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    Pieces of a Woman
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Pieces of a Woman

    Ein schmerzhaftes Meisterwerk

    Von Sascha Westphal
    Beim Bau einer Brücke über den Boston River erheben sich zunächst zwei Stege auf beiden Uferseiten und betonen nur die Leere, die noch zwischen ihnen liegt. Erst nach und nach werden die Konstruktionen aus Beton und Stahl größer. Es wirkt fast so, als würden sie bedachtsam zusammenwachsen. Ein organischer Prozess, der seine Zeit braucht. Menschen sind in den Bildern von der stetig wachsenden Brücke nicht zu sehen, sondern werden vom ungarischen Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczó bewusst aus geblendet.

    Die wiederkehrenden Totalen, die das langsame Fortschreiten der Bauarbeiten dokumentieren, symbolisieren in seinem Ehe- und Trauerdrama „Pieces Of A Woman“ auf eine sehr offenkundige und doch zugleich auch höchst poetische Weise den Fluss der Zeit. Sie verkünden, dass wieder einige Wochen vergangen sind. Wochen, in denen eben nicht nur eine Brücke entsteht, sondern auch eine innerlich zerbrochene Frau wieder eins mit sich wird.

    Martha (Vanessa Kirby) und ihr Ehemann Sean (Shia LaBeouf) haben sich für eine Geburt Zuhause entschieden. Doch an dem Abend, an dem bei ihr die Wehen einsetzen, läuft nichts so, wie die beiden es sich vorgestellt hatten. Die Hebamme, mit der sie alles vorbereitet haben, ist gerade bei einer anderen Geburt. Also kommt ein Ersatz, den sie nicht kennen. Als sich erste Komplikationen ergeben, beharrt Martha darauf, nicht ins Krankenhaus zu gehen. Sie ist sich sicher, dass nichts passieren wird. Doch dann passiert das Unvorstellbare. Marthas Baby stirbt schon wenige Minuten nach seiner Geburt…

    In nur 23 Minuten durchlebt Martha alle Emotionen, die ein Mensch nur fühlen kann...


    Filmbilder können unser Sehen und Fühlen, unser Denken und Sehnen, verändern. Sie können uns erleuchten oder uns verführen. Sie haben die Macht, uns im Innersten zu vergiften oder uns Empathie zu lehren. Für all diese Fähigkeiten des Kinos wie des Fernsehens lassen sich unzählige Beispiele finden. Aber meist wirken Filme eher unterschwellig. Sie manipulieren uns auf eine sanfte, kaum merkliche Weise, indem sie etwas verfestigen oder keimen lassen, das sowieso schon in uns war. Nur ganz wenige Filme haben die Kraft, einem das Gefühl zu geben, etwas ganz neu zu sehen und zu erleben. Und genau diese überwältigende Kraft geht von „Pieces Of A Woman“ aus.

    Zu Beginn der Erzählung stürzt Kornél Mundruczó in einen 23 Minuten währenden Taumel der Empfindungen. 23 Minuten, in denen aus einem Paar in glücklicher Erwartung zwei zerstörte Menschen werden, die nicht wissen, wie es weitergehen soll, und sich so immer mehr voneinander entfernen werden. 23 Minuten Filmminuten vergehen zwischen Marthas ersten Wehen und dem Tod ihres Kindes. 23 Minuten, die Mundruczó in einer einzigen ungeschnittenen Plansequenz gefilmt hat. Während dieser Zeit geht das Publikum mit Martha und Sean durch den Himmel und die Hölle. Vanessa Kirbys Darstellung dieser Geburt als Tour de force zu beschreiben, bietet sich an und greift doch viel zu kurz. Was die britische Schauspielerin in dieser Sequenz leistet, entzieht sich nahezu der Beschreibung, auch weil es dafür keine Vorbilder oder Vergleiche gibt.

    Kaum zu ertragen


    Eine unfassbare, teilweise kaum erträgliche Körperlichkeit zeichnet diese Plansequenz aus. Vanessa Kirbys Spiel folgt ganz und gar dem Rhythmus der Wehen. In den Momenten, in denen sie einsetzen, reduziert sich die Welt auf die Schmerzen, die Martha in diesen Augenblicken empfindet. Man sieht nicht nur, wie sie sich verkrampft und innerlich zusammenzieht, man erlebt die Qualen der Geburt mit ihr mit. Ihre Schmerzen breiten sich in den Filmbildern wie Wellen aus, die einen unweigerlich auch erfassen. Aber es sind Wellen, die so schnell verebben, wie sie kommen. Wenn die Wehen vorerst enden, verändert sich auch Vanessa Kirbys Körper. Der Schmerz verwandelt sich in Hoffnung und Sehnsucht.

