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Crime Is King
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Crime Is King
Von Johannes Pietsch
In den Vereinigten Staaten hat Elvis Presley einen Status, der dem eines Nationalheiligtums gleichkommt. Knapp 25 Jahre ist es nun her, dass der "King" am 16. August 1977 im Badezimmer seiner Villa Graceland in Memphis, Tennessee, sterbend aufgefunden wurde, und noch heute schauen insbesondere die Europäer halbwegs belustigt, aber größtenteils ohne größeres Verständnis auf die bizarren Kultaktivitäten, die die Anhänger von Elvis Aaron Norris um ihr Idol veranstalten. Jung-Regisseur Demian Lichtenstein, der mit "Crime is King" seinen filmischen Einstand vorlegt, scheint eine ganz besondere Art der Zuneigung für den hüftschwenkenden Rock'n'Roller zu hegen, jedoch kaum in der Art, wie es der Millionenschar seiner Anhänger lieb sein könnte. Ein reichlich desolater Ruf eilt "Crime is King", im Originaltitel viel treffender "3000 Miles to Graceland" geheißen, aus den Vereinigten Staaten voraus, immerhin schaffte es Lichtensteins filmischer Erstversuch auf gleich fünf Nominierungen bei den diesjährigen Razzie Awards, den von ihren Gewinnern so unerwünschten Goldenen Himbeeren (von denen der Film jedoch keine errang). Vielleicht vermag der äußerst lieblose Umgang mit der sakrosankten Nationalreliquie Elvis ein wenig zu der Nominierungsflut beigetragen haben. Allerdings: In der Sparte "Worst Screenplay" wäre sogar der Gewinn des berühmt-berüchtigten Plastik-Obstes mehr als gerechtfertigt gewesen.

Es ist wahrlich keine filmische Verbeugung, die "3000 Miles to Graceland" vor Elvis Presley vollführt. Lichtenstein hat den King vielmehr zu einer Art Fetisch seines Films gemacht und huldigt ihm auf ebenso bissige Weise wie seine Figuren, was dem Streifen an manchen Stellen den Anstrich einer ziemlich niederträchtigen Anti-Hommage gibt. Der Film beginnt und er endet mit Elvis, doch in einer für den King of Rock'n'Roll aus Memphis/Tennessee alles andere als schmeichelhaften Art. Denn Elvis, so will es das Drehbuch, ist möglicherweise unehelicher Erzeuger von Thomas Murphy, einem mittelschwer durchgeknallten, schwer soziopathischen Gewalttäters mit schillernder Knacki-Vergangenheit und einer offenkundig hochgradig ausgeprägten dissozialen Persönlichkeitsstörung. Wir alle ahnten es, und die Illustrierten schrieben es ja zur Genüge, Elvis Presley habe in seinen letzten Jahren in Folge massiven Medikamentenmissbrauches zunehmend psychotische Züge an den Tag gelegt. Sollte er jedoch wirklich der Ahnherr von Thomas Murphy gewesen sein - was das Drehbuch offen lässt - so müssen die Erbanlagen des King aus Memphis doch wesentlich stärker beschädigt gewesen sein als jeder noch so gewitzte Humanbiologe hätte ahnen können.

Denn dieser Murphy geht in "3000 Miles to Graceland" mit einer kriminellen Dummdreistigkeit und Brutalität vor, die den Seltenheitswert einer viereckigen Salatgurke hat. Da beginnt der Film mit einem scheinbar genial ausgeklügelten Überfall auf ein mondänes Casino in Las Vegas, in dem gerade eine Elvis-Gedächtnis-Gala stattfindet, und nachdem die fünfköpfige, form- und frisurschön als Elvis kostümierte Bande den Tresor des hohen Hauses um seinen gesamten Inhalt erleichtert hat, freut sich der Zuschauer auf einen pointierten Story-Hakenschlag à la "Ocean's Eleven", mit dem das Quintett die Flucht vor den rudelweise ihren Weg kreuzenden und überdies schwer bewaffneten Security-Leuten gelingen mag. Aber zu früh gefreut, statt eines intelligenten Verwirrspiels haben die Gangster als einzige Argumente für ihr Davonkommen die massive Feuerkraft ihrer Schusswaffen aufzubieten, und von einer Sekunde zur anderen wandelt sich das schillernde Ambiente des Spielcasinos in das Szenario des dritten Weltkrieges. Hatte der Film bis dahin noch einen zwar knochentrockenen, aber noch eindeutig leichfüßigen Gang, so fährt Lichtenstein mit der ersten MP-Garbe auch atmosphärisch schweres Geschütz auf - zu donnerndem Score leeren sich die Magazine und färbt sich der Boden des Casinos dunkelrot.

