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Angel Heart
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Angel Heart
Von Jonas Reinartz
Wenn es ums Land der Fiktionen geht, ist der Teufel stets en vogue. Ob er einen gierigen Richter wie in einer mittelalterlichen Sage in die Falle lockt, sich die Neugierde eines Gelehrten zu Nutze macht („Faust“), oder sich als Waffenschieber unter die Menschen mischt (Im Auftrag des Teufels) – stets und überall ist mit ihm zu rechnen. Der große Verführer eignet sich eben besonders für Allegorien auf die menschliche Verführbarkeit. So auch bei „Angel Heart“, mit dem Alan Parker (Mississippi Burning, The Commitments), basierend auf William Hjortenbergs Roman „Falling Angel“, ein versiert inszenierten Neo-Noir mit signifikantem Okkultismus-Einschlag schuf. Der Film besticht vor allem durch das Zusammenspiel von Mickey Rourke (bevor er durch Drogen, Boxkämpfe und kosmetische Chirurgie malträtiert wurde) und Robert De Niro. Gelegentlich erliegt Parker zwar zu sehr der Faszination für grandiose Tableaus, doch eine solitäre Atmosphäre, präzise austarierte Schockmomente sowie der zwar recht vorhersehbare, aber extrem bittere Schluss rechtfertigen ohne Weiteres den Rang eines Kultfilms.

New York in den 50er Jahren: Harry Angel (Mickey Rourke) hat sich damit arrangiert, den Rest seines Lebens als anrüchiger Privatdetektiv zu verbringen. Er nimmt sein Schicksal mit Gelassenheit hin und hat sich auf vermeintlich leichte Fälle wie die Observation untreuer Ehemänner spezialisiert. Eines Tages trifft er auf den mysteriösen Louis Cypher (Robert de Niro), der ihm viel Geld dafür bietet, einen Musiker namens Johnny Favorite aufzuspüren, der bei Cyphers Gattin angeblich noch Schulden hat und nach dem Zweiten Weltkrieg plötzlich untertauchte. Wenn auch widerwillig lässt sich Angel auf das Geschäft ein. Schnell findet er heraus, dass Favorite in einer Klinik wegen einer Amnesie behandelt wurde. In New Orleans trifft er schließlich auf Epiphany (Lisa Bonet), die Tochter einer bereits verstorbenen, ehemaligen Geliebten des Verschwundenen, mit der sich Angel auf eine Affäre einlässt. Doch offenbar sind seine Ermittlungen nicht unentdeckt geblieben. Alle von ihm befragten Zeugen werden der Reihe nach auf bestialische Weise ermordet. Deshalb befindet sich nun auch Epiphany in tödlicher Gefahr…

Auf der Suche nach einem Schauspieler, der als Paradebeispiel für das Schema „Aufstieg und Fall“ steht, landet man rasch bei Mickey Rourke. Seine Karriere begann als Boxer und diese Passion war es auch, die sein Leben fast vollständig zerstörte. Mit Winzigrollen in Steven Spielbergs „1941 – Wo bitte geht’s nach Hollywood?“ und Michael Ciminos Heaven’s Gate gelang ihm der Sprung nach Hollywood. 1981 nutzte er seine Chance und zeigte in Lawrence Kasdans Erotik-Thriller „Heißblütig - Kaltblütig“ eine enorme Leinwandpräsenz. Mit Francis Ford Coppoloas „Rumble Fish“, Barry Levinsons „American Diner“ und Im Jahr des Drachen (erneut von Cimino), wandelte er sich vom Geheimtipp zum (Jugend-)Idol. Kurze Zeit später, mit dem Zeitgeist-Phänomen „9 ½ Wochen“, stieg er dann 1986 endgültig zum Star auf. Der Versuch, diesen Erfolg zu wiederholen, läutete 1991 seinen Niedergang ein. Bei den Dreharbeiten zu „Wilde Orchidee“ lernte er Carré Otis kennen, die er bald darauf heiratete. Der schwülstige Softporno geriet zum peinlichen Flop. Rourke wollte sich seiner Männlichkeit versichern und kehrte in den Ring zurück. Es folgte eine Spirale aus Schönheitsoperationen und Gewaltausbrüchen, deren Folgen die fast vollständige Beendigung sowohl seiner Filmkarriere als auch seiner Ehe waren. Erst mit der Rolle des Schlägers Marve in Robert Rodriguez’ Frank-Miller-Adaption Sin City erlangte er wieder Aufmerksamkeit. Das Comeback, das er mit seiner meisterhaften Darbietung in The Wrestler konsequent fortführte, war eingeleitet.

