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    Tatort: Der feine Geist
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Tatort: Der feine Geist

    Die BILD ist doof, der "Tatort" ist gut

    Von Lars-Christian Daniels
    Am 1. Januar 2020 strahlte die ARD den vieldiskutierten „Tatort: Das Team“ aus, in dem sich sieben Kommissare aus Nordrhein-Westfalen in einem Workshop zur Lösung eines Falls zusammenraufen mussten. Anders als sonst üblich stellte der WDR seinen Impro-Krimi der Presse damals nicht schon Wochen vorher zur Ansicht zur Verfügung, sondern erst kurzfristig und unter strengen Geheimhaltungspflichten. Das hatte einen guten Grund: Im Film von Jan Georg Schütte geschah etwas Wegweisendes in Bezug auf das Figurenensemble – und besonders ein deutsches Boulevardblatt mit vier Buchstaben scheut seit jeher nicht davor zurück, solche Twists im Vorfeld der TV-Premiere zu spoilern, um mit der Exklusivmeldung Schlagzeilen und Klicks zu machen.

    Beim „Tatort: Der feine Geist“, der exakt ein Jahr später auf Sendung geht, agierte der MDR nun weniger vorsichtig – und prompt sickerte der Clou des Krimis bereits Mitte Dezember durch. Für Zuschauer, die sich die Überraschung für den Neujahrstag 2021 aufheben wollten, ist das sehr ärgerlich – doch auch für alle, die an den entsprechenden Headlines nicht vorbeigekommen sind, lohnt sich das Einschalten. Denn im elften „Tatort“ aus Weimar gelingt Regisseurin Mira Thiel („Gut zu Vögeln“) ein sehr kurzweiliger Spagat zwischen amüsanter Komödie, klassischem Krimi und mitreißendem Drama, auf dem der grandiose Twist (der in dieser Kritik natürlich nicht verraten oder auch nur angedeutet wird) das i-Tüpfelchen bildet.

    Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) ermitteln diesmal in der unterirdischen Parkhöhle an der Irm.


    Die Weimarer Hauptkommissare Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) geraten in einen Raubüberfall: Ein maskierter Täter hat einen Juwelier überfallen, einen Geldboten erschossen und den Laden fluchtartig verlassen. Lessing und Dorn nehmen die Verfolgung auf, haben aber keinen Erfolg: Der Täter entkommt und Lessing trägt einen Streifschuss davon, der ihn fortan ans Krankenhausbett fesselt.

    Dorn muss bei ihren Ermittlungen mit der Unterstützung ihres Kollegen „Lupo“ (Arndt Schwering-Sohnrey) und ihres Chefs Kurt Stich (Thorsten Merten) vorliebnehmen. Die Spur führt zur Sicherheitsfirma „Geist Security“, deren Chef John Geist (Ronald Zehrfeld) vor allem vorbestrafte Mitarbeiter beschäftigt. Zu denen zählen auch die loyale Kerstin Brune (Jördis Trauer) und der undurchsichtige Pierre Mahlig (Florian Kroop), der ausgerechnet am Tag des Überfalls krankgeschrieben war…

    Kein "Tatort" wie jeder andere


    „Der feine Geist“ ist gleich aus mehreren Gründen ein sehr bemerkenswerter „Tatort“ aus Weimar. Da ist zum einen die Tatsache, dass es geschlagene elf Folgen gedauert hat, bis wir endlich das gemeinsame Kind der Kommissare zu Gesicht bekommen: In den vergangenen Jahren war es eine Art Running Gag, dass Lessing und Dorn ihren „Zwerg“ Leon (Jona Truschkowski) zwar erwähnten, er als Filmfigur aber nicht existierte. Dann ist da – ähnlich wie im „Tatort: Die harte Kern“ von 2019 – der starke Fokus auf eine der beiden Hauptfiguren: Weil Lessing große Teile des Films im Krankenhaus verbringt, ist Dorn ohne den üblichen Sparringspartner auf sich allein gestellt. Stich springt gelegentlich an der Front für Lessing ein, ist mit seinen Gedanken aber oft beim nahenden Wechsel zur Abteilung Cybersecurity (ausgerechnet!). Und dann ist da natürlich noch die verblüffende Wendung im Schlussdrittel, auf die hier – wie einleitend erwähnt – nicht näher eingegangen wird.

