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    Tatort: Das Team
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Tatort: Das Team

    Wieder ein Impro-Krimi – aber diesmal ein guter!

    Von Lars-Christian Daniels
    Als in der beliebtesten deutschen Krimireihe zum letzten Mal vor der Kamera drauf los improvisiert wurde, kamen dabei zwei der schwächsten „Tatort“-Folgen nach der Jahrtausendwende heraus: Im „Tatort: Babbeldasch“, den eine große deutsche Boulevardzeitung sogar zum schlechtesten „Tatort“ aller Zeiten kürte, wurde das Team der Ludwigshafener Hauptkommissarin Lena Odenthal 2017 unter Regie von Axel Ranisch ohne festes Drehbuch auf den Mörder, zahlreiche Laiendarsteller und sich selbst losgelassen – ebenso wie im „Tatort: Waldlust“, der 2018 kaum minder vernichtendes Feedback von Presse und Publikum einfuhr.

    Auch das Jahr 2020, in dem die erstmals 1970 ausgestrahlte „Tatort“-Reihe ihr 50-jähriges Jubiläum feiert, startet mit einem Impro-Krimi: Filmemacher Jan Georg Schütte sperrt in seinem „Tatort: Das Team“ gleich sieben Kommissare in einen Raum, damit diese ein neues Team bilden und einem Serienmörder das Handwerk legen können. Dabei herausgekommen ist eine der bemerkenswertesten „Tatort“-Folgen der jüngeren Vergangenheit, die garantiert heiß diskutiert werden wird – und die mit einem erschütternden Twist aufwartet, der besonders beim Stammpublikum noch lange nachhallen dürfte.

    Das Tagungshotel ist vom SEK umstellt - da kommt niemand rein, aber auch niemand raus!


    In Nordrhein-Westfalen geht ein Polizistenmörder um: Schon vier Kommissare unterschiedlicher Dienststellen wurden getötet. Um ein schlagkräftiges Team auf ihn anzusetzen, werden erfahrene Ermittler aus ganz NRW in ein Tagungshotel eingeladen: Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt) aus Dortmund, Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) aus Münster, Marcus Rettenbach (Ben Becker) aus Oberhausen, Sascha Ziesing (Friedrich Mücke) aus Paderborn, Nadine Möller (Elena Uhlig) aus Düsseldorf und Franz Mitschowski (Nicholas Ofczarek) aus Aachen. Sie alle haben mindestens eines der Opfer persönlich gekannt und sollen nun von den zivilen Personal-Coaches Christoph (Charly Hübner) und Martin Scholz (Bjarne Mädel) zu einem Team geformt werden. Schon bald steht aber ein fürchterlicher Verdacht im Raum: Ist der Mörder womöglich unter ihnen?

    Regisseur und Drehbuchautor Jan Georg Schütte, der in seinem mutigen Debüt für die Krimireihe selbst eine Nebenrolle als SEK-Leiter übernimmt, gilt als Spezialist für Filme ohne festes Drehbuch und erhielt für ebenfalls improvisierte Werke wie „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ und „Wellness für Paare“ zahlreiche Auszeichnungen. Den „Tatort: Das Team“ drehte er im Mai 2019 mit 24 bemannten und 12 unbemannten Kameras in nur zwei Tagen in einem Hotel in Siegburg ab – die Schauspieler improvisierten ohne feste Dialoge allein auf Basis ihrer Rollenprofile und ohne die Profile der anderen Darsteller zu kennen. Wie bei einem Gesellschaftsspiel für Erwachsene oder einem Krimi-Dinner ergab sich erst im Laufe des Drehs, wer zu den Guten und wer zu den Bösen zählt – und was die Schauspieler aus ihren Rollen herausholten, lag allein in ihren Händen.

    Die große Geheimniskrämerei


    Der WDR hüllte sich seitdem in Schweigen, was Details zu diesem außergewöhnlichen Kammerspiel anging. Journalisten durften den Film vorab nur unter strengen Sperrfristen sichten und spätestens nach einer Stunde wird auch klar, warum diese Geheimhaltungsmaßnahmen sinnvoll sind: Die 1115. „Tatort“-Folge wartet mit einer der heftigsten Wendungen ihrer 50-jährigen Erfolgsgeschichte auf, die für spoilerndes Clickbaiting und reißerische Headlines ein gefundenes Fressen gewesen wäre (und in diesem Text natürlich nicht verraten wird). Überhaupt funktioniert der „Tatort: Das Team“ umso besser, je weniger man über ihn weiß, doch eines ist sicher: Wer einen klassischen Sonntagskrimi erwartet, wird an diesem „Tatort“-Experiment schnell die Lust verlieren.

