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    The Forest Of Love
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    The Forest Of Love

    Netflix‘ völlig durchgeknallter Serienmörder-Exzess

    Von Björn Becher
    Bei Netflix‘ Strategie, mit selbstproduziertem Content die Welt zu erobern, rücken immer mehr verschiedene Länder in den Fokus des Streaming-Riesen, seit kurzem ist auch Japan darunter. Bisher sorgte dabei vor allem die Serie „Der nackte Regisseur“ für Aufsehen, bald folgt der von Ridley Scott produzierte, mit japanischen und internationalen Stars gedrehte Erotik-Thriller „Wo die Erde bebt“. Teil dieser Japan-Offensive ist nun auch „The Forest Of Love“. Dabei zeigt sich einmal mehr, dass Netflix im besten Fall auch ein Quell für außergewöhnliche Filme sein kann, weil man dort eigenwilligen Regisseuren völlige Freiheit gibt. Diese nutzt der umtriebige, seit mehr als 30 Jahren Film um Film abliefernde Regie-Tausendsassa Sion Sono nun für eine vogelwilde Streaming-Tour-de-Force mit Schulmädchen-Selbstmorden, Sado-Maso-Sex-Folter und Film-im-Film-Handlung, die irgendwie auch noch auf einer wahren Geschichte basiert.

    Sion Sonos neuer Film ist mal wieder verrückt.


    1985 waren Mitsuko (Eri Kamataki) und Taeko (Kyôko Hinami) Klassenkameradinnen an einer Mädchenschule. Taeko inszenierte damals eine Adaption von „Romeo & Julia“, Mitsuko war ihre Julia und beide waren Hals über Kopf in die Romeo-Darstellerin verliebt. Doch dann nahm die Aufführung eine tragische Wendung. Rund zehn Jahre später verarbeitet Taeko das Trauma, indem sie stumpf mit Männern schläft, während sich Mitsuko scheinbar komplett zurückgezogen hat und noch immer bei ihren strengen Eltern lebt. Da bekommt Taeko mit, dass der vornehme, deutlich ältere Joe Murata (Kippei Shîna) Mitsuko den Hof macht. Sie erkennt in dem angeblichen Harvard- und MIT-Absolventen, CIA-Agenten und Schlagersänger jenen Heiratsschwindler, der vor wenigen Jahren ihrer Schwester, ihrer Mutter und ihr selbst zeitgleich den Hof gemacht hat.

    In der Hoffnung, ihn so von Mitsuko abzubringen, stellt sie ihm ihren Körper zur Verfügung. Zudem erzählt sie ihre Geschichte einem jungen Trio von Möchtegern-Regisseuren um den naiven Shin (Shinnosuke Mitsushima). Die sehen ihre große Chance und wollen aus dem Szenario einen Film machen. Und weil die Nachrichten gerade noch von einem bevorzugt in Wäldern tötenden Serienkiller dominiert werden, ist in ihrer Adaption Shin nicht nur ein frauenverführender Betrüger, sondern zugleich auch noch der gesuchte Mörder. Doch bald erfährt Murata selbst von dem Filmprojekt. Er steigt selbst als Produzent mit ein und übernimmt kurzerhand den ganzen Dreh, der immer blutigere und perversere Formen annimmt...

    2,5-Stunden-Epos statt Miniserie


    Ursprünglich sollte „The Forest Of Love“ eine Mini-Serie werden, woran nun vor allem die Kapitelstruktur noch ein wenig erinnert. Doch am Ende entschied sich Sion Sono, der während der Postproduktion einen Herzinfarkt erlitt, aus unbekannten Gründen doch für einen nun zweieinhalb Stunden langen Film, in den der Regisseur so viel packt, dass es einem ganz schwindelig werden kann. Bis sich der eigentliche Kern der anfangs auf drei Zeitebenen entwickelnden Geschichte offenbart, dauert es eine ganze Weile und warum Sono den Fokus dabei zeitweilig auf bestimmte Figuren legt, erschließt sich einem auch erst später. Doch wer den gefeierten Filmemacher hinter so abgefahrenen Werken wie „Tokyo Tribe“, „Strange Circus“ oder „Antiporno“ kennt, weiß, dass seine Filme auch dann beeindrucken können, wenn sie scheinbar ziellos mäandern.

