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    Die Liebe der Charlotte Gray
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,0
    schlecht
    Die Liebe der Charlotte Gray
    Von Ulrich Behrens
    Krieg und Liebe – ein beliebtes Thema der Filmgeschichte – sind nicht gerade unkompliziert unter Dach und Fach zu bringen. Was steht im Vordergrund: die zeitgeschichtlichen Umstände oder die Liebesgeschichte, oder beides zusammen. Dieses „Beides-Zusammen“ ist der entscheidende Punkt, der Casus belli sozusagen. Gillian Armstrong versuchte sich an der Adaption eines Romans von Sebastian Faulks und – um es vorwegzunehmen – ist gnadenlos daran gescheitert. Ich kenne den Roman nicht. Das spielt aber auch gar keine Rolle. Denn was Armstrong hier auf die Leinwand brachte, hat weder mit einer glaubwürdigen Geschichte, noch überzeugenden Charakteren, noch mit Spannung irgend etwas zu tun. Daran konnte Cate Blanchett nicht das geringste ändern – im Gegenteil.

    Die junge Schottin Charlotte Gray (Cate Blanchett) verliebt sich im Kriegsjahr 1943 in den Soldaten Peter Gregory (Rupert Penry-Jones), der jedoch bald zum Kriegseinsatz als Kampfflieger nach Frankreich abkommandiert wird. Charlotte entschließt sich, ihm zu folgen, und meldet sich als Freiwillige beim britischen Geheimdienst für eine Ausbildung zum Kurier in Feindesland, sprich in Frankreich, nachdem sie gehört hat, dass Peter abgeschossen wurde. Sie hofft, ihn in Frankreich zu finden. Kurz darauf wird sie für einen Einsatz in Frankreich abkommandiert und landet per Fallschirm auf dem Festland. Sie lernt Mitglieder der französischen Résistance kennen, u.a. den jungen Kommunisten Julien Levade (Billy Crudup), und dessen Vater (Michael Gambon), der kein Kommunist ist und mit seinem Sohn im verhaltenen Streit liegt, aber schweigt, weil er die Nazis hasst. Levade Jr. und seine Gruppe planen Sabotageakte und versuchen zu helfen, wo es notwendig ist. Die französischen Vichy-Behörden helfen den Nazis bei der Deportation von Juden. Als die Eltern zweier Jungen deportiert werden, bringt sie Julien bei seinem Vater außerhalb des Ortes auf dem Hof unter. Charlotte kümmert sich um die beiden, die nicht wissen, was mit ihren Eltern geschehen ist.

    Als die Résistance einen Anschlag auf einen Gütertransport plant, nimmt Julien Charlotte mit. Der Anschlag gelingt, der Güterzug mit Waffen und Panzern fliegt in die Luft, die Widerstandskämpfer können mit Mühe entkommen. Doch die Möglichkeiten für die Résistance und Charlottes Kurier-Tätigkeit werden immer geringer, als die Wehrmacht in Vichy-Frankreich einmarschiert. Ein Schullehrer am Ort, der mit den Nazis kollaboriert, beobachtet heimlich Charlotte und erfährt so, dass Juliens Vater zwei jüdische Kinder versteckt. Er will Charlotte zwingen, mit ihm zu schlafen, sonst würde er den Nazis das Versteck verraten. Charlotte und Julien, die sich nach und nach näher kommen, bringen die Kinder in ein anderes Versteck. Doch die Gestapo und die französischen Kollaborateure erfahren rasch, wo sich die Kinder aufhalten. Nicht nur das: Sie verhaften Juliens Vater, dessen Großeltern (angeblich) Juden waren, und deportieren ihn wie die Kinder nach Polen ...

    Two hours and nothing learned! Das könnte das Fazit einer Schulklasse sein, die sich diesen Film angesehen hätte. Was erfährt man Neues über die Situation in Vichy-Frankreich? Nichts. Was erfährt man über die Verflechtung von politischen Ereignissen und persönlichen Schicksalen in diesen Jahren? Viel Unsinniges. Was ist zumindest mit der Liebesgeschichte? Forget it. Wenn das Wort oberflächlich eine tiefgehende Bedeutung hat, dann was diesen Film betrifft. Da werden in schier endloser Weise Bilder an Bilder – zum Teil schöne Bilder, zugegeben – aneinander gereiht, ohne dass deren Zusammenschau jedoch irgendeinen tieferen Sinn ergäbe. Handlung, Logik und Charaktere bleiben dabei auf der Strecke. Warum um Himmels Willen entschließt sich eine junge, intelligente Frau wie diese Charlotte, ihrem Geliebten als Geheimdienstkurier nach Frankreich zu folgen? Woher weiß sie, dass sie genau dort eingesetzt wird, wo ihr Freund abgestürzt ist? Und selbst wenn, was wollte sie dann eigentlich tun? Ihn in die Arme nehmen? Ihn retten? Ihn pflegen? What the hell!! War es tatsächlich möglich, so mir nichts dir nichts Kurier des britischen Geheimdienstes zu werden? Charlotte absolviert eine mehr oder weniger kurze Ausbildung und schwuppdiwupp ist sie schon in Frankreich. What the hell!!

