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K-19: Showdown in der Tiefe
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
K-19: Showdown in der Tiefe
Von Carsten Baumgardt
Kathryn Bigelow, die Spezialistin fürs Action-Handwerk, hat sich in Hollywood den Ruf erarbeitet, die männlichste aller Regisseurinnen zu sein. Schmeichelhaft oder nicht, sie wird respektiert. Doch irgendwie ist die Actionfachfrau vom Pech verfolgt. Sie ist immer mit dem richtigen Film zur falschen Zeit vor Ort. Das war bei dem visionären, völlig unterschätzten „Strange Days“ der Fall und ist bei „K-19: The Widowmaker“ nicht anders. Das U-Boot-Drama bietet solides, gutes Spannungskino auf technisch höchstem Niveau. Dennoch floppte der 100-Millionen-Dollar-Film in den USA und wird dazu führen, dass Bigelow in den nächsten Jahren kein großes Budget anvertraut wird.

1961 ist der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion auf dem Höhepunkt angelangt. Amerikanische U-Boote liegen vor der sowjetischen Küste in Stellung, diese Bedrohung können sich die Sowjets nicht gefallen lassen. Der Stolz der Marine, das brandneue, mit Nuklearsprengköpfen bestückte Atom-U-Boot „K-19“, soll Kurs auf die amerikanische Ostküste nehmen und sich dort strategisch in Position bringen. Doch es gibt Probleme. Die Ingenieure hängen dem Zeitplan weit hinterher, unter Zeitdruck kommt es zu einigen Schlampigkeiten. Als eine Übung schief geht, wird Kapitän Polenin (Liam Neeson) degradiert und muss unter seinem Nachfolger Vostrikov (Harrison Ford) als Erster Offizier dienen. Das passt der Mannschaft gar nicht, die den kumpelhaften Polenin dem autoritären Vostrikov vorzieht.

Der ehrgeizige Kapitän führt seine Crew und das Boot auf See bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Als sie jedoch ihre erste Mission, den Abschuss einer ballistischen Testrakete in der Arktis, erfolgreich abschließen, gewinnt der neue Kapitän etwas mehr Respekt. Doch dann soll sich die Hektik in der Vorbereitung rächen. Im Kühlsystem des Kernreaktors entsteht ein Leck. Wird es nicht innerhalb von wenigen Stunden repariert, schmilzt der Kern und es kommt zur nuklearen Katastrophe, die in der angespannten Lage wahrscheinlich den Dritten Weltkrieg auslösen würde. Allerdings müssen die Männer ohne geeignete Schutzanzüge in den hochradioaktiven Reaktorraum...

Kathryn Bigelow („Gefährliche Brandung“, „Blue Steel“) brauchte ganze sieben Jahre, um nach dem grandios gefloppten Meisterwerk „Strange Days“ wieder genug Vertrauen zu genießen, dass ein Studio ihr ein großes Budget genehmigte. Die Ausgangslage für „K-19: The Widowmaker“ (der Bau des U-Boots forderte bereits zehn Menschenleben. Deswegen: „der Witwenmacher“) schien nicht schlecht. Eine Topbesetzung, ein starkes, auf einer wahren Begebenheit beruhendes Thema und ihr eigenes, unbestrittenes Talent dazu: Da sollte nicht viel daneben gehen. Allerdings ist Bigelow, die den Film auch produzierte, einem gewaltigen Fehlglauben aufgesessen, der „K-19“ letztendlich an der US-Kinokasse versenkt hat. Der Film ist komplett aus russischer Perspektive erzählt und darum bemüht, die Protagonisten sympathisch und menschlich erscheinen zu lassen. Aber die Annahme, das US-Publikum sei inzwischen so tolerant, dass es sowjetische Helden klaglos akzeptiert, ist wohl der teuerste Irrtum ihrer Karriere. Denn das ist ohne Zweifel der Hauptgrund, warum „K-19“ in den USA nicht mal 40 Millionen seines 100-Millionen-Dollar-Budgets wieder einspielte.

Am Film selbst liegt es nicht. Nach einer langen Exposition, die mit den Charakteren an Bord vertraut macht und die Grundproblematik der verpatzten Vorbereitungsphase vertieft, geht es ans Eingemachte. Aus den konventionellen, an der Oberfläche dümpelnden Konflikten wie der unzufriedenen Mannschaft und den schwelenden Kompetenzstreitigkeit zwischen den beiden Kapitänen, die von Harrison Ford und Liam Neeson mit gewohnter Souveränität verkörpert werden, erwächst mit Eintritt des Katastrophenfalls eine Dramatik, die weit tiefer geht. Wenn die ersten Soldaten - in der falschen Annahme, Strahlenschutzkleidung zu tragen - in den Reaktorraum gehen, um das Leck zu reparieren, beginnt das wahre Drama. Nach zehn Minuten sind sie so von der Radioaktivität gezeichnet, dass es niemanden kalt lässt. In dieser Phase erzielt „K-19“ seine größte Wirkung auf das Publikum, schafft es vortrefflich, Emotionen zu erzeugen.

Technisch auf dem neuesten Stand und ohne Mängel versteht es Bigelow, aus dem stark limitierten Raum auf dem Boot, die nötige Authentizität zu kitzeln, die Enge spürbar zu machen. Auf große Actionszenen verzichtet sie wohlwollend. Leider hat „K-19“ aber doch noch einen Haken. Nachdem das dramatische Potenzial des Stoffes im Mittelteil voll ausnutzt wurde und einige nette Wendungen für Abwechslung sorgen, kippt der Film gegen Ende wieder in den typischen Hollywood-Stil und feiert den Heldenmut der Besatzung ein bisschen zu heftig. Auch wirkt der angehängte Schluss etwas aufgesetzt.

Zwar erreicht „K-19: The Widowmaker“ nicht ansatzweise die Tiefe von Wolfgang Petersens Genre-Primus „Das Boot“, ist auch nicht ganz so spannend wie John McTiernans „Jagd auf Roter Oktober“, doch trotz kleiner Mängel überzeugt der Film als gut gemachtes, dramatisches Spannungs-Kino: kein Klassiker, aber auch sicher keine verschwendete Zeit.
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