    Das Glück, das eben auch Teil jeder Geburt ist, wird ebenso greifbar wie der Horror. Man spürt Marthas freudige Erwartung, ihre Sehnsucht, ihr Kind bald in den Armen halten zu können. Und so durchmisst man in diesen 23 Minuten die gesamte Bandbreite menschlicher Empfindungen, um schließlich wund und zerbrochen zurückzubleiben. Natürlich wäre es anmaßend zu behaupten, dass einem „Pieces Of A Woman“ erleben lässt, was es heißt, ein Kind bei der Geburt zu verlieren. Das ganze Ausmaß des Schmerzes können einem auch Vanessa Kirby und Kornél Mundruczó nicht vermitteln. Aber schon der Einblick, den sie in Marthas Inneres geben, erschüttert einen zutiefst.

    Marthas Mutter Elizabeth verlangt von ihrer Tochter dieselbe Stärke, die sie auch selbst einst an den Tag gelegt hat...


    Die Plansequenz zu Beginn ist ohne Frage ein Kunstwerk für sich. Sie alleine würde Mundruczós Film, der seine Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig erlebt hat und anschließend von Netflix gekauft wurde, schon unvergesslich machen. Aber auch alles, was ihr folgt, ist nicht weniger beeindruckend. Auf das expressive, ganz und gar körperliche Erlebnis der Geburt und des Todes folgt ein komplett verinnerlichtes Drama des Zerfalls einer Ehe. Martha und Sean reagieren völlig gegensätzlich auf den Tod ihres Babys. Während er über das Geschehene sprechen will und auf die heilende Wirkung symbolischer Gesten setzt, verschließt sie ihre Trauer in sich. Es ist, als sei Martha mit ihrem Baby gestorben. Zurückgeblieben ist nur die Hülle ihres Körpers, der nun schrittweise den Weg zurück ins Leben finden muss.

    Wie versteinert wirkt Vanessa Kirby in den Szenen, die der Geburt folgen. Weder ihr Gesicht noch ihr Körper verraten etwas von dem Tumult der Trauer und des Schmerzes in ihr. Und doch sind sie die ganze Zeit über da. Man erahnt sie auch ohne sichtbare Zeichen. Aber die brauchen sowohl Sean als auch Marthas Mutter Elizabeth (Ellen Burstyn). Er verzweifelt an ihrer Versteinerung, an der alle seine Versuche abprallen, über das Geschehene hinwegzukommen. Währenddessen versucht Elizabeth, die es gewohnt ist, das Heft in die Hand zu nehmen und das Leben der anderen zu dirigieren, ihre Tochter in einen Prozess gegen die Hebamme zu drängen. Sie sucht juristische Klarheit und hofft, dass ein Urteil einen Schlusspunkt setzt, auf den ein neuer Anfang folgen kann.

    Leben ist stärker als der Tod


    Elizabeths Gewissheit ist noch irritierender als Seans hilflose Ersatzhandlungen. Aber genau in dem Moment, in dem man sich endgültig von der überfürsorglichen Mutter abwenden will, hält Ellen Burstyn einen Monolog, der einen ebenso hart trifft wie Marthas Verlust. Elizabeths Geschichte führt zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Ungarn von den Deutschen besetzt war und alle ungarischen Juden deportiert und ermordet werden sollten. Bei ihrer Geburt war die Jüdin Elizabeth quasi schon tot. Aber sie hat es trotz aller Widrigkeiten geschafft, zu überleben. Ihr dem Holocaust abgetrotztes Leben ist für sie ein Symbol des Widerstands und der Stärke des menschlichen Willens. Und eben diese Stärke fordert sie nun auch von Martha ein.

    Mit Elizabeths Erzählung schlagen Kornél Mundruczó und die Drehbuchautorin Kata Weber einen Bogen zurück in die Zeit der Shoa. Das mag einen zunächst überraschen. Schließlich ist Marthas Geschichte fest in unserer Gegenwart verankert. Aber es ist dieser Exkurs in die europäische Vergangenheit, mit dem Mundruczó und Weber die Perspektive dieses durch und durch amerikanischen Films weiten. Zum einen erzählen sie von den Schatten des Holocausts, die bis in die Gegenwart reichen und unser Leben heute noch beeinflussen, teils unterschwellig, teils aber auch ganz offen. Zum anderen offenbart sich in Elizabeths Monolog die zentrale Hoffnung, die „Pieces Of A Woman“ erfüllt. Was auch geschieht, das Leben ist immer stärker als der Tod.

    Fazit: Kornél Mundruczós Drama beginnt zweifellos mit einer der eindrucksvollsten Sequenzen der jüngeren Kino- und Filmgeschichte. Aber auch darüber hinaus besticht diese Geschichte einer Frau, die ihr Baby bei der Geburt verliert, durch ihre psychologische Genauigkeit und das brillante Spiel ihrer Hauptdarstellerin Vanessa Kirby.

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