Auch wenn die äußerst gewalttätige Sequenz, in der Frankie und seine Spießgesellen anfangen, Natural Born Killers zu spielen, noch als die gelungenste des ganzen Films bezeichnet werden kann, so recht will dieser Spagat aus "Ocean's Eleven" und "Hard Boiled" trotz massiven Feuerwaffeneinsatzes und sich türmender Leichenberge nicht zünden. Unter klischeestrotzenden eigenen Verlusten entkommt die Gruppe via Helikotper über das Dach, während ihnen der leicht abgehalfterte Paul Anka als Sicherheitschef ein paar unglückliche Blicke und einige ebenso ineffiziente Gewehrsalven nachjagt. Was dann folgt, ist ein recht vielfältiger, aber nicht sonderlich inspirierter und schon gar nicht von großem Eigeneinfallsreichtum geprägter Gemischtwarenladen aus allem, was das Thriller-, Gangster- und Roadmovie-Genre der letzten Jahre im Sonderangebot zu verramschen hat. Natürlich ist man sich nach dem kugelbedingten Ausfall eines Mittäters uneinig über die Aufteilung von dessen Beuteanteil, selbstverständlich hat Obermotz Costner in Wahrheit vor, die Scheine ganz allein für sich zu behalten, and of course durchschaut Kurt Russell als der noch am ehesten integre Hotzenplotz-Anwärter die Hintergedanken seines Anführers rechtzeitig, um sich a) vor dessen Kugeln und b) gleich danach mit der gesamten Beute sowie der leicht verblühten Kellnerin Cybil (Courtney Cox) und ihrem schwer kleptoman veranlagten aber ansonsten schrecklich altklugen (das ist in amerikanischen Filmen bei alleinerziehenden Müttern wohl immer so, siehe John Connor) Sohn aus dem Staub zu machen. Ab geht's auf einsamen Highways und in zumeist gestohlenen Karossen ins ferne, gelobte Land der gestohlenen Dollarscheine, hinter sich eine Truppe bedepperter FBI-Ermittler und örtlicher Polizeikräfte sowie den immer öfter missgelaunten und seinen großkalibrigen Frust an unbeteiligten Passanten auslassenden Murphy.

Und dann wird fröhlich zitiert, was das Filmnähkästchen hergibt, was dem Streifen zum einen eine latent vorhandene Déjà-vú-Atmosphäre verleiht und ihn andererseits wie ein Patchwork zu vieler irgendwie erfolgversprechender und den Hauch Kultigen verbreitenden Stilmitteln wirken lässt. Vor allem an Vorbildern wie "True Romance" und "Reservoir Dogs" versucht "3000 Miles to Graceland" sich mit seinem betont lakonischen, comicartigen Stil zu messen, quirrlt aber hemmungslos sowohl erzählerisch wie auch stilistisch Versatzstücke aus "Perfect World", "Natural Born Killers", "Thelma and Louise" und Zeitlupen-Shootouts à la "Matrix" dazu. Dazwischen darf es dann einmal ein Zeitraffer wie in "Blade" sein, und auch Farbfiltereinsätze dürfen bei Videoclip-Ästhet Demian Lichtenstein nicht fehlen. Während die Shootouts und die meisten Roadmovie-Szenerien zumindestens optisch noch halbwegs stimmig für sich stehen, wirkt ein kleiner "Easy Rider"-Einschub inklusive Blowjob am Steuer eines Highwayschlittens einfach nur peinlich.

Kurt Russell variiert in der Rolle des guten Bad Boy nur submikroskopisch seinen Klischeetypus als Rauhbein mit großem Herzen. Den radikalsten Charakterschwenk muss man Kevin Costner bescheinigen: Vor Jahren noch Megastar mit der Attitüde des moralischen Überhelden, der Al Capone zur Strecke brachte, mit dem Wolf tanzte, Lady Marian befreite, Whitney Houston beschützte und den Mord an John F. Kennedy untersuchte, geriet der heute 47-Jährige nach seinem kommerziellen Reinfall "Waterworld" immer weiter aufs Abstellgleis des Dauer-Karrieretiefs. Insbesondere das filmische Narkotikum "Aus Liebe zum Spiel" zeigte ihn darstellerisch auf dem Tiefpunkt, und auch Roger Donaldsons hochambitionierte Politthriller "Thirteen Days" vermochte wenig am Stigma des Kassengifts zu ändern, das Herr Costner inzwischen auf der Stirn trägt. So ist es wenigstens konsequent, dass das ehemalige personifizierte Gewissen Amerikas gar nicht erst versucht, ausgelaugte Rollenklischees zu exhumieren, sondern stattdessen völlig auf Destruktivität und Bösartigkeit umsattelt und seinen psychotischen Gewaltverbrecher Thomas Murphy derart übertriebenen in Positur bringt, als wollte er seinen Kritikern hohnlachend entgegenhalten: Seht her, ich bin wirklich der Kotzbrocken, für den ihr mich sowieso immer schon gehalten habt. "Scream"-Star Courtney Cox bleibt in ihrer Rolle kaum mehr als der Part der ansehnlichen und zugleich mütterlichen weiblichen Staffage, und alle übrigen Darsteller, darunter so klangvolle Namen wie Christian Slater, David Arquette (Courtneys Ehemann und Loving-Interest aus "Scream") und Rapper Ice-T haben kaum mehr zu tun, als im wildesten Kampfgetümmel möglichst akkurat menschlicher Kugelfang zu spielen.

Den blamabelsten Schwachpunkt des Films bildet eindeutig das Drehbuch. Richard Reccos Screenplay wirkt in jeder Minute derartig undurchdacht, und zwischen unlogisch bis haarsträubend hirnrissig pendelnd, dass es wirklich einer außerordentlich hohen Toleranzschwelle bedarf, um dieser Ansammlung logischer Unzulänglichkeiten und unfreiwilliger Lachnummern halbwegs wohlgesonnen zu bleiben. Wenn sich Courtney Cox in einer Szene mit den geklauten Moneten davonmacht und dabei ganz nebenbei ihren Sohn in den Händen eines ihr prinzipiell völlig unbekannten Gewaltverbrechers zurücklässt, dann ist dies trotz eines völlig missratenen späteren Erklärungsversuchs nur trauriger Tiefpunkt. Am Ende sind die meisten der handelnden Personen krepiert, Geld und Überlebende von der Bildfläche verschwunden und der Fall von der amerikanischen Bundespolizei zu den Akten gelegt. Elvis has left the building. Und die meisten Zuschauer vermutlich fluchtartig das Kino.
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