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    Kadaver
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Kadaver

    Alice im Horror-Hotel

    Von Christoph Petersen
    Nach seiner Manhattan-Premiere 2011 war „Sleep No More“ einige Jahre lang der letzte Schrei in der New Yorker Theaterszene: Das Stück, in dem Versatzstücke aus William Shakespeares „Macbeth“ mit den Stilmitteln des Film-noir gekreuzt werden, wird allerdings nicht auf einer klassischen Bühne aufgeführt. Stattdessen wurde ein angemietetes Lagerhaus extra in ein Hotel im Stil der 1930 Jahre transformiert – und die Zuschauer können während der Performance selbst entscheiden, welcher der Figuren sie jetzt gerade in welches Zimmer folgen wollen.

    Der norwegische Regisseur und Drehbuchautor Jarand Herdal („Everywhen“), der seine Karriere ebenfalls im Jahr 2011 mit dem Fan-Projekt „Harry Potter And Grindelwald's Demise“ begann, macht nun gar nicht erst einen Hehl daraus, dass er sich bei seinem Netflix-Horrorfilm „Kadaver“ von „Sleep No More“ inspirieren ließ – und so spielt „Macbeth“ schon in den ersten Minuten, nämlich in der wohl schönsten Szene des Mystery-Grusel-Thrillers, eine ganz zentrale Rolle...

    Leonora und ihre Tochter Alice müssen sich in einer trostlosen Zukunft durchschlagen ...


    Nach einer nuklearen Katastrophe herrscht in Norwegen eine schreckliche Hungersnot. Die ehemalige Schauspielerin Leonora (Gitte Witt) muss sich zusammenreißen, um vor ihrem Mann Jacob (Thomas Gullestad) und ihrer kleinen Tochter Alice (Tuva Olivia Remman) nicht verzweifelt zusammenzubrechen. In der Ecke der kalten Wohnung steht das Poster einer „Macbeth“-Aufführung im Norwegischen Nationaltheater, in der Leonora einst die Hauptrolle gespielt hat. Ein Regentropfen huscht wie eine Träne über das Gesicht auf dem Plakat. Jetzt, wo Leonora es selbst nicht darf, muss eben Lady Macbeth das Weinen für sie übernehmen.

    Aber dann doch noch ein Fünkchen Hoffnung. Es werden Karten für eine abendliche Theatergala im örtlichen Luxushotel verteilt – Festmahl inklusive. Das Stück wird allerdings nicht nur im Speisesaal, sondern im kompletten Hotel aufgeführt – und die Gäste sollen dabei goldene Masken tragen, damit man sie auch jederzeit von den Schauspielern unterscheiden kann. Aber schon bald fragen sich Leonora und Jacob, ob all die mysteriösen Vorkommnisse wirklich Teil des Stücks sein können – und dann ist auch noch Alice plötzlich spurlos verschwunden...

    Eine faszinierende Prämisse


    Man kann es kaum leugnen: Der Einstieg von „Kadaver“ macht einfach verdammt neugierig! Der visuelle Widerspruch zwischen der grauen zerstörten Stadt und dem wie ein strahlender Sehnsuchtsort daraus hervorragenden Hotel. Die sich auftürmenden Kleiderberge mit etwas kleineren Kofferhaufen, die sofort Assoziationen an die Judendeportationen im Dritten Reich hervorrufen. Die spezielle Form des Theaters, bei der es – goldene Publikumsmasken hin oder her – schon zum Konzept gehört, dass Realität und Fiktion miteinander verschwimmen. Die offensichtliche Lewis-Carroll-Kaninchenbau-Metaphorik, wenn Alice im roten Kleid und mit Plüschhase vom Theatermanager Mathias (Thorbjørn Harr) gefragt wird, ob sie nicht in sein „Wunderland“ eintreten wolle...

    Da will man natürlich schon wissen: Was zum Teufel ist hier eigentlich los? Aber die Antwort ist dann doch nur mehr oder weniger exakt die, die man eh die ganze Zeit erwartet – und der Grund dafür, dass das alles mit einem solch exorbitanten Mehraufwand aufgezogen wird, obwohl man dasselbe Ergebnis sicherlich auch sehr viel einfacher erzielen könnte, ist schon arg an den Haaren herbeigezogen. Sowieso ergeben die Handlungen der Figuren irgendwann immer weniger Sinn – vor allem die Geschehnisse in einer Kühlhalle, wo sich Leonora irgendwann kopfüber aufgehangen wiederfindet, lassen sich kaum noch nachvollziehen. (Warum sollten die Männer Jacob vertrauen?)

    ... da kommt eine Dinner-Einladung ins Theater gerade recht - selbst wenn die Schauspieler jetzt nicht gerade den vertauenswürdisten Eindruck machen.


    Darunter leidet dann auch irgendwann ganz massiv die Spannung – was vor allem deshalb schade ist, weil sich die Macher wirklich Mühe gegeben haben, das Hotel trotz eines sicherlich nicht allzu großen Budgets möglichst atmosphärisch auszugestalten. Da stellen sich durchaus schon mal gewisse Overlook-Vibes ein. Auch die Schauspieler, allen voran Gitte Witt („The Impossible“), sind sehr viel besser als in den meisten Horror-Produktionen. Aber auch diese Qualitäten können nicht verhindern, dass „Kadaver“ nach seinem starken Auftakt konstant immer weiter absackt ...

    ... zumindest bis zur finalen Einstellung, die dann noch mal wirklich brillant-böse ist.

    Fazit: Der Rest hält nicht, was die ersten 20 Minuten versprechen – auf eine faszinierende Prämisse folgt in „Kadaver“ ein mittelprächtiger Mystery-Thriller mit wachsenden Logiklöchern und zunehmenden Glaubwürdigkeitsproblemen.

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