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    Der Polarexpress
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Der Polarexpress
    Von Carsten Baumgardt
    Im Jahr 2001 sollte ein neues Zeitalter im Filmgeschäft eingeläutet werden. Der sündhaft teure Sci-Fi-Actioner „Final Fantasy“ galt als technisch revolutionäres Werk, das die so genannte Motion-Capture-Technik zum modernen Standard machen sollte. Doch die Rechnung ging nicht auf, der optisch beeindruckende, aber inhaltlich seelenlose Film floppte bei einem Budget von 140 Millionen Dollar mit einem US-Einspiel von 35 Millionen Dollar. Damit schien sich Motion Capture, das visualisierte CGI-Animieren von real gefilmten Szenen, zunächst einmal erledigt zu haben... Bis sich Regisseur Robert Zemeckis darum einen Dreck scherte und mit der Verfilmung von Chris Van Allsburgs illustriertem Kinderbuch „Der Polarexpress“ neue Standards durch die Verwendung der Performance-Capture-Technik, einer Weiterentwicklung des Motion Captures, setzt. Das 165 Millionen Dollar schwere Projekt überzeugt optisch, offenbart aber durch die inhaltliche Schlichtheit Defizite.

    Am Abend vor Weihnachten ist die Vorfreude eines kleinen, namenlosen Jungen getrübt. Er hat seine Zweifel daran, ob der Weihnachtsmann überhaupt existiert. Nachdem er gerade zu Bett gegangen war, schreckt ihn ein Geräusch auf und er sieht vor der Tür nach, was passiert ist. Durch die weiße, verschneite Winterlandschaft schnauft eine große Dampflok heran und stoppt direkt vor dem Haus des Jungen. „Also, kommst du mit?“ fragt der Schaffner. „Wohin?“ „Na, zum Nordpol natürlich. Dies ist der Polarexpress!“ Er zögert, springt dann jedoch im letzten Moment auf den Zug. Der Junge trifft in seinem Abteil auf weitere Kinder. Er freundet sich gleich mit einem mutigen schwarzen Mädchen an. In rasanter Fahrt nimmt der Zug Kurs Richtung Nordpol. Als seine neue Freundin ihr Ticket verliert, gibt es Probleme. Der Schaffner verschwindet mit ihr, Gerüchten zufolge soll sie den Express verlassen müssen. Der Junge findet die Karte, aber der Wind weht es ihm aus der Hand...

    Robert Zemeckis' Weihnachtsmärchen „Der Polarexpress“ ist ein wahrer Augenöffner. Erstmals offenbart sich dies bei der abenteuerlichen Jagd nach dem verlorenen Ticket. Grandios-rasante Bildern stürmen auf den Betrachter ein. Der Zug rast durch Schluchten, überwindet Berge und schliddert über einen zugefrorenen See: Die Schauwerte, die Zemeckis seinem jungen Publikum bietet, sind bahnbrechend. Die als altmodisch geltende Motion-Capture-Technik wird durch die Weiterentwickklung zu Performance-Capture (hier werden nicht nur die Bewegungen, sondern auch die Gesichtausdrücke eingescannt) „Der Polarexpress“ wieder mit Leben gefüllt.

    Der Film sieht animiert aus, ist es aber nicht traditionell. Reale Schauspieler, die in Spezialkleidung mit zahllosen Lichtpunkten markiert sind, werden vor einem neutralen Hintergrund gefilmt. 80 Prozent der Bewegungen können digital in den Computer übertragen werden. Zemeckis zu den Vorzügen und Nachteilen dieser Art zu filmen: „The good news is you have complete control. The bad news is you have complete control.” Die Arbeitsweise aller Beteiligten ändert sich radikal. Dem einst herkömmlichen Schnitt kommt eine viel größere Rolle zu, hier werden die Szenen erst kreiert und gestaltet. Die Schauspieler sind zwar präsent, rücken aber mehr als sonst in den Hintergrund.

    Tom Hanks („Terminal“, „Ladykillers“ „Catch Me If You Can“), der bereits bei den Blockbustern „Cast Away“ und „Forrest Gump“ mit Robert Zemeckis („Zurück in die Zukunft“, „Contact“, Schatten der Wahrheit“) zusammengearbeitet hat, kaufte die Rechte an Van Allsburgs Kinderbuch-Klassiker. Der Superstar ist insgesamt in fünf Rollen zu sehen, selbst den kleinen Jungen spielt er. Dafür wurde er vor vergrößerten Gegenständen gefilmt. Alle Kinderrollen werden von Erwachsenen verkörpert. Eddie Deezen, Peter Scolari und Nona Gaye stehen den drei wichtigsten Kindercharakteren Pate. Ein Problem ergab sich durch den Tod von Michael Jeter, der zwei Rollen spielte und später ersetzt werden musste.

    Der große Vorteil von Motion Capture ist auch der beste Trumpf von „Der Polarexpress“. Während traditionell gezeichnete oder animierte Filme bei Bewegungen innerhalb der Szene stark eingeschränkt sind, ist dies bei Motion Capture nicht nur möglich, sondern übersteigt sogar die Grenzen des Realfilms um ein Vielfaches. Die Chance von atemberaubenden Kamerafahrten nutzt Zemeckis für phantastisch gestaltete Bilderorgien, die eine unglaubliche Weite und Dynamik ausstrahlen. Wenn der Zug vor einer riesigen Karibuherde Halt machen muss oder später in der Nordpolstadt die Elfen Bungee springen, um ihren Weihnachtsauftrag zu erfüllen, hat dies einen überwältigenden Schauwert.

    Doch die ganze meisterhafte optische und technische Pracht hat einen Haken: Inhaltlich präsentiert sich auch „Der Polarexpress“ in minimalistischer Schlichtheit. „I want to believe“, sagt der Junge nach einer Weile zum Thema Weihnachtsmann. „Seeing is believing“, antwortet ihm der Schaffner, der an die Phantasie appelliert. Und so ist die Quintessenz des Films in zwei kurzen Phrasen bereits komplett erfasst. Dazu wirkt das Spiel der Schauspieler durch die Transformation in den Computer ein wenig hölzern, was sich aber im Rahmen hält und der einfachen Moral angleicht. Sicherlich ist von einem Film, der im Kern für Kinder gemacht ist, keine philosophische Betrachtung zum Fortlauf der Welt zu erwarten, aber etwas mehr Inhalt und Raffinesse hätte „Der Polarexpress“ gut getan. Nervend sind auch die - zum Glück wenigen - Musicaleinlagen, die unter der Rubrik „überflüssig“ abgehakt werden können. Am Ende geht’s noch etwas moderner zu, wenn Aerosmith-Sänger Steven Tyler als Elf zum Mikrophon greift.

    Trotz der Mängel, die der Film nicht zu leugnen in der Lage ist, kann das „Experiment Polarexpress“ als geglückt bezeichnet werden. Robert Zemeckis holt alles aus den technischen Möglichkeiten heraus und setzt neue optische Maßstäbe. Seine Aufnahmen sind fast fotorealistisch. Sogar so sehr, dass einige Aufnahmen am Computer zurückgerechnet werden mussten, um sich ins Gesamtbild einzupassen. Allerdings erreicht Zemeckis bei aller technischen Perfektion eines nicht: Seine Geschichte wirkt an keiner Stelle magisch und ist nur Mittel zum Zweck, die phantastischen Bilder auf die staunende Menge loszulassen.
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