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    Im Zeichen des Bösen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Im Zeichen des Bösen
    Von René Malgo
    „Im Zeichen des Bösen“ gilt als ein Meisterstück des Film Noir, welches die typischen Stilelemente in beispielhafter Weise gleichermaßen zelebriert wie ad absurdum geführt hat. Orson Welles letztes Hollywood-Werk ist der Schlusspunkt hinter einer außergewöhnlichen Stilrichtung und ein dadurch begründetes, beliebtes Subgenre urbaner Verschwörungs- und Kriminalfantasien. Und einen besseren Abschluss für den Kosmos zwielichtiger Charaktere und finsterer Halbwelten hätte es kaum geben können…

    Während der mexikanische Drogenfahnder Mike Vargas (Charlton Heston) und seine Frau Susan (Janet Leigh) in einer mexikanischen Grenzstadt ihre Flitterwochen verbringen, explodiert auf der amerikanischen Seite der Grenze eine Autobombe. Vargas vermutet, dass der Sprengstoff schon in Mexiko platziert wurde und schaltet sich in die US-Ermittlungen ein. Er stößt auf den Polizeichef Hank Quinlan (Orson Welles), der so seine ganz eigenen Vorstellungen von Recht und Ordnung hat. Die beiden geraten schnell aneinander und vertreten im Fall alsbald zwei verschiedene Ansichten. Vargas findet heraus, dass Quinlan mit Vorliebe Beweismittel manipuliert und beginnt nun gegen ihn zu ermitteln, doch damit stellt er sich gegen eine lebende Legende…

    „Im Zeichen des Bösen“ beginnt wie alle Paradebeispiele des Film Noir. Mit einer einfachen Begebenheit, in diesem Fall die Explosion einer Autobombe, wird eine Abfolge von Ereignissen in Gang gesetzt, welche sich in einem komplexen Labyrinth von Intrigen und Gewalt verlieren. Die Eröffnungssequenz bis zur Explosion gehört zum Besten, was ein Film überhaupt bieten kann. Über drei Minuten lang folgt der Zuschauer der Kamera durch die Straßen einer mexikanischen Kleinstadt über die Grenze nach Amerika. Die Kamera schwenkt hin und her, zwischen dem Ehepaar Vargas (Charlton Heston und Janet Leigh), das dort Spazieren geht und dem Auto, in dem die Bombe explodieren soll. Die Optik schlängelt sich durch die Gassen und wechselt scheinbar ohne weiteres immer wieder die Perspektive. Eine geniale, virtuose und perfekt durchkomponierte Bilderfolge, bei der sich der Betrachter zwangsläufig zu fragen beginnt, wie Regisseur Orson Welles und Kameramann Russell Metty das geschafft haben.

    Danach verstrickt sich die Geschichte in ein schwer durchschaubares Gestrüpp von scheinbar zusammenhangslosen Ereignissen. Es fällt nicht leicht, der Story in all ihren Details einwandfrei zu folgen und die Handlungen der Charaktere immer nachzuvollziehen. Wie schon beim Genre-Primus „Tote schlafen fest“ liegt der Fokus mehr auf der richtigen Stimmung, denn einer komplexen Handlung. Die Regiefertigkeit von Orson Welles, die stilvollen Bilder des Russell Metty und die Musik von Henry Mancini machen aus „Im Zeichen des Bösen“ ein atmosphärisches Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Mancinis musikalische Umrahmung dient allerdings nicht nur zum Zwecke packender Atmosphäre, sondern macht es sich auch zur Aufgabe, das Publikum durch den Film zu führen. Jeder Charakter hat seine eigene Melodie, seine eigene musikalische Stilrichtung, sodass sich der Betrachter nicht gänzlich im Wirrwarr diverser Personen und ihrer Beziehungen zueinander verlieren muss. Mit dafür Sorge tragen aber auch die erstklassigen, markanten Darsteller.

