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    Daredevil
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Daredevil
    Von Jürgen Armbruster
    Die Filmbranche ist leicht berechenbar. So scheint es etwa ein in Stein gemeißeltes Gesetz zu sein, dass ein kommerziell erfolgreiches Konzept immer und immer wieder fortgesetzt werden muss. Als vor mittlerweile knapp drei Jahren Bryan Singer seinen Blockbuster „X-Men“ ablieferte, war deshalb klar: Comicverfilmungen sind wieder „in“. Das Genre erlebt aktuell eine wahre Renaissance, die mit Sam Raimis „Spider-Man" im vergangenen Sommer ihren bisherigen cineastischen Höhepunkt erreichte. Und es ist kein Ende in Sicht, ganz im Gegenteil: 2003 wird eine wahre Flut von Superhelden über die Kinos hereinbrechen. „X-Men 2“, „Hulk“ und „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ stehen bereits in den Startlöchern. Aber den Anfang im Kampf um die Gunst der Zuschauer macht nun Mark Steven Johnson mit seiner Leinwandadaption des hierzulande eher unbekannten Marvel-Comics „Daredevil“.

    Wie die meisten Superhelden aus dem Hause Marvel ist Daredevil eine Kreation des Comic-Großmeisters Stan Lee, der sich selbst mit der Erschaffung Spider-Mans unsterblich gemacht hat. Auch wenn der Name Daredevil in Europa meist nur fragende Blicke auslöst, ist er im Mutterland des Comics kein Unbekannter und erfreut sich dort großer Beliebtheit. Aber fangen wir bei Null an: Hinter Daredevil verbirgt sich kein Mann von einem anderen Planeten, keine Laune der Natur, sondern ein ganz gewöhnlicher Mensch mit dem Namen Matt Murdock (Ben Affleck). Nur so völlig normal ist Murdock dann doch nicht. Als Kind kam Matt bei einem Unfall mit radioaktivem Material in Kontakt, was zu seiner völligen Erblindung führte, im Gegenzug jedoch sämtliche anderen Sinne aufs extremste schärfte. Sein Gehör entwickelte sich zu einer Art Sonar, mit dem er Dinge orten kann, sein verbesserter Tastsinn verleiht ihm ein phänomenales Gefühl für Gleichgewicht, Reaktion und Koordination - und das Parfüm einer Frau erkennt er dank seiner feinen Nase auf eine Meile Entfernung.

    Nur übernatürliche Kräfte, die es ihm erlauben, seine Gegner meterweit durch die Gegend zu schleudern, besitzt er eben gerade nicht. Das macht Daredevil zum wahrscheinlich verletzlichsten aller Superhelden. So kommt er nach getaner Arbeit schon mal nach Hause, um dort Blut zu erbrechen, sich selbst einen wackelnden Zahn herauszureißen und massenhaft Schmerztabletten zu schlucken. Nachts erweist sich sein Gehör als Fluch, denn Schlaf findet er nur in einem schalldichten Becken voller Wasser. Auch ansonsten ist Matt nicht der klassische Superheld, wie wir ihn uns vorstellen. Selbst wehrlosen Bösewichten gewährt er keinerlei Gnade und wenn er mit seiner Traumfrau alleine sein will, dann ignoriert er auch schon mal die verzweifelten Hilferufe, die nur er wahrnehmen kann. Einzig der darauf folgende Besuch beim Pfarrer zur Beichte zeugt von einem vorhandenen moralischen Wertesystem. Doch auch die Bitte um Absolution ist, wie Pater Everett (Derrick O’Conner) richtig erkennt, nicht das Flehen um Vergebung für seine Taten, sondern das Bitten um Erlaubnis für sein Handeln. Alles in allem ist Matt Murdock ein sehr ambivalenter Charakter, von dessem ersten Leinwandausflug man sich daher auch eine ganze Menge erwarten durfte.

    Die Story des Films steckt jedoch voller Klischees und bietet wenige Überraschungen. Als Kind verlor Matt sehr früh seinen Vater Jack (David Keith), weil sich der Profiboxer nicht dem Willen der mächtigen Unterweltbosse beugen wollte und deshalb kurzerhand aus dem Weg geräumt wurde. Fortan strebt Matt auf seine ihm eigene Art und Weise nach Gerechtigkeit: Tagsüber verteidigt er als Anwalt mit seinem Partner Franklin Nelson (John Favreau) die Unschuldigen vor Gericht und nachts nimmt er das Recht selbst in die Hand. Doch als die bildschöne Millionärstochter Elektra Nachios (Jennifer Garner) in sein Leben tritt und sich die beiden Hals über Kopf ineinander verlieben, überschlagen sich die Ereignisse. Da Elektras Vater (Erick Avari) dem schleimigen Gangsterboss Kingpin (Michael Clarke Ducan) ein Dorn im Auge ist, setzt dieser den abgedrehten Profikiller Bullseye (Colin Farrell) auf ihn an. Matts Versuch, Elektras Vater zu retten, scheitert - doch noch schlimmer ist, dass sie ihn für den Mörder ihres geliebten Vaters hält. Was folgt, ist eine muntere Massenjagd quer durch die Hochhausschluchten New Yorks. Elektra jagt Matt, Matt jagt Bullseye, Bullseye jagt Elektra, der Sensationsreporter Ben Urich (Joe Pantoliano) jagt sie alle und der Kingpin hat auch noch seine Finger im Spiel…


