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    Liebesdings
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Liebesdings

    Der mit Elyas M’Barek und einer flauschigen Klitoris auf dem Kopf…

    Von Christoph Petersen

    Filme über Superstars, die sich Hals über Kopf in einen Normalo verlieben, gibt es nicht ohne Grund wie Sand am Meer. Das erprobte Konzept geht einfach immer noch oft genug auf (zuletzt etwa in dem wirklich tollen „Marry Me“ mit Jennifer Lopez und Owen Wilson). Aber wie viele dieser Filme springen vom roten Premierenteppich direkt auf die kleine Bühne eines queer-feministischen Off-Theaters – und stülpen dem diesmal von Elyas M’Barek verkörperten Protagonisten dann auch noch eine Plüsch-Klitoris über den Kopf? „Liebesdings“ von Regisseurin und Autorin Anika Decker („Traumfrauen“) ist definitiv etwas Besonderes – und gerne würde man ihr beim Rollen des Abspanns laut applaudieren, dass sie hier Settings und Figuren ausleuchtet, die im deutschen Mainstream-Kino ansonsten allenfalls eine Randexistenz fristen …

    … wenn da nur eben das Problem nicht wäre, dass „Liebesdings“ als romantische Komödie leider so gar nicht funktioniert. Elyas M’Barek und seine Leinwandpartnerin Lucie Heinze tauschen nur fünf Minuten lang hölzerne Dialoge aus, bevor es auf einmal heißt, sie seien jetzt total ineinander verliebt. Funkensprühen Fehlanzeige! Statt sich auf den Clash von Superstar-Glamour und Feminismus-Alltag zu konzentrieren, wildert Anika Decker vor allem an den Rändern ihres zunehmend ausfransenden Drehbuchs nach Pointen – und landet dort schnell in der Humor-Mottenkiste, wo Leute als Höhepunkt eines ewig lang ausgewalzten Running Gags den im Champagnerglas versteckten Verlobungsring verschlucken.

    Ein Superstar geht undercover im Berliner Nachtleben - mit Plüsch-Klitoris auf dem Kopf.

    Das Leben von Leinwand-Star Marvin Bosch (Elyas M’Barek) ist so eintönig und geschmacklos wie das Hühnchen mit Brokkoli, das er zu jeder Mahlzeit isst. Aber dann stolpert er auf der Flucht vor Selfie-geilen Fans zufällig in das Theater 3000, eine Berliner Off-Bühne, auf der neben queerer und feministischer Stand-up-Comedy auch Musical-Nummern mit tanzenden Tampons ihren Platz haben. Ganz außer Atem trinkt Marvin erst mal aus der Flasche, die da Backstage rumsteht – ohne zu ahnen, dass da eine speziell angesetzte, halluzinogene Pilzmischung drinsteckt. An die anstehende Premierenfeier ist damit jedenfalls nicht mehr zu denken …

    … ganz im Gegenteil: Die einen Skandal witternde Journalistin Bettina Bamberger (Alexandra Maria Lara) steht kurz davor, neben Berichten über seinen Drogen-Absturz auch noch ein düsteres Geheimnis aus Marvins Vergangenheit ans Tageslicht zu zerren. Marvins Managerin Sammy (Peri Baumeister), mit der er schon seit Jugendtagen befreundet ist, empfiehlt ihrem Star deshalb, erst mal für ein paar Tage unterzutauchen – zum Beispiel im Theater 3000. Dessen Co-Chefin Frieda (Lucie Heinze) findet die Idee zwar gar nicht cool – aber weil die Bühne kurz vor der Pleite steht, kann sie das angebotene Geld gut gebrauchen…

    Der Film findet sein Thema – und erzählt dann etwas ganz anderes…

    Anika Decker hat ihre Karriere zwar als Co-Autorin von Til Schweiger bei „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“ begonnen, aber zum Glück als Regisseurin nicht den hektischen Schnittstil ihres einstigen Schreibpartners übernommen. Stattdessen ist „Liebesdings“ im Vergleich zu anderen neueren deutschen Hochglanz-Komödien angenehm ruhig und sachlich inszeniert – und das zahlt sich vor allem in den Szenen im Theater aus: Die Ausschnitte aus den Stand-up-Programmen der queeren, feministischen und migrantischen Künstler*innen (u.a. Maren Kroymann und Simon Pearce) werden erstaunlich ausführlich gezeigt. In dieses erfrischende Setting einfach mal einen ausgebrannten RomCom-Megastar reinschmeißen …

