Bild und die Anschrift seiner Mutter findet, beschließt er, sich auf die Reise zu ihr zu machen: Er hat seine Mutter noch nie gesehen. Weit kommt er nicht. Ein paar Jugendliche wollen ihm sein Geld abknöpfen. Zum Glück kommt eine Bekannte seiner Großmutter (Kayoko Kishimoto) dazu und kann das verhindern. Um den kleinen Jungen nicht allein reisen zu lassen, beschließt sie, dem Jungen ihren nichtsnutzigen Mann als Begleitung mitzuschicken. Der hat erst einmal nichts Besseres im Sinn, als das ganze Geld auf der Rennbahn zu verjubeln. Erst nachdem sie fast pleite sind, bricht er mit dem Jungen auf. Eine wahre Odyssee beginnt, in deren Verlauf Masao zwar eine große Enttäuschung (seine Mutter hat eine neue Familie), aber auch den schönsten Sommer seines Lebens erlebt.

    Eine gläserne Glocke in Form eines Engels mit einem lachenden Gesicht ist sowohl Causa als auch Objekt des Streifens von Kitano. Als der Regisseur 1994 bei einem schweren Motorradunfall beinahe sein Leben verlor, schenkte ihm eine ältere Frau in einem Krankenhaus jenen Engel. Seitdem hat Kitano dieses Kleinod nach eigenen Angaben immer bei sich und irgendwann wollte er es in einen Film integrieren. „Kikujiros Sommer“ ist ein
    Kitano-Film (fast) ohne jegliche Gewalt und trotzdem - oder gerade deswegen - so wunderbar wie kaum ein anderer. Schon die erste Szene zeigt dem Zuschauer einen Engel: den kleinen Masao, der vergnügt eine Straße entlang rennt. An seinem Rucksack sind Engelsflügel. Ein glücklicher Junge, der über das ganze Gesicht strahlt. Schon in der nächsten Szene wird dieses Bild zerstört. Der gleiche Junge ist gar nicht mehr so glücklich. Es sind Sommerferien, eigentlich die schönste Zeit im Leben eines kleinen Jungen. Doch nicht im Leben Masaos.

    Mit nur zwei beeindruckenden kurzen Szenen zeigt Kitano die Einsamkeit des kleinen Jungen so intensiv, dass sie jedem Zuschauer nahe geht. Ganz alleine steht Masao auf dem großen Fußballplatz. Ein kleiner Punkt in der Mitte des Feldes. Der Trainer kommt, lacht ihn aus und schickt ihn nach Hause. Es sind Ferien, die Kinder sind im Urlaub. Da fällt das Fußballtraining aus. In der anderen Szene will Masao einen Freund zum Spielen abholen. Masao betritt das Haus. Die Kameraeinstellung verharrt auf dem Treppenabsatz. Kurze Zeit später kommt eine Familie nach unten. Sie sind in fröhlicher Urlaubsstimmung. Während sie in ein Auto steigen, sieht man den kleinen Masao hinterher trotten. Ein Junge der Familie ruft ihm noch ein „Tschüss“ zu, dann fährt die Familie weg. Masao bleibt alleine zurück. Als Gegenstück zu diesem netten und bemitleidenswerten Jungen hat Kitano sich selbst gesetzt: Ein griesgrämiges, eigentlich völlig unsympathisches Ekelpaket. Einen Mann, der mit Kindern nichts anfangen kann, der den Begriff „Freundlichkeit“ und die Worte „Bitte“ und „Danke“ nicht kennt. Diese Figur ist ein absolutes Kontra zu Kitanos sonstigen Rollen. Wo er sonst oftmals einen coolen, skrupellosen Killer spielt (siehe Brother oder „Sonatine“), der trotzdem irgendwie sympathisch ist, stellt er diesmal einen absoluten Versager dar, alles andere als cool, eigentlich völlig unsympathisch, aber durch seinen Tollpatschigkeit doch unwiderstehlich.

    Das Road-Movie zeigt, wie zwischen zwei grundverschiedenen Charakteren eine innige Freundschaft entsteht. Zu Beginn hasst der Erwachsene den kleinen Jungen, er ist ihm ein Klotz am Bein. Nur kurz wird ihm das Kind sympathisch, als es den Ausgang eines Radrennens richtig voraussagt. Doch als er merkt, dass dies ein Zufallstreffer des Jungen war, und er doch keine hellseherischen Fähigkeiten hat, ist es mit dem Anflug von Nettigkeit vorbei. Masao hat dagegen hauptsächlich Angst vor seinem Reisegefährten. Erst langsam entwickelt sich von beiden Seiten Zuneigung. Vor allem nachdem Masao die Enttäuschung erleben muss und sieht, dass seine Mutter eine neue Familie hat, wird das Verhältnis der beiden inniger. Der Onkel, wie er den älteren - wie in Japan üblich - nennt, versucht ihm darüber hinweg zu helfen, lügt ihm vor, dass seine Mutter weggezogen sei und sie eine andere Familie gesehen hätten, doch Masao weint. Zum ersten Mal bekommt der griesgrämige Onkel richtiges Mitleid mit dem kleinen Jungen.