    Wo Sam Raimi in „Spider-Man" viel Zeit in die Charakterentwicklung investierte, kommt Mark Steven Johnson direkt zur Sache und legt sofort mit den zahlreichen Kampfeinlagen los. Aber genau das ist das Problem von „Daredevil“. Die Actioneinlagen sind zwar alle tadellos in Szene gesetzt und durchweg fesselnd choreographiert, aber innovative Neuerungen sind nicht zu finden. Man hat eben alles schon einmal in ähnlicher Form gesehen. Wo Sam Raimi verstanden hat, dass einzig und allein mit einer Aneinanderreihung von Actionsequenzen kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist, hat sich diese Erkenntnis offenbar noch nicht bis zu Johnson herumgesprochen: Das ist sehr schade, denn in „Daredevil“ steckt eine Menge ungenutztes Potenzial!

    Allen voran ist hier Colin Farrells Performance als Bullseye zu nennen. Der momentan heißeste Newcomer Hollywoods („Minority Report", „Das Tribunal") hatte bei den Dreharbeiten einen Heidenspaß, was sich in jedem seiner viel zu spärlich gesäten Auftritte deutlich erkennen lässt. Wenn man einen solch abgedrehten Charakter wie Bullseye mit einem Darsteller wie Farrell besetzt, muss man ihn, ähnlich wie es mit William Dafoe als Green Goblin gemacht wurde, mehr in die Geschichte einbeziehen. Gleiches gilt für die zauberhafte Jennifer Garner (der Autor dieser Zeilen gesteht, dass er ein großer Fan von „Alias - Die Agentin“ ist). Warum wird ihrer Liebe zu Matt nur ein äußerst geringer Spielraum zugestanden? Warum wird ihr Wunsch nach blutiger Rache ebenfalls bloß angedeutet? Jennifer Garner („Catch Me If You Can") hätte zur besten Comic-Heldin seit Michelle Pfeiffers Interpretation der Catwoman werden können, doch leider wurde ihre Rolle von Johnson viel zu klein angelegt.

    Die Besetzung von Ben Affleck (ursprünglich war Vin Diesel vorgesehen) als Daredevil löst zwiespältige Gefühle aus. Natürlich gibt er im engen Lederoutfit eine gute Figur ab, natürlich ist sein Spiel solide und ohne größere Schwächen, doch irgendwie nimmt man ihm den blinden Anwalt nicht ab. Hier wäre ein frisches, unverbrauchtes Gesicht, wie es seinerzeit Hugh Jackman als Wolverine war, wünschenswert gewesen. Doch die Entscheidung für Ben Affleck („Der Anschlag") wurde wohl eh weniger wegen seiner schauspielerischen Qualitäten und seines unverbrauchten Gesichts gefällt. Affleck ist derzeit in aller Munde und seine Besetzung allein sorgte für eine willkommene Gratispublicity.

    Was den Machern zuerst das meiste Kopfzerbrechen und dann bei der Umsetzung den größten Spaß bereitet haben dürfte, ist Daredevils „Sicht der Dinge“. Wie sieht ein Blinder? Eine heikle Angelegenheit. Es kann jedoch Entwarnung gegeben werden, denn die sogenannte „Schattenwelt“ gehört zu den besten Effekten des Films und ist ein Erlebnis für sich. Man muss sie sich in etwa so vorstellen: Jeder Gegenstand reflektiert Schallwellen, welche von Daredevil gehört werden können und dadurch in seinem Kopf ein Bild der Umgebung entstehen lassen. Je lauter nun die Umgebungsgeräusche sind, desto mehr Wellen werden reflektiert und umso klarer wird das Bild, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn ist es in der Umgebung zu laut, sieht man den Wald buchstäblich vor lauter Bäumen nicht mehr. Absolut beeindruckend ist die „Schattenwelt“ bei Regen, denn jeder einzelne Tropfen erzeugt seine eigene Welle. Das hört sich jetzt komplizierter an als es ist, aber das Ergebnis ist tatsächlich beeindruckend.

    Fazit: „Daredevil“ ist handwerklich anständig gemachtes Popcorn-Kino, das eine ganze Menge Potential ungenutzt liegenlässt.

    In einer früheren Version dieser Kritik hatte „Daredevil" noch 3 von 5 Sternen. Die ausführliche Begründung für die Änderung der Sternewertung könnt ihr in diesem Artikel nachlesen.
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