    Immer wieder findet Sono poetische Bilder – teilweise in krassem Kontrast zum Inhalt. Dabei scheint sich der Filmemacher mehrfach selbst zu zitieren – einen Schulmädchen-Selbstmord haben wir bei ihm schließlich schon öfters gesehen. Aber selten hat der Filmemacher, der nach dem lokalen Festivalerfolg „Heya: The Room“ von 1993 erst mit „Suicide Circle“ aus dem Jahr 2001 seinen großen internationalen Durchbruch feierte, ein so einprägsames Bild geschaffen, wie sein Blick vom Dach auf vier nach einem absonderlichen Pakt auf dem Boden liegenden jungen Frauen mit ihrem seltsam abstehenden Gliedmaßen.

    Schulmädchen auf dem Weg zum Massen-Selbstmord.


    Allgemein ist die Kameraarbeit von Sohei Tanikawa, der schon Sonos Meisterwerk „Love Exposure“ fotografierte, schlichtweg großartig. Immer wieder schafft er Panoramen, in denen die zahlreichen Figuren aussagekräftig angeordnet sind. Oft ist er aber auch mit der Handkamera ganz nah am Geschehen. Wenn er sich so mittendrin bewegt, ist nicht immer ganz erkennbar, ob es hier noch den Blick von außen gibt oder wir den Film-im-Film der von einem großen Festivalerfolg träumenden drei Jungfilmemacher sehen.

    Dass aus diesem Traum ein Albtraum wird, ist nicht zu viel verraten. Doch welche blutigen (selten wurde eine Leiche so grausam-geplant zerstückelt und weiterverarbeitet) und sonstigen Exzesse Sono hier alle auf den Zuschauer loslässt, soll hier natürlich trotzdem nicht im Detail verraten werden, denn bis hin zum Finale, in dem noch mal Masken fallen und viel auf den Kopf gestellt wird, ist „The Forest Of Love“ eine schrille Achterbahnfahrt, in der immer wieder die unglaublichsten Dinge passieren.

    Wahre Geschichte? Kaum zu glauben!


    Den Hinweis, dass der Film auf einer wahren Geschichte basiert, wie Vorspann und eine Texttafel gen Ende behaupten, muss man bei Sono immer mit einer gesunden Portion Skepsis aufnehmen. Schon bei „Cold Fish“ und „Guilty Of Romance“ dienten dem Regisseur wahre Fälle schließlich nur als sehr loser Ausgangspunkt für das bissig-absurde Zerfleddern der bis zum Kern verdorbenen japanischen Gesellschaft. Und das dürfte auch bei „The Forest Of Love“ so sein – schließlich werden die Ereignisse so lange immer absurder, bis sie irgendwann regelrecht surreal anmuten.

    Dass sich dabei bekannte Elemente aus früheren Filmen wiederholen, ist kein Zufall. Man kann „The Forest Of Love“ durchaus als komprimierten (sofern man davon bei 2,5 Stunden Laufzeit überhaupt sprechen kann) Überblick über Sonos Gesamtwerk begreifen. Wie sehr ihn die in der japanischen Gesellschaft so verbreitete Unterwürfigkeit ankotzt, ist dabei in nahezu jeder Szene zu spüren. Für den westlichen Beobachter mag es auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, wie sich alle Figuren dem eleganten Joe Murata unterwerfen, sich von ihm foltern lassen und nach seiner Pfeife tanzen. Es ist in dieser totalen Konsequenz und Breite natürlich auch überzeichnet, aber ein erschreckend wahrer Kern ist trotzdem enthalten. Seine Performance allein ist das Anschauen der verqueren, fordernden, wendungsreichen, brutalen, absurd-komischen, tragischen und düsteren Thriller-Satire wert.

    Fazit: Sion Sono, wie man ihn kennt (und als Fan liebt)! Solange Netflix solchen eigenwilligen Filmemachern ihre völlig durchgeknallten Projekte finanziert, darf der Streaming-Gigant dafür dann gerne auch dutzendweise mittelmäßige Eigenproduktionen auf uns loslassen. Die muss man sich dann im Gegensatz zu „The Forest Of Love“ auch nicht angucken.

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    Kommentare

    • Hans H.
      von dem man nur einen Fingerhut schaut, gut formuliert. Ich schaue eigentlich noch weniger.
    • Baudelaire
      Lustiges Fazit. Ist das nicht der generelle Kompromiss bei Prime, Netflix, etc.? Man bezahl monatlich für ganz viel Content, von dem man nur einen Fingerhut schaut?Aber ja, Netflix darf den Regisseuren alle Projekte finanzieren. Dann sieht man sie auch hierzulande eher.
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