    Ehe Drehbuchautor Murmel Clausen („jerks.“), der alle bisherigen Fälle von Lessing und Dorn (mit-)konzipiert hat, dem ahnungslosen Teil der Zuschauer den Boden unter den Füßen wegzieht, verläuft der Krimi noch in recht geordneten Bahnen: Prickelnde Spannungsmomente gab es im Weimarer „Tatort“ fast noch nie, doch wurde das meist durch Situationskomik und Wortwitz, pfiffige Dialoge und schräge Figuren aufgefangen. So ist es auch diesmal. Allein Stichs amateurhaftes Vorbereiten seiner Abschiedsrede oder die Anspielungen auf frühere Folgen aus Thüringen sind zum Schießen: Während sich Lupo an der Bratwurstbude wie selbstverständlich seine „fette Hoppe“ kauft (ein Verweis auf den „Tatort: Die fette Hoppe“), gibt der tatverdächtige Pierre Mahlig als Grund für seine Magenverstimmung ein Sushi-Essen im Restaurant Mykonos an, dessen indischer Grillmeister bereits im „Tatort: Der letzte Schrey“ für besetzte Präsidiumstoiletten sorgte.

    Der Papagei-Freund John Geist (Ronald Zehrfeld) zählt von Anfang an zu den Hauptverdächtigen.


    Neben einigen Holzhammer-Zoten, knackigen Onelinern und subtileren Gags punktet der Film aber auch mit bodenständigen Whodunit-Elementen und reichlich Lokalkolorit: Während sich Lessing in einem Kutschentaxi in die Notaufnahme bringen lässt und dann doch in der Leichenhalle der einsilbigen Dr. Seelenbinder (Ute Wieckhorst) landet („Jetzt bitte Ruhe, Sie sind hier nicht beim Friseur.“), spielen zwei Schlüsselsequenzen des Films in der Parkhöhle – einer unterirdischen Location an der Ilm, deren düsteres Setting sich durch das Zünden einer roten Nebelbombe zusätzlich unübersichtlich gestaltet.

    Nach dem für Weimarer Verhältnisse ungewohnt packenden Auftakt in der Höhle verliert der Krimi zwar etwas an Fahrt, aber keineswegs an Reiz: Stichs Besuch bei seiner alten Bekanntschaft Maike Viebrock (Inga Busch) ist so köstlich überzeichnet, dass sich die Balken biegen – ganz so, wie es die Fans der „Tatort“-Folgen aus Thüringen mögen. Lupos abwegige Annahme, der designierte Nachfolger von Stich zu sein, ist da als Steilvorlage für Irritationen schon weniger originell und auch seine Vorliebe für Kakao wird etwas überstrapaziert. Einen überzeugenden Auftritt – einleitender Haka-Tanz inklusive – legt dafür Ronald Zehrfeld („4 Blocks“) als Papagei-Freund und Chef der Sicherheitsfirma hin, in deren Belegschaft es den Täter oder die Täterin zu finden gilt.

    Dieser "Tatort" wird hängenbleiben


    Ähnlich wie im schwachen Ludwigshafener „Tatort: Unter Wölfen“, der am 2. Weihnachtstag ausgestrahlt wurde und ebenfalls im Security-Milieu spielte, ist die Antwort auf die Täterfrage für den geübten Teil des Publikums nur Formsache – wenn die Geschichte auf die Zielgerade einbiegt, ist die Auflösung des Raubmords aber ohnehin nur noch nebensächlich. Der im Laufe des Films mehrfach angedeutete Twist wird die Zuschauer nämlich intensiv beschäftigen – und viele von ihnen erschüttern, verärgern, überfordern oder bewegen. Und unterm Strich sind doch gerade diese Folgen die interessantesten, die wir auch im Nachklapp noch diskutieren. Den Fans von Lessing, Dorn & Co. wird sich der 1151. „Tatort“ jedenfalls nachhaltig ins Gedächtnis brennen.

    Fazit: Mira Thiels „Der feine Geist“ ist der bisher beste „Tatort“ aus Weimar – und in der bisherigen Form wohl auch der letzte.
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