    … da muss doch einfach etwas Spannendes bei rauskommen. Und das wäre es vielleicht auch. Aber es wirkt dann viel zu schnell so, als sei der Clash dieser zwei Welten (und damit auch der des Kino-Machos und der Theater-Feministin) allenfalls ein wenig bedeutsamer Nebengedanke in „Liebesdings“. Am deutlichsten wird dies bei der Leinwand-Liebelei von Marvin und Frieda, die ja auf dem Poster immerhin Hand in Hand in Richtung Kamera springen, aber im Film erstaunlich wenig Zeit miteinander verbringen. Keine Ahnung, ob sich die Chemie zwischen den beiden dann noch entwickelt hätte – aber so sprüht jedenfalls nicht mal der kleinste Funken Die angeblich gesellschaftliche Grenzen aufsprengende Verliebtheit wirkt stattdessen behauptet und hüftsteif.

    Im Theater 3000 tanzen nicht die Puppen, sondern die Tampons.

    Aber wofür geht die ganze Zeit dann drauf? „Liebesdings“ hat mit 99 Minuten schließlich eine übliche RomCom-Länge. Die Antwort: Für allerlei Nebenstränge, von denen man die meisten besser ersatzlos gestrichen hätte. Während die eröffnende Set-Satire noch mit ein paar bissigen Beobachtungen aufwartet (so wird der Superstar etwa selbst wenige Meter lange Strecken mit einem Golfwagen gefahren, wegen der Versicherung), ist ein späterer Werbedreh für einen Saft nur noch schmerzhaft unlustig: Der in der Branche inzwischen in Ungnade gefallene Marvin sitzt auf einer überdimensionierten Riesenfrucht und soll einfach nur ein den Geschmack beschreibendes Fantasie-Adjektiv aufsagen, während er im selben Moment von einem Seil in die Luft gerissen wird.

    Aber man versteht gar nicht, wo genau sein Problem ist – und sowieso müsste es nicht gerade der Gag des Werbespots sein, dass ihm im Moment des Wegfliegens die Luft wegbleibt. Trotzdem geht das minutenlang so weiter. Das offensichtlichste Beispiel für einen solchen überflüssigen Schlenker bleibt aber der Strang um den von Michael Ostrowski gespielten Freund von Marvins Boulevard-Gegenspielerin Bettina Bamberger, der seiner Angebeteten endlich einen Antrag machen will und damit im Verlauf des Films immer wieder an ihrer schroffen Art scheitert (bis hin zum bereits erwähnten Champagner-Knüller). Für diesen müden Running Gag wird gefühlt ähnlich viel Zeit geopfert wie für das zentrale Paar und dessen angeblich so große Liebe.

    Warum bekommt der ständig scheiternde Heiratsantrag des Freundes der Gegenspielerin ähnlich viel Leinwandzeit wie die eigentlich zentrale Liebesgeschichte?

    Das angedeutete düstere Geheimnis aus Marvins Vergangenheit erweist sich dann ebenfalls als zeitfressendes Holzhammer-Klischee. Also entweder trauen die Macher*innen ihrer eigenen Prämisse nicht – oder sie wagen es nicht, bei den spannenderen Sujets humortechnisch in die Vollen zu gehen (bei Begriffen wie Cis-Mann bleibt es in der Regel bei einer Erklärung ohne anschließende Pointe). Anika Decker lässt Elyas M’Bareks Figur zwar an einer Stelle aussprechen, dass es da einen Konflikt gibt zwischen moderner feministischer Haltung und klassischer romantischer Komödie. Aber aufgelöst oder gar eskaliert wird dieser Widerspruch in „Liebesdings“ auch nicht. Ganz im Gegenteil: Am Ende kauft der reiche Macker seiner Angebeteten zwar keine Modeboutique, aber so ähnlich...

    Fazit: Die Gags zünden selten und die Funken sprühen gar nicht – da hilft es auch nur bedingt, dass Setting und Thematik für eine romantische Komödie wirklich spannend gewählt sind. 

     

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