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A Beautiful Mind - Genie und Wahnsinn
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
A Beautiful Mind - Genie und Wahnsinn
Von Johannes Pietsch
Filme wie "Einer flog über Kuckucksnest" oder "Girl Interrupted" thematisierten sie, Alfred Hitchcock und David Fincher spielten in ihren Filmen mit ihr, der Horrorfilm missbrauchte sie: Die Schizophrenie. Noch heute ist diese endogene Psychose, die der Münchener Ordinarius für Psychiatrie Ernst Kraepelin unter dem Begriff "Dementia Praecox" beschrieb und für die der Züricher Psychiater Eugen Bleuler 1911 den Begriff Schizophrenie einführte, eine der rätselhaftesten, unheimlichsten und besonders von Vorurteilen überfrachteten Störungen. Nur wenigen Filmen gelang es bisher, sich dem sensiblen Thema der Psychosen, insbesondere der Schizophrenie, angemessen zu nähern. Ron Howard nahm sich in "A Beautiful Mind" des schwierigen Sujets mit einem biographischen Portrait an, welches zwar nie die Gefilde eines aalglatten, Blockbuster-gepolten Hochglanzproduktes verlässt, dafür aber mit hochklassigen Darstellerleistungen aufwarten kann.

Es ist die bewusst nicht allzu authentisch gehaltene Geschichte des Mathematikers John Forbes Nash, der in den 50er Jahren an paranoider Schizophrenie erkrankte und jahrelange soziale und berufliche Isolation hinnehmen musste. In den 90er Jahren erlebte er ein geradezu triumphales Comeback, welches 1994 mit dem Nobelpreis gekrönt wurde. Mit 21 Jahren entwickelte der Schüler Einsteins an der Princeton University eine Spieltheorie, die vor allem die Wirtschaftswissenschaften revolutionierte. Sylvia Nasar hielt seine Biographie in dem Buch "Auf den dunklen Meeren des Denkens" fest, wobei sie die gesamte Widersprüchlichkeit dieses vielschichtigen Charakters berücksichtigte: Der echte Nash war laut Sylvia Nasar Antisemit, bisexuell, neigte zu Gewaltausbrüchen, war kein guter Vater und behandelte seine beiden Ehefrauen schlecht.

Von alldem ist bei Ron Howard nicht mehr viel übrig geblieben. Genauso, wie in Akiva Goldsmans Drehbuch all jene wirklich dunklen Seiten des echten John Nash wegretouchiert und mit Hollywood'schem Weichzeichner übertüncht wurden, genauso wenig erfährt der Zuschauer von den wissenschaftlichen Errungenschaften des Nobelpreisträgers. Howard und Goldsmans zeichnen das Bild eines schrulligen, zeitweilig völlig hilflosen, aber unbeugsamen Psychosekranken, der ausnahmslos als Opfer seiner Störung stilisiert wird. Angefangen vom linkischen, aber zeitweise bodenlos überheblich und arrogant auftretenden Jungakademiker über den Erwachsenen, der wegen seiner Krankheit beruflich scheitert und das Höllenmartyrium der Psychiatrie, Stand 50er Jahre, mit Insulin- und Elektrokrampftherapie über sich ergehen lassen muss, bis in hohe Alter portraitieren Howard und Goldsman den Lebensweg eines Mannes, der trotz psychischer Krankheit voll und ganz dem Ideal des American Dream entspricht, der sich gegen alle Widrigkeiten am eigenen Schopf aus dem Morast zieht, um am Schluss zu triumphieren.

Es sind die einfach großartigen Darstellerleistungen, die "A Beautiful Mind" dennoch sehenswert machen. "Können diese Muskeln rechnen?" hinterfragte eine deutsche Tageszeitung, warum mit Russell Crowe ausgerechnet ein vor allem durch seine physischen Rollen populär gewordener Darsteller die trotz hollywood'scher Reinlichkeit immer noch recht komplex angelegte Rolle des schizophreniekranken Mathematikgenies übernommen hatte. Die Antwort lautet: Er kann. Die Erkenntnis, dass dem 1964 in Neuseeland geborenen Darsteller der Oscar für "Gladiator" nur als Entschädigung für die verweigerte Prämierung in "The Insider" verliehen wurde, hat sich inzwischen als Allgemeingut etabliert.

Und dem Australier Crowe gelingt es tatsächlich meisterhaft, diesem brüchigen, zerrissenen und verletzbaren Charakter subtil und glaubhaft Gestalt zu geben. Mit jedem Moment nimmt man ihm den jungen, exzentrischen Mathematiker ab, der sich auf dem Feld des abstrakten Denkens als Geist von visionärem Format beweist, aber in der realen Welt, im zwischenmenschlichen Leben als unbeholfener, linkischer und neurotisch wirkender Sonderling auftritt. Sprache, Mimik und Agitation des jungen John Nashs schwanken zwischen angstvollem Zurückscheuen und taktloser Direktheit, welches sehr genau der Phänomenologie schizoider bis schizophrener Verhaltensstrukturen entspricht, wie sie Fritz Riemann in seiner tiefenpsychologischen Studie "Grundformen der Angst" dargelegt hat. Über seine Wissenschaft sucht Nash eine Art Fernkontakt zum Leben, dessen direkt-hautnahe Berührung er einerseits scheut, anderseits verzweifelt sucht. Treffend illustriert Ron Howard dies in einer Kneipenszene, in der Nash die Anwesenheit fünf junger Frauen und die sich daraus ergebenden möglichen Folgen für ihn und seine Freunde in seinem Kopf sofort zu einer mathematischen Theorie verdichtet. Auch den übersteigerten Narzissmus, der bei schizoiden und schizophreniekranken Charakteren häufig zu beobachten ist, bebildern Ron Howard und sein Hauptdarsteller glaubwürdig: Während der junge Nash die Arbeiten seiner Kommilitonen zynisch als wertlos und minderwertig abqualifiziert, lässt ihn bereits ein verlorenes Brettspiel einen Tobsuchtsanfall erleiden. Diese Art der Interaktion Nashs mit seiner Umwelt beschrieb Fritz Riemann sehr gelungen mit dem Bild der "schleifenden Kupplung": Beim geringsten Misstrauen wird ausgekuppelt, ebenso ruckartig kann wieder eingekuppelt werden, was dem Kontaktverhalten jenen für Schizoide so typischen abrupten Charakter verleiht und durch das ständige Pendeln zwischen taktloser Offenheit und blitzartigem inneren Rückzug zu einer immer größeren Verständigungskluft mit der Umgebung führt. Wie John Nash langsam, aber unaufhaltsam immer weiter in diese Zustände der Derealisation und der paranoiden Scheinempfindungen hineingleitet, wie er auch äußerlich und körperlich immer mehr verfällt, diese abwärts gerichtete Spirale verkörpert Russell Crowes Spiel mit beeindruckender Intensität.

Crowes Part ist jedoch nicht als Solo-Auftritt angelegt, sondern als Paarlauf mit Co-Star Jennifer Connelly in der Rolle seiner aufopferungsvollen Ehefrau Alicia. Die 31-jährige Darstellerin, die ihre Karriere in den 80ern in Sergio Leones "Unce Upon A Time in America" und in Dario Argentos "Phenomena" begann, liefert als verletzliche, aber tapfere und sich letztendlich gegen das Schicksal aufbäumende Lebens- und Leidensgefährtin Nashs eine Bravourleistung ab. Es ist das klassische Motiv von der Schönen und dem Biest, welches Connelly und Crowe in perfekter Ergänzung verkörpern. Ergänzt wird diese Ensembleleistung durch die beiden brillanten Charakterdarsteller Ed Harris und Paul Bettany sowie Altstar Christopher Plummer in der Rolle von Nashs Psychiatriearzt.

Mit faszinierenden Bildern lässt Ron Howard Nashs Gedankengänge, sein Sehen und Erleben miterfahren. Dabei verwischen, zunächst nicht erkennbar, die Grenzen zwischen Realität, Einbildung und Halluzination, was den Zuschauer den Weg des Mathematikers in die immer tieferen Abgründe der Paranoia und das Wahnerleben mitgehen und miterleiden lässt. Die Illusion erreicht lange nicht das Format eines "Fight Club" oder eines "The Sixth Sense", dennoch gelingen Howard einige wirklich beklemmende Sequenzen. Die magischsten Momente besitzt der Film, wenn John Nash aus Zeitungsüberschriften und Illustrierten für seine Umgebung nicht sichtbare Codes herausliest und diese - dann für den Zuschauer visuell miterlebbar - zu einem neuen logischen Konstrukt zusammenfügt. Wirklich angsteinflößend sind jene Sequenzen, in denen der Zuschauer die wahren Szenerien enthüllt bekommt, die sich hinter den von John Nash zusammenphantasierten Scheinwelten verbergen.

"A Beautiful Mind" ist unterteilt in drei Abschnitte. In der Exposition werden John Nash als leicht verschrobener, aber ansonsten unauffälliger Jungwissenschaftler In Princeton, seine Freunde, seine Umgebung und sein Lebenssituation eingeführt, sein beruflicher Werdegang nachgezeichnet und die sich am Horizont abzeichnende persönliche Katastrophe in kleinen, geschickt gestreuten Handlungseinsprengseln angedeutet. Der zweite, zugleich düsterste und beste Teil schildert die Offenbarung seiner Erkrankung und seinen Absturz, wobei sich manches zunächst absonderlich bis unwirklich erscheinende Handlungsgeflecht auf erschreckend logische Weise auflöst und hinter zahlreichen potemkinschen Dörfern des ersten Teils die hässliche Fratze paranoider Wahnvorstellung enthüllt wird. Teil drei bildet dann leider die unvermeidliche, melodramatische und viel zu lang gezogene hollywoodeske Auflösung, in der sich alles zum märchenhaft Guten wendet und die allem vorangegangenen Horror zum Trotz weitestgehend in überbordender, schmalztriefender Glückseligkeit erstickt. Denn natürlich ist es - ganz im Gegensatz zur wahren Biographie John Nashs - allein die echte, wahre Liebe der treusorgenden Ehefrau Alicia, die dem Helden das (Über-)leben trotz paranoiden Wahns ermöglicht. Hätte sich Howard hier kürzer gefasst oder gar ganz verzichtet, es hätte beinahe ein Meisterwerk werden können.
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