    Nun kommt auch wieder der Engel ins Spiel. In einer urkomischen Szene entwendet der Onkel einem Biker das gute Stück. Dieser - der zahmste Biker, der je in einem Film zu sehen war - hat den Engel an seinem Motorrad hängen. Obwohl der Biker äußerlich auf den ersten Eindruck eine bedrohliche Gestalt ist, geht der Onkel hin und sagt in seiner gewohnt trockenen, unfreundlichen Art, dass er den Engel haben will. Der Biker will ihn nicht hergeben, sagt, dass der Engel ein Geschenk von einem Mädchen sei. Der Onkel fordert den Biker noch einmal auf, ihm das Gewollte zu geben, sonst nehme er ihm seine Karre weg. „Das ist aber nicht nett“, antwortet der äußerlich bedrohliche Biker in einem sanften Ton und in der nächsten Szene sieht man schon den Onkel mit dem Engel in der Hand. Einige Meter entfernt sitzt der Biker ganz betrübt. Eine bezeichnende Szene für Kitanos Rollencharakter, der immer so vorgeht.

    „Kikujiros Sommer“ ist ein unglaublich schöner Film, wozu vor allem auch der hervorragende Score (wie gewohnt bei Kitano von Jô Hisaishi) mit seinen sanften Klängen in hohem Maße beiträgt. Der Film berührt tief, stimmt in einzelnen Szenen traurig, ist aber die größte Zeit über lustig. Sowieso zeigt Kitano hier eine hervorragende Art von Humor. Sein Charakter ist ein Tollpatsch, der mit grandiosen Slapstickeinlagen im Stile eines Stummfilmkomikers den Zuschauer das ein oder andere Mal zum Lachen bringt. Genauso großartig und für herzhafte Lacher sorgend, ist der Versuch des Onkels, den Jungen aufzumuntern. Gemeinsam mit zwei Bikern (darunter der eine, dem mal der Engel gehörte) und einem herumreisenden Dichter startet er ein großes Unterhaltungsprogramm für den Jungen. Dabei ist der Onkel mehr der Planer und Moderator, die anderen drei müssen seinen Befehlen gehorchen und sich für den Jungen als Indianer oder Außerirdische verkleiden oder Fische spielen, die der Junge angeln kann. Lange Szenen der Glückseligkeit gibt es in diesem Abschnitt, die nur ein einziges Mal unterbrochen werden, als der Onkel in ein nahe gelegenes Altersheim geht und seine Mutter „besucht“ - eher beobachtet, denn er spricht nicht mit ihr. Zum einzigen Mal erfährt man etwas mehr über den Hintergrund dieses Charakters und warum Masaos „Verlust“ seiner Mutter, auch dem Onkel so nahe ging.

    Wenn man an diesem Film etwas Negatives finden will, dann wohl einzig und allein die deutsche Synchronisation. Vor allem Kitanos Stimme ist dermaßen unpassend, dass man sich - wenn man die Originalstimme von Kitano kennt - im ersten Moment die Ohren zu halten will. Allgemein hat die Synchronisation stark die Tendenz dazu, den wunderschönen Film ins Lächerliche zu ziehen. Trotzdem bleibt „Kikujiros Sommer“ auch in der deutschen Synchronisation ein wahrer Genuss. Eine wunderschöne und komische Reise, die nach 121 Minuten leider vorbei ist. Dann stehen Masao und der Onkel wieder in Tokyo an einer Brücke. Ihre Wege trennen sich, sie verabschieden sich, doch eine letzte Frage hat Masao noch: „Wie heißt Du eigentlich Onkel?“ - „Kikujiro!“ Dann läuft der Junge weg und der Zuschauer weiß nun nicht nur, warum der Film „Kikujiros Sommer“ heißt, sondern auch, warum er in der ersten Szene einen so glücklichen Jungen gesehen hat. Denn die letzte Szene ist wieder die erste, der Beginn des Films war das Ende: Ein kleiner, unheimlich glücklicher Junge mit einem hellblauen Rucksack mit Engelsflügeln rennt eine Straße entlang. Er hat gerade den schönsten Sommer seines Lebens verbracht und der Kinozuschauer vielleicht die schönsten zwei Kinostunden seines Lebens. Wise, Funny, Sad, Wonderful!
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