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Near Dark
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Near Dark
Von Björn Helbig
„Near Dark” ist der Vampirklassiker von Action-Regisseurin Kathryn Bigelow, in dem eine Gruppe Blutsauger in einem Wohnmobil durch Oklahoma rockt. Aufgrund seiner exzellenten Regie, perfekt harmonierenden Darstellern und vielen wunderbaren Einfällen sticht dieser Film weit aus dem sonstigen Genrebrei heraus.

Eines Nachts, irgendwo im Nirgendwo von Oklahoma, trifft der junge Cowboy Caleb Colten (Adrian Pasar) nach einem Kneipenbesuch eine schöne Frau am Wegesrand, die sich als Mae (Jenny Wright) vorstellt. Fasziniert von der Frau, lädt er sie zu einer Spritztour ein. Doch das nächtliche Techtelmechtel endet für Caleb anders als geplant, denn als der Morgen graut, wird Mae nervös und ehe sich der Farmersbursche versieht, ist die Schöne verschwunden – und er um ein paar Schluck Blut ärmer. Caleb, dessen Wagen nicht mehr anspringt, macht sich zu Fuß auf den Weg nach Hause, doch je heller das Tageslicht, umso unwohler wird ihm und er beginnt seltsamer Weise sogar zu qualmen. Mit letzter Kraft schleppt er sich nach Hause, doch ehe er dort ankommt, wird er vor den Augen seiner kleinen Schwester und seines Vaters in ein heranrasendes Wohnmobil mit vordunkelten Scheiben gezogen und entführt. Als er, ohnmächtig geworden, wieder erwacht, hockt er inmitten einer Bande finsterer Gestalten, die unter der Führung von Jesse (Lance Henriksen) in gestohlenen Autos auf der Suche nach Nahrung durch die Lande preschen.

Kathryn Bigelow, u. a. Macherin von „Blue Steel“ (1990), Gefährliche Brandung (1991) und der dritten Episode der von Oliver Stone produzierten Mini-TV-Serie „Wild Palms” (1993), hatte meist nicht besonders viel Glück mit ihren Filmen. Ihre brillante Zukunftsvision Strange Days (1995) floppte und auch ihr überdurchschnittliches U-Boot-Abenteuer K-19: Showdown in der Tiefe (2002) spielte nicht die erhofften Moneten ein. So auch Bigelows frühes Werk „Near Dark“, das 1987 fast zeitgleich mit Joel Schumachers Teeniefilm „Lost Boys“ startete. Obwohl „Lost Boys“ mittlerweile zu einem der beliebtesten Vampirstreifen gehört, blieb Bigelows Film der kommerzielle Erfolg verwehrt, so dass er auch heute noch sein Dasein meist im Dunkeln fristet. Völlig zu unrecht, denn die actionreiche Geschichte hat mehr zu bieten als übliche Genrekost. So ist es nicht nur die Chemie, die zwischen den beiden Hauptdarstellern Adrian Pastar und Jenny Wright stimmt. Man nimmt Caleb den Konflikt zwischen seinem Wunsch nach Hause zurückzukehren und seiner Liebe zu Mae ab. Auch bei den Nebenrollen wurde exzellent ausgewählt: Lance Henriksen mimt den blutsaugenden Outlaw Lasse einfach klasse und auch seine Truppe, Bill Paxton als der aggressive Severen und Joshua John Miller als der fiese Winzling Homer, können sich sehen lassen.

Neben der guten Story bietet „Near Dark“ aber auch eine Fülle sehr gelungener visueller Einfälle wie z. