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    Killing me softly
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,0
    schlecht
    Killing me softly
    Von Ulrich Behrens

    Armer Alfred Hitchcock, wenn Sie wüssten, Mister Master of Suspense, was Ihre Epigonen bzw. solche, die sich dafür halten, in Ihrer Abwesenheit fabrizieren. Psychothriller – dieser Begriff hinterlässt nach Sicht des neuen Films Kaige Chens („Lebe wohl, meine Konkubine“, 1993; „Der Kaiser und sein Attentäter“, 1999) einen schalen Geschmack. Hitchcock – das war ein frisches Bier an einem heißen Sommertag, das den Durst löschte. Chen – das ist mindestens drei Tage abgestandenes Bier, das zudem noch zu lange in der Sonne gestanden hat. Chen bewegt sich auf den äußerlichen Pfaden des Genres, jedoch ohne jegliche dramaturgische Würze, glaubwürdigen Inhalt und überzeugende Charaktere.

    Die in London lebende amerikanische Web-Designerin Alice Loudon (Heather Graham) lebt in einer komfortablen Beziehung. Als sie eines Tages zur Arbeit geht, trifft sie auf der Straße einen Mann, der sie von Anfang an fasziniert. Wenig später sieht sie ihn wieder, in einem Buchladen. Auch Adam Tallis (Joseph Fiennes), der unbekannte Schöne, scheint von Alice sehr angetan. Tallis ist Bergsteiger, über ihn wurde gerade ein Buch veröffentlicht, in dem u.a. über ein zwei Jahre zurückliegendes Unglück berichtet wird. Tallis war an einer Tour beteiligt, bei der sechs Bergsteiger, darunter seine Freundin, in den Tod stürzten. Schnell lernen sich Adam und Alice kennen. Schnell haben sie Sex miteinander. Kurz darauf lernt Alice Adams Schwester Deborah (Natascha McElhone) kennen. Alice verlässt ihren Freund und zieht zu Adam; bald darauf heiraten beide. Eines Tages erhält Alice anonyme Briefe, in denen sie vor Adam gewarnt wird. Er sei gewalttätig und Alice habe einen großen Fehler gemacht, Adam zu heiraten. Zudem erfährt sie, dass eine frühere Freundin von Adam seit Monaten spurlos verschwunden ist. Eine andere Frau erzählt einer Journalistin anlässlich der Veröffentlichung des Buches über Adam, er sei nicht der große Held, den man aus ihm gemacht habe; er habe sie vor Jahren vergewaltigt. Adam benimmt sich zunehmend merkwürdig, spricht nicht über seine Vergangenheit. Alice weiß im Grunde nichts über ihn. Als sie Nachforschungen anstellt, wird Adam misstrauisch, fesselt sie am Küchentisch fest. Alice kann ihm nur mit Mühe entkommen. Der Polizei allerdings, der sie ihre Geschichte erzählt, sind die Hände gebunden. Adam neige vielleicht ab und an zur Gewalttätigkeit, aber ob er ein Mörder sei, sei zweifelhaft. Es fehlten jegliche Beweisstücke. Ein Bild, das Adam von der nackten Alice auf einem Friedhof von ihr gemacht hat, und ein weiteres, auf dem die verschwundene Frau an gleicher Stelle ebenfalls nackt abgebildet ist, führt Alice zurück auf den Friedhof ...

    Dass Chen seinen Film in London gedreht hat, davon merkt man nicht viel. Die Atmosphäre eines Films lebt und stirbt zumindest auch von der Umgebung, in der gedreht wird, und wie sie gedreht wird (man vergleiche demgegenüber „Frenzy“ [1972] von Alfred Hitchcock, in dem sich der Krawattenmörder Blaney in einer wirklichen, d.h. auch auf den Zuschauer wirkenden Londoner Atmosphäre, u.a. auf dem Obst- und Gemüsemarkt, bewegt). Das jedoch ist nur das geringste Übel dieses Streifens. Eine junge intelligente Frau trifft einen Unbekannten auf der Straße. Sie merkt – so der Plot –, dass sie mit ihrer bestehenden Beziehung irgendwie unzufrieden ist. Aber was bedeutet dieses Irgendwie? Ich weiß es nicht und der Film weiß es auch nicht. Kurzum, wenige Minuten später – und das bezieht sich nicht nur auf die Film-Zeit, sondern auf das Dargestellte – ist sie diesem Adam verfallen.

    Chen ist sich nicht zu schade, seinen Film mit sexuellen Kunststückchen vollzustopfen, die weit davon entfernt sind, irgend etwas Erotisches auszudrücken. Mal auf dem Tisch, mal vor dem Kamin, dann in Eiseskälte vor der Haustür – Chen zieht alle Register unerotischer Sex-Akrobatik und vermasselt allein schon deshalb alles, was mit Glaubwürdigkeit zu tun haben könnte. Die Obsession, die er offensichtlich damit bezeugen will, bleibt eine unbewiesene Behauptung. Adam fesselt Alice, legt ihr ein langes Tuch um den Hals, bestimmt, wie viel Luft sie bekommt, während beide miteinander schlafen – und Alice kommentiert aus dem Off – sie erzählt die Geschichte einem Polizisten –, dass es ihr gefallen habe, wie er bestimmt, wann sie atmen dürfe.

    Heather Graham spielt diese Alice plump und stupide. Sie weiß nichts von Adams Vergangenheit, sie fragt auch nicht danach, sie ermittelt heimlich hinter seinem Rücken. Fiennes Adam ist eine mittlere Katastrophe. Er reduziert sein Spiel auf zwei Gesichtsausdrücke: Einmal ist er fröhlich und rennt mit Alice durch die Landschaft, aber zumeist ist es der gewollt böse, finstere Blick, der ihn und damit uns erstarren lässt – nicht vor Furcht, sondern vor emotionsarmem Spiel. „Seht her, wie böse ich bin“, ruft Fiennes Blick uns zu. „Jetzt seht doch endlich her!“ Wunderbar passen die beiden Hauptdarsteller zusammen. Während Fiennes starren Blickes das Böse repräsentiert, mimt die Graham das dumme Aschenputtel im Westentaschenformat, der man abnehmen soll, eine intelligente Frau zu sein, die sich aber andererseits derart naiv durch die Handlung bewegt, dass einem die Haare zu Berge stehen. Warum um alles in der Welt, heiratet sie einen Mann, von dem sie nichts weiß, zumal sie zudem – wenn auch anonym – vor ihm gewarnt wird? Statt dessen starrt sie ihm zwanghaft in die Augen wie Mowgli der Schlange Kaa? Was soll das?

    ACHTUNG SPOILER:

    Die „Lösung“ des „Falls“ ist simpel und psychologisch jenseits aller Logik. Der Mörder ist immer die Schwester, von der man erfährt, dass sie bereits in jugendlichen Jahren ihren Bruder verführt und alle Frauen, die sich ihm genähert haben, heimlich vertrieben oder beseitigt hat. Bei Alice wartet die schöne, aber grausame Deborah allerdings – offenbar wie bei den anderen Opfern auch – so lange, bis Alice mit Deborah zusammen eine Frauenleiche auf dem Friedhof verscharrt findet, bevor sie sich daran macht, Alice mit einer Hacke den Garaus zu machen (das Drehbuch hat es so gewollt, ein typischer Fall für einen Plot, in dem der potentielle Mörder warten muss, bis die Handlung vorangetrieben wurde: grauslich!). Und natürlich erscheint im letzten Moment Adam, um das zu verhindern. Frage: Wieso hat Adam gegen seine Schwester nie etwas unternommen, obwohl er weiß, was alles passiert ist? Antwort Chens: Er – dieser gestandene, wenn auch psychotische Mann – hat Angst vor Deborah. Help! Help! Help! Dieses Kuddelmuddel aus der psychologischen Hausapotheke schmeckt nicht nur wie schlechte Medizin, es wirkt auch nicht: kein erhöhter Adrenalinspiegel, keine Spannung. Eine Strafanzeige gegen seine Schwester, die Polizei hätte die Leiche der Ex-Geliebten gefunden, Deborah wäre ins Gefängnis oder die Psychiatrie marschiert und das war’s. SPOILER ENDE

    „Killing Me Softly“ ist in jeder Hinsicht eine filmische Katastrophe. Heather Graham, zuletzt an der Seite von Johnny Depp als Mary Kelly in „From Hell“ (2001) in einer überzeugenden Charakterdarstellung, stellt ihr Licht soweit unter den Scheffel, dass sich sozusagen die Blässe ihres Gesichts auf die Figur überträgt. Joseph Fiennes fehlt jegliche überzeugende Ausdruckskraft. Und Natascha McElhone spielt entgegen ihrer vom Drehbuch und von der Logik der Geschichte vorgeschriebenen tragenden Figur letztlich nur eine Nebenrolle. Avoid this movie!

    (Zuerst erschienen bei CIAO)

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