    Dort angekommen – natürlich unter falschem Namen als Französin aus Paris – genießt sie sofort das Vertrauen einer im Untergrund arbeitenden Widerstandsbewegung und wird sogleich zu einen Bombenanschlag auf einen deutschen Waffentransport mitgenommen. What the hell!! Während dieses Anschlags tut sie eigentlich – nichts. Aber am nächsten Tag sagt ihr Julien, sie habe das gut gemacht. Was denn, um alles in der Welt??? Julien ist Kommunist. Wissen die Vichy-Behörden und die Nazis das nicht? Er bewegt sich frei und unbehelligt im Ort. What the hell!! Nicht nur das: Als deutsche Truppen im Ort einmarschieren, steht Julien an der Straße und schreit lautstark: Der und der sei verschwunden, und alle bemerken unzweifelhaft, dass dies ein Protest gegen die Besetzung Frankreichs und die Nazis ist. Als ein Besatzungsmitglied auf einem der Panzer mit vorgehaltenem MG ihn unmissverständlich auffordert zu schweigen und Julien nicht aufhört, küsst ihn Charlotte. Die Panzer fahren weiter, Julien geschieht nichts. What the hell!!! Für solche Proteste sind Leute auf offener Straße erschossen oder zumindest sofort festgenommen worden. Wieso begibt sich ein intelligenter französischer Widerstandskämpfer in eine solche Situation? Wieso begeht er eine solche Dummheit? Weiter. Julien ist a) Kommunist, b) dadurch fast zwangsläufig Widerstandskämpfer, c) müsste er den Behörden bekannt sein und d) versteckt er zwei jüdische Knaben ausgerechnet bei seinem Vater auf dem Hof. Ich fasse es nicht!

    Und last but not least: Als der Vater Juliens und die beiden Jungen bereits deportiert worden sind und Julien den Kollaborateur erschossen hat, brechen Nazis und französische Polizei in das Haus von Juliens Vater ein. Nur Charlotte ist noch dort. Julien hat sich abgesetzt. Sie schreibt einen fingierten Brief (einen Brief, den sie als Brief der Eltern der beiden Jungen ausgibt, um ihn noch in den Güterzug den beiden zuzustecken, um sie zu trösten). Ein französischer Gendarm findet Charlotte. Beide stehen sich mit Pistolen bewaffnet gegenüber. Der Polizist – von den anderen gerufen, ob er irgend jemanden gefunden habe – verneint und verschwindet. Charlotte kann den Brief zum Bahnhof bringen und in den Wagon schieben, in dem sich Juliens Vater und die beiden Jungen befinden. Warum um alles in der Welt hat der Gendarm Charlotte laufen lassen? Er hätte abziehen können, um mit Hilfe der anderen sie später festzunehmen oder zu erschießen. Nichts dergleichen! Und warum das alles? Dem Drehbuch zuliebe?

    Das alles hat mit Zeitgeschichte, Logik und Glaubwürdigkeit wenig zu tun. Aber das ist leider noch nicht alles. Armstrong zeigt Klischees – solche über die Tätigkeit der Nazis, der Kollaborateure, der Widerstandskämpfer, Bilder, die wir so oder ähnlich schon Dutzende Male gesehen haben, Abziehbilder, die keine Überzeugungskraft mehr haben, Bilder, die wahllos aneinander geklebt werden, und vermischt diese Bilderfolge mit einer ebenso unglaubwürdigen Liebesgeschichte. Hinzu kommt, dass Cate Blanchett – nie habe ich sie wirklich in einer schlechten Rolle so schlecht spielen gesehen – laufend in Nahaufnahme gezeigt wird, weinend, leidend, verzweifelt – nur, dass man ihr das alles nicht so richtig abnehmen kann, außer einigen wenigen Szenen, in denen sie sich um die beiden Kinder kümmert.

    Insgesamt bedeutet dies: Der Film und seine Geschichte berühren nicht wirklich. Man bleibt auf Distanz zu einer Handlung, in deren Verlauf die Hoffnung, es mögen alle gerettet werden, nicht der Situation in diesem Krieg, einer intelligenten, der Realität nahe kommenden Situation, sondern einzig dem vermurksten Drehbuch geschuldet ist. Weder die (doppelte) Liebesgeschichte, noch die Zeitgeschichte funktionieren in diesem Film, den man schnell wieder vergessen sollte. Der einzige Lichtblick in diesem Streifen – Michael Gambon als überzeugender Vater Levade – kann daran nicht viel ändern.
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