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Ein (un)möglicher Härtefall
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ein (un)möglicher Härtefall
Von Jürgen Armbruster
Von den Brüdern Joel und Ethan Coen erwartet man schlicht und einfach Wunderdinge. Zu überragend waren ihre bisherigen Filme. „Fargo“, „The Big Lebowski“ und „O Brother, Where Art Thou“ sind bereits heute Klassiker. Und dies wohlgemerkt vollkommen zu Recht. Wer von „Intolerable Cruelty“ – über dessen deutsche Übersetzung „Ein (un)möglicher Härtefall“ besser der Mantel des Schweigens gehüllt werden sollte – einen ähnlich herausragenden Geniestreich der Coens erwartet wird enttäuscht sein. Spätestens jetzt wissen wir, dass auch sie nur Menschen sind. Akzeptiert man dies, wird einem jedoch relativ schnell klar, dass die Coens mit einem für ihre Verhältnisse unterdurchschnittlichem Film immer noch für weit überdurchschnittliche Kinounterhaltung gesorgte haben.

Allen Zweiflern wird bereits mit der famosen Eröffnungssequenz eine schallende Ohrfeige verpasst. Wir sehen Geoffrey Rush, doch zu erkennen ist er erst auf den zweiten Blick. Einen krasseren Sprung hätte er im Vergleich zu seiner Rolle des bösen Piraten Barbossa in „Fluch der Karibik“ nicht mehr machen können. Was wir sehen, könnte der lange vermisste Bruder von Siegfried und Roy sein. Die Haare sind lässig zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden und wehen im Fahrtwind des Jaguar-Cabriolets, die Sonnebrille hängt auf der Spitze der Nase, die obersten Knöpfe des Hemdes sind lässig geöffnet und ermöglichen den Blick auf ein kleines Zuhälterkettchen. Als ob die Szenen nicht schon skurril genug wäre, beginnt Rush obendrein noch lauthals „The Boxer“ von Simon & Garfunkel zu gröhlen. Da ist nicht nur Schmunzeln vorprogrammiert, sondern die Coens fahren die ersten Sympathiepunkte ein… und es geht so weiter.

Im Mittelpunkt der eigentlichen Handlung steht Miles Massey (George Clooney), seines Zeichens der gewiefteste Scheidungsanwalt, den die Welt je gesehen hat. Wenn einer seiner Mandanten sich in Flagranti beim Ehebruch ertappen und filmen lässt, ist dies für ihn kein Problem, sondern eine Herausforderung. Doch trotz des beruflichen Erfolgs fehlt ihm etwas in seinem Leben. Ein Auto ist dies sicherlich nicht, denn beim örtlichen Mercedes-Händler besitzt er bereits eine Bonuskarte. Als eines Tages Immobilien-Mogul Rex Rexroth (Edward Herrmann) um seine Dienste bei der Scheidung von seiner Frau Marylin (Catherine Zeta-Jones) bittet, überschlagen sich die Ereignisse. Schnell entlarvt Miles Marylin als professionelle Heiratsschwindlerin. Marylin ist der Prototyp des männerverschlingenden Weibsbilds, doch trotzdem beginnt sich Miles in sie zu verlieben. Diese zeigt jedoch kein wirkliches Interesse an ihm, sondern lässt sich nach der aus ihrer sich unerträgliche Scheidung von Rex mit dem Öl-Milliardär Howard D. Doyle (Billy Bob Thornton) ein. Für Miles wiederum kein Hindernis, sondern lediglich eine erneute Herausforderung.

Die Geschichte mag abstrus und an den Haaren herbei gezogen wirken, doch da selbiges für jeden einzelnen der Charaktere im Film ebenfalls zutrifft, weiß das fertige Endprodukt wiederum zu überzeugen. „Ein (un)möglicher Härtefall“ ernst zu nehmen wäre in etwa so, als würde man George W. Bush jr. mit dem Friedensnobelpreis auszeichnen. Doch will ein Film, in dem so völlig überzeichnete Figuren wie ein zwei Meter großer, asthmakranker Auftragskiller, der sich selbst „der röchelnde Joe“ (Irwin Keyes) nennt oder ein mindestens 120 Jahre alter, leicht cholerischer Seniorpartner der Anwaltskanzlei (Tom Aldredge) ein zuhause finden überhaupt ernst genommen werden? Sicherlich nicht!

Dass diese an sich lächerliche Geschichte derart prächtig funktioniert ist in erster Linie der Verdienst von George Clooney. Es darf angezweifelt werden, ob er auf der Leinwand schon besser aufgelegt zu beobachten war. Mit ihm steht und fällt der gesamte Film. Sein Spiel zwischen Unantastbarkeit und purer Ohnmacht ist eine Augenweide. Wenn dann, wie im vorliegenden Fall, noch eine gesunde Portion Selbstironie hinzukommt, ist die Mischung perfekt. Es ist lange her, dass allein der Gesichtsausdruck eines Darstellers in Großaufnahme derart häufig für Lachanfälle im Publikum sorgte, wie die des Herren Clooney in „Ein (un)möglicher Härtefall“. Schwach bleibt hingegen Douglas-Gattin Catherine Zeta-Jones. Irgendwie kommt sie nicht wirklich über die Rolle des schmückenden Beiwerks hinaus. Doch dies ist ohnehin egal. Clooney trägt den Film locker alleine. Neben dem angesprochenen Kurzauftritt von Geoffrey Rush ist vor allem Billy Bob Thornton noch eine absolute Bereicherung, der mit seiner Rolle des texanischen Öl-Milliardärs eine herrliche Selbstparodie abgibt.

Ohne Schwächen bleibt das neuste Werk der Coens jedoch leider nicht. Hin und wieder geschieht die ein oder andere Minute absolut gar nichts, oder etwas, das man dem Publikum besser hätte ersparen sollen. War es beispielsweise wirklich nötig, dass Massey die klischeehafte Liebeserklärung am Rednerpult bei einem Fachkongress für Scheidungsanwälte abgibt? Eigentlich nicht, denn der gesamte Kongress ist unnötig wie ein Kropf und hätte ohne weiteres selbst von ungeübten Autoren aus dem Drehbuch geschrieben werden können. Dies ist umso enttäuschender, wenn man bedenkt, dass ein Großteil des Drehbuchs ein Feuerwerk aus zündenden Gags und messerscharfen Dialogen ist. Absolutes Highlight ist der Abgang des röchelnden Joe. Diese Szene dürfte ähnlich legendär wie der Treppenstolperer in „Out of Sight“ werden.

Abgerundet wird „Ein (un)möglicher Härtefall“ von einem der besten Soundtracks des bisherigen Kinojahres. Neben den bereits erwähnten Simon & Garfunkel finden sich auf diesem unter anderem noch Elvis Presley, Tom Jones und Edith Piaf. Musik und Film passen ohne zu übertreiben zueinander, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Komödienfreunde können mit „Ein (un)gewöhnlicher Härtefall“ nichts falsch machen. Ein alles überragender Hauptdarsteller, Nebendarsteller, die sich permanent mit einem Augenzwinkern selbst veräppeln, gelungene Gags und eine wunderbare Musik. Herz, was willst Du mehr?
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