    Durch den Twist nach einer knappen Stunde lässt sich der Krimi grob in zwei Teile splitten: In den ersten zwei Dritteln durchlaufen die Kommissare nach der Begrüßung von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, der sich selbst spielt, zunächst die ersten drei typischen Phasen der Teamentwicklung (Forming – Storming – Norming). Das letzte Drittel steht dann stärker im Zeichen der gezielten Mördersuche (Performing), bei der es sogar zu Handgreiflichkeiten kommt und in der es so emotional zugeht wie im „Tatort“ schon lange nicht mehr. Bis zur Überführung des Täters ist es aber ein langer und bisweilen anstrengender Weg, auf dem manches Stückwerk bleibt: Während Elemente wie ein kurzes Speed-Dating oder „der heiße Stuhl“ auf dem Grund eines leeren Schwimmbeckens viel aus den Figuren herauskitzeln, drehen sich die Dialoge im Tagungsraum mitunter im Kreis.

    Wenig überraschend: Ben Becker dreht in der Impro-Situation ordentlich auf!


    Auch beim Blick auf die Darsteller ergibt sich ein eher heterogenes Gesamtbild: Während Jörg Hartmann gerade im Vergleich zu seinen bisherigen Auftritten als Dortmunder Enfant terrible Peter Faber relativ farblos bleibt, steht „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel als Coach im Schatten von „Polizeiruf 110“-Kommissar Charly Hübner. Friedrich Mücke und besonders Elena Uhlig agieren in ihren Rollen hingegen so zurückhaltend, dass sie im verbalen Trommelfeuer oft untergehen. Ben Becker und Anna Schudt, die wie Hübner und Uhlig zuletzt beim Impro-Film „Klassentreffen“ mit Jan Georg Schütte zusammenarbeitete, geben dem Affen wiederum ordentlich Zucker – Becker schießt bisweilen aber über das Ziel hinaus und Schudt neigt zur Repetition, wenn sie in die Enge gedrängt wird.

    Wer sich zum Start des neuen Kalenderjahres auf die improvisierten Psychospielchen, die ungewöhnliche Krimistruktur und die auf Dauer etwas ermüdenden Wortgefechte einlässt, darf aber nicht nur dem engagierten Ensemble beim Freidrehen zusehen, sondern auch bei der knifflig arrangierten Mördersuche sein Glück versuchen: Welche/r Kommissar/in spielt mit gezinkten Karten? Seinen größten Reiz bezieht der Krimi aus der Tatsache, dass sich der gesuchte Täter wie im Agatha-Christie-Klassiker „Mord im Orient-Express“ oder in Francois Ozons vielgelobter Krimikomödie „8 Frauen“ am selben Ort (hier: das Hotel) aufhalten muss wie sein(e) Opfer und dieser Mikrokosmos hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen ist.

    Mörderraten für Fortgeschrittene


    Allerdings bleibt die Zahl der Leichen überschaubar und die Zahl der potenziellen Täter damit groß. Das Drehbuch für die Rahmenhandlung sieht außerdem für jeden Anwesenden einen oder mehrere unbeobachtete Momente im Hotel vor, und damit kommt jede/r Kommissar/in als Mörder/in infrage, ohne dass dabei Logiklöcher aufgerissen würden. Wer der Wolf im Schafspelz ist, bleibt bis in die Schlussminuten offen und dürfte selbst erfahrenen Whodunit-Experten eine harte Nuss zu knacken geben – was neben vielen falschen Fährten aber vor allem daran liegt, dass das Mordmotiv in diesem wilden „Tatort“ alles andere als glaubwürdig ausfällt.

    Fazit: Mutig improvisiert und schockierend, aber trotz zahlreicher toller Szenen nicht frei von Schwächen – das „Tatort“-Jubiläumsjahr startet mit einer wahrhaft außergewöhnlichen Folge!
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    Kommentare

    • Doc Smitty
      Es ist schon schauerlich was mit dem Zwangsgebühren der Bürger alles so veranstaltet werden kann. Kein Wunder, daß dann solche Absurditäten ins Programm kommen.
    • SteveDEvD
      Ich finde, das hört sich großartig an. Mediathek, ich komme!
    • TresChic
      Wenn sich Schauspieler in Impros selber Texte ausdenken, war das schon immer grenzwertig. Die Qualität eines Filmes leidet darunter sehr. Schade, dass diese gute Tatort Idee keinen prof. Drehbuchautor Wert war. :(
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