    Entgegen anders lautenden Gerüchten trug Welles als fettleibiger, abgehalfterter Polizist diverse Prothesen, viel Make-up und künstliche Fettpolster. Nicht nur deshalb ist sein Charakter der interessanteste der Handlung. Welles bedachte sich selbst mit den besten Sätzen und facettenreichsten Eigenschaften. Auch wenn korrumpiert und von zweifelhaften Moralvorstellungen geleitet, ist er es, der die Sympathien des Zuschauers auf sich vereinen kann. Gerade wegen seinen Fehlern wirkt dieser desillusionierte Mann menschlich und der Betrachter kann trotz der intriganten Art mit ihm mitfühlen - etwas, das beim idealistischen Mexikaner Mike Vargas, von Charlton Heston verkörpert, schon schwerer fällt. Das liegt nicht daran, dass der hölzerne Heston, ein stämmiger Amerikaner und Held zahlreicher Sandalenfilme als Mexikaner fehl am Platz sein könnte. Zwar soll Welles in ihm eine Fehlbesetzung gesehen habe, so zumindest lautet das Gerücht. Tatsache ist aber, dass Welles selbst Hestons Rolle zu einem mexikanischen Drogenfahnder umgeschrieben hat. Und in diese Rolle passt er wider Erwarten ausgezeichnet. Trotz Schuhcreme in Haar und Gesicht sowie Schnurrbart entspricht Heston löblicherweise nicht dem typischen, hollywoodschen Klischeebild eines Mexikaners. Als der aufrechte Edelmensch, der für seine Ideale ohne Rücksicht auf Verluste unbeirrbar zum Ziel schreitet, hätte kein besserer als Charlton Heston gewonnen werden können. Ihm nimmt das Publikum seine selbstlose Liebe zur Frau genauso ab, wie die Härte und Kälte seiner Umwelt gegenüber. Daher entwickelt er sich wegen seiner gnadenlosen Konsequenz, frei von jeglicher Sensibilität, keineswegs zum großen Sympathieträger.

    Im Duell mit Orson Welles zieht Charlton Heston den Kürzeren, nicht nur darstellerisch, sondern auch als Vargas gegen den korrupten Quinlan. Nach außen hin endet ihre Auseinandersetzung so, wie sie nach den Gesetzen des Genres enden sollte. Doch festgehalten in einer beiläufigen Aussage, die den ohnehin nebensächlichen Mordfall klärt, obsiegt der, von dem der Betrachter es nicht erwartet hätte und bleibt jener moralischer Sieger, der es nicht sein sollte. Der in seiner Konsequenz moralisch zweifelhafte Schlusspunkt führt die typischen Elemente des Film Noir tatsächlich ad absurdum und regt zugleich zum Nachdenken an. Denn auch wenn die Werke des Film Noir für ihre Unmoral bekannt sind, so siegt am Ende doch immer der integere, standhafte Held, der nur Kompromisse im Rahmen seines vertretbaren Moralkodexes zugelassen hätte. „Im Zeichen des Bösen“ folgt oberflächlich gesehen den Vorgaben dieser Gesetzmäßigkeit, deswegen mag die ganze Geschichte manchem Beobachter bei nicht so genauer Betrachtung allzu vorhersehbar vorkommen, schaut er jedoch unter die Oberfläche, offenbaren sich Abgründe und Finten, die in der Form zuvor noch nicht da gewesen waren.

    Diese Rezension beruht auf einer überarbeiteten Fassung von 1998. Jene beruft sich auf ein 58-seitiges Memorandum von Orson Welles an das Studio. Darin regte er sich über die von den Produzenten gekürzte, umgeschnittene und abgeänderte Version zum Leinwandstart auf und brachte seine Änderungswünsche zum Ausdruck. Nunmehr lässt sich der Film also in der Darstellung betrachten, wie es sich Welles ursprünglich gedacht hatte. Die ist auch ungleich düsterer und härter als die Kinoversion 1958.

    Trotz seiner Kündigung in der Post-Produktionsphase sah Orson Welles „Im Zeichen des Bösen“ rückblickend als den Film an, an dem er während den Dreharbeiten die meiste Freude hatte. In der Tat stand Welles ein für die damalige Zeit stattliches Budget in Höhe von 900.000 Dollar zur Verfügung. Zudem hatte Charlton Heston auf seine Beteiligung auch als Regisseur bestanden und bekam er die Möglichkeit, die pulpige Romanvorlage „Badge Of Evil“ von Whit Masterson in seinem Sinne umzuschreiben. Im Übrigen gaben sich mit ihm befreundete Stars in mehr oder weniger großen Cameoauftritten die Ehre und er durfte sich an einem Cast erfreuen, der seinen Vorstellungen entsprach. Die größte und erinnerungswürdigste Gastrolle fiel dabei Marlene Dietrich als Tanya zu, Quinlans wahrsagende Freundin und Nachtclubbesitzerin. In weiteren, kürzeren Rollen kann der aufmerksame Betrachter noch Zsa Zsa Gabor (auch eine Nachtclubbesitzerin), Joseph Cotten und Merces McCambridge mit von Orson Welles selbst geschnittenen Haaren finden.

    Wer sich vom Film übrigens an „Psycho“ und Alfred Hitchcock erinnert fühlt, hat dafür auch einen guten Grund. Das verlassene Motel, in der Vargas seine Frau während der Ermittlungen unterbringt und der eigenartige Nachportier dienten als Vorbild für Hitchcock und sein „Psycho“. Auch in diesem Fall wird der Aufenthalt im Motel zur Gefahr für die Frau - und auch diese wird von Janet Leigh verkörpert. Ob sie aber zumindest in „Im Zeichen des Bösen“ überleben kann oder abermals den Löffel abgibt, das wird an dieser Stelle nicht verraten...
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