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    Das Narbengesicht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Das Narbengesicht
    Von Matthias Börner
    Die Reanimation des klassischen Gangsterfilms ist in vollem Gange, ziehen doch momentan mit "Gangster Squad" und "Lawless" zwei groß produzierte Filme die Aufmerksamkeit der Branche auf sich, während die HBO-Serie "Boardwalk Empire" gerade in ihre dritte Staffel geht und ungebrochenes Lob der Kritik einheimst. Da war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Hollywood auch den einen oder anderen Klassiker neu auflegen würde. Als erstes Projekt wurde ein weiteres Remake zu Howard Hawks 1932 veröffentlichter Saga "Scarface" in Auftrag gegeben (auf dem auch Brian De Palmas selbst schon legendäres Remake mit Al Pacino basiert). Die Messlatte liegt hoch, denn auch 80 Jahre nach der Veröffentlichung gilt Hawks Original, völlig zu Recht, als Meilenstein des Gangsterfilms, dessen Handlung auch über die Jahre nichts von seiner Faszination und Aktualität eingebüßt hat.

    Nach einer großen Neujahrsfeier wird das Oberhaupt der Chicagoer South Side-Gang, Big Louis Costillo (Harry J. Vejar), von seinem Leibwächter Tony Camonte (Paul Muni) verraten und ermordet. Camonte hat sich Costillos Konkurrenten Johnny Lovo (Osgood Perkins) angeschlossen, der nun das Territorium seines toten Widersachers übernimmt und Tony zu seiner rechten Hand macht. Doch Tony strebt nach mehr Macht und Einfluss. Gegen die Vorgaben Lovos zettelt der furcht- und skrupellose Emporkömmling einen Bandenkrieg mit den Gangstern der North Side-Gang an, um die Kontrolle über den gesamten Alkoholverkauf in Chicago zu übernehmen. Während die Gewalt auf den Straßen eskaliert und die Behörden dem Treiben Camontes nichts entgegenzusetzen haben, bändelt der unterdessen mit Lovos Liebchen Poppy (Karen Morley) an...

    Dass es sich bei "Scarface" um eine Verfilmung des Aufstiegs von Gangsterikone Al Capone in der Chicagoer Unterwelt handelt, wird bereits durch den Titel angedeutet. Tatsächlich basieren viele im Film dargestellte Charaktere und Ereignisse auf wahren Begebenheiten. So ist zum Beispiel die Ermordung Big Louis Costillos der Tötung Big Jim Colosimos durch Capones Männer nachempfunden. Auch das berüchtigte Valentins-Tag-Massaker von 1929 spielt eine Rolle und eine Vielzahl von Eigenschaften historischer Vorbilder spiegeln sich in ihren filmischen Äquivalenten wider. Heute mag das nur noch den geschichtlich bewanderten Zuschauern auffallen, zur Entstehungszeit des Films war es allerdings eine kleine Sensation – schließlich war Capone bei der Veröffentlichung gerade mal seit einem Jahr im Gefängnis. Sogar mit einer keineswegs subtilen Medienschelte wartet Ben Hechts Drehbuch auf, wenn sich die Bürger darüber aufregen, dass sämtliche Zeitungen des Landes die Gewalttaten sensationslustig ausschlachteten. Diese Problematik gehört keineswegs der Vergangenheit an – und sie trägt ihren Teil dazu bei, dass "Scarface" nach wie vor eine ungeheure Aktualität aufweist.

    Doch "Scarface" funktioniert auch als Unterhaltungsfilm hervorragend. Gerade im Vergleich zum ein Jahr zuvor veröffentlichen "Little Caesar" wartet Hawks Verbrecher-Epos mit einem wesentlich höheren Erzähltempo auf. Zahlreiche Schießereien, rasant gefilmte Autoverfolgungsjagden und spektakuläre Explosionen sorgten, für damalige Verhältnisse, für beachtliche Schauwerte und waren ihrer Zeit weit voraus. Abseits der bahnbrechenden Action überzeugt der Film aber besonders dann, wenn er von der historischen Vorlage abweicht und Tonys familiäre Beziehungen oder seinen Konkurrenzkampf mit Lovo, um dessen schöne Freundin Poppy, beleuchtet. Dass diese Konflikte so gut transportiert werden ist auch der überzeugenden Darstellerriege geschuldet, die in Nebenrollen spätere Hollywoodgrößen wie Boris Karloff oder George Raft aufweist und von einem fabelhaften Paul Muni angeführt wird. Der gibt seinen Tony Camonte immer ausschweifend großkotzig, driftet dabei aber nie ins lächerliche Gestikulieren ab. Man fiebert mit diesem großmäuligen, gleichzeitig aber auch ungemein charismatischem, Emporkömmling mit; und zwar so sehr, dass die damalige Zensurbehörde heftige Kritik übte und Hawks eine ungenierte Glorifizierung des Gangstertums vorwarf.

    Fazit: Mervyn LeRoys "Little Caesar" mag als Geburtsstunde des klassischen Gangsterfilms gelten, der bessere Film ist jedoch Howard Hawks ein Jahr später veröffentlichter "Scarface". Inhaltlich, inszenatorisch und in Sachen Ausstattung auf höchstem Niveau angesiedelt, gehört er auch 80 Jahre nach seiner Uraufführung zu den besten Vertretern des Genres, das er einst mitbegründete.
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