Rourke ist ein fantastischer Akteur, doch er besitzt ein deutliches Defizit: Er kann im Grunde nur Variationen seiner selbst spielen. Dies genügt nicht für den Hamlet, doch wenn er überhebliche Typen mimt, die in ihrem Kern verletzliche, kleine Jungen mit Herz geblieben sind, dann ist er quasi ohne Konkurrenz. Dabei braucht er nicht zu spielen, er braucht nur zu sein. Es sind kleine Gesten, Blicke, wie er eine Zigarette hält, die eine Ikone von einem gewöhnlichen Schauspieler unterscheiden. Hinzu kommt der Mut zu einer nuancierten Emotionalität, die nie gekünstelt erscheint. Das Aufeinandertreffen mit Robert De Niro in „Angel Heart“ gerät dann auch wie erwartet zu einem sehenswerten Ereignis. Der legendäre Method Actor agiert zwar weitaus zurückhaltender als etwa Al Pacino in „Im Auftrag des Teufels“, aber es bereitet ihm dennoch sichtlich großes Vergnügen, als schmieriger Luzifer in der eigenen Machtfülle zu schwelgen. Eine Aura von distanziert-aufreizender Noblesse umgibt - wie so oft - Charlotte Rampling (Swimming Pool, D.O.A. – Bei Ankunft Mord). Einen soliden Eindruck hinterlässt zudem Lisa Bonet (High Fidelity), wobei ihre Leistung beim Kinostart aber leider in einem Sturm der Entrüstung über ihre Sexszene mit Rourke zu Unrecht unterging.

Vor allem durch die von ihm eingefangene schwüle Atmosphäre vermag Alan Parker den Zuschauer zu fesseln. Der 1944 geborene Brite inszenierte zahlreiche Werbespots, bevor er seinen ersten Kinofilm („Bugsy Malone“) realisierte. Solche Wurzeln bringen meistens eine auf maximale Wirkung kalkulierte Inszenierung mit sich. Folglich zählt „Angel Heart“ zu den bestfotografierten Filmen der 1980er. Mit einer bestechenden Stilmischung aus Chiaroscuro (italienisch für: hell-dunkel), der bevorzugten visuellen Technik des Film Noir, und sonnenlichtdurchfluteten Impressionen gelingen Parker und Kameramann Michael Seresin Bilder, die sich einprägen. Ein zweites Ansehen ist mehr als lohnend, denn die Symbolik und unzählige Andeutungen (Louis Cypher, Epiphany, das Ei, und viele mehr) sind äußerst reizvoll, obwohl sie mitunter gar ein wenig zu deutlich geraten sind. Allzu zarte Gemüter sollten ohnehin fernbleiben, zwar bekommt man die Morde nicht zu sehen, ihre Folgen und der pessimistische Grundton im Generellen sind jedoch eher für abgeklärte Genrefreunde geeignet.

Die Kombinierung der Stilmittel spiegelt perfekt den Genre-Hybriden wider, als der sich der Film auf inhaltlicher Ebene präsentiert. Immerhin paart sich hier der (Neo)-Noir mit einer okkulten Spielart des Horrors. Dieser unbedingte Stilwille bringt die Handlung, die ohnehin einer kritischen Überprüfung nicht Stand halten würde, allerdings gelegentlich ins Stocken. Langeweile kommt zwar zu keinem Zeitpunkt auf, dennoch hätte sich eine Straffung an einigen Stellen positiv ausgezahlt. Der Plot ist geschickt konstruiert - eine sorgfältige Charakterisierung oder tiefere Ausleuchtung des Erinnerungstopos - sieht man von einigen kurzen Rückwendungen mal ab - fehlt allerdings. Gedanken über die etlichen Logiklöcher sind der Mühe nicht wert. Dazu ist der Film zu sehr auf den - zweifellos sorgfältig vorbereiteten, aber dennoch schockierenden - Schlusstwist ausgerichtet. Gen Ende, wenn sich die Ereignisse überschlagen, entwickelt sich dann endgültig ein Sog, dem sich der Zuschauer nur schwer zu entziehen vermag.

„Angel Heart“ ist wahrsten Sinne des Wortes ein mitreißender Höllentrip. Geschickt verbindet er eine rätselhafte Detektivgeschichte mit grausigen Horrorelementen und formt daraus hervorragend umgesetzte Hollywood-Unterhaltung. Die Tatsache, dass viele Kinofans den Film mit Robert De Niro als Teufel verbinden, kommt nicht von ungefähr, ist es doch eine seiner ausgefallensten Rollen. Im Zusammenspiel mit Hauptdarsteller Mickey Rourke, dem Regisseur Alan Parker und der übrigen, ähnlich spielfreudigen Besetzung gelingt es, aus der recht kruden Geschichte etwas zu formen, das definitiv seinen festen Platz im Besten-Kanon der 1980er Jahre innehat.
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