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    Vanilla Sky
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Vanilla Sky
    Von Carsten Baumgardt
    Eine Warnung vorweg: Wer sich vom bewusst manipulierenden Trailer täuschen lässt und glaubt, bei „Vanilla Sky“ im neuen romantischen Liebesfilm zur PR-trächtigen Hollywood-Romanze Cruise/Cruz zu sitzen, ist im völlig falschen Film. Cameron Crowes US-Remake des spanischen Psycho-Thrillers "Abre los Ojos" von Alejandro Amenábar ("The Others") ist ein lange Zeit verstörender, aber letztlich faszinierender Alptraum der Sinne.

    Der New Yorker Vorzeige-Playboy David Aames (Tom Cruise) genießt sein sorgenfreies Leben in vollen Zügen. Sein Vater hinterließ ihm nicht nur ein millionenschweres Verlagsimperium, sondern erteilte ihm auch gleich die 51-prozentige Aktienmehrheit über das Unternehmen. Sehr zum Unmut des Aufsichtsrates, von David verachtend „die sieben Zwerge“ genannt, der den ungeliebten Boss gerne aus dem Weg räumen würde. Auch privat nimmt der narzisstische Lebemann nichts ernst. Seine Beziehung zu dem umwerfenden Model Julie (Cameron Diaz) ebenso wenig, wie die Freundschaft zu seinem einzigen Kumpel Brian (gut: Jason Lee aus „Almost Famous“), dem er die Freundin ausspannt. David ist sofort von der Tänzerin Sofia (Penélope Cruz) fasziniert, als er sie auf einer Party kennenlernt. Doch lange soll das Glück nicht halten. Julie, die gern eine feste Beziehung hätte, fühlt sich hintergangen und ist furchtbar eifersüchtig. Sie verwickelt David in einen Autounfall, gemeinsam rasen sie mit 120 Stundenkilometer eine Brückenbrüstung hinunter - Julie ist tot, David überlebt schwer verletzt - sein Gesicht ist furchtbar entstellt.

    Tom Cruise, der auch als Produzent von „Vanilla Sky“ fungiert, war so fasziniert von Alejandro Amenábars Original, das 1997 im spanisch-sprachigen Raum ein Hit war und nun zeitgleich unter dem Titel „Open Your Eyes“ (ebenfalls mit Penélope Cruz) in den deutschen Kinos anläuft, dass er sich nicht nur die Rechte an dem Stoff sicherte. Er produzierte auch gleich noch Amenábars ersten US-Film „The Others“, pikanterweise mit Ex-Frau Nicole Kidman in der Hauptrolle.

    Die Wahl von Cameron Crowe („Singles“) als Regisseur lag nahe, mit „Jerry Maguire“ hatten schließlich beide schon gemeinsam triumphiert - an der Kinokasse und bei den Kritikern. Zudem brauchte Crowe, der hier erstmals nach einer fremden Idee arbeitete, dringend einen Erfolg, weil seine brillante Rock ’n’ Roll-Ode "Almost Famous" (Arbeitstitel: „Vanilla Sky“) kommerziell ziemlichen Schiffbruch erlitt. Aber nur mit der exquisiten Starbesetzung konnte der Regisseur das immense Risiko von „Vanilla Sky“ eingehen. Mit zunehmender Dauer fragt sich der Zuschauer, was denn überhaupt los ist, was gespielt wird. Immer wilder schlägt die Story Haken in alle möglichen Richtungen, nichts scheint mehr Sinn zu machen. Dabei ist das Publikum konsequenterweise bedingungslos an die Perspektive der Hauptfigur gekettet. Immer verzweifelter versucht David, die Wirklichkeit zu verstehen. Was ist Traum - was ist Realität? Das Problem: Der Wechsel zwischen den verschiedenen Zeiten und Ebenen stört den Fluss der Handlung, die lange nicht richtig in den Rhythmus findet. Daran ändern auch die ausgesprochen guten darstellerischen Leistungen erst mal nichts. Tom Cruise gibt eine überzeugende Tour de Force ab, getrieben zwischen Wahn und Wirklichkeit. Die beiden Grazien Cruz und Diaz stehen sich gegenseitig in nichts nach, sind geheimnisvoll und impulsiv gleichermaßen.

    Fast zwei Stunden lang fühlt man sich wie in David Lynchs "Mulholland Drive" und wartet darauf, dass die Geschichte stimmig aufgelöst wird. Doch im Gegensatz zu Lynch, hat Crowe eine Erklärung parat. Genaue Details zu verraten, oder auch nur anzudeuten, in welche Richtung der radikale Bruch geht, käme einem Kapitalverbrechen gleich. Denn so würde dem Film seine größte Stärke genommen werden. Der Moment, in dem David/Cruise erkennt, was gespielt wird, ist großes, hypnotisches Kino - und allein das Eintrittsgeld wert.

    Ein Problem birgt der Wechsel der Ebenen, der zum Schluss sogar noch den eigenwilligen Titel „Vanilla Sky“ (nach einem Song von Paul McCartney) sinnvoll macht, dennoch. Man muss konsequent an das Ende glauben, um den Film schätzen zu können. Wer es nicht glaubt und sich nur verärgert an den Kopf fasst, wird mit „Vanilla Sky“ nicht glücklich werden. Wer aber alle Fakten gut zusammenzählt und sich der brillanten Optik, dem wie immer bei Crowe exzellent stimmigen Soundtrack erfreut, wird an dem gedankenschweren, stark gespielten, dramatischen Trip zwischen Traum und Realität seine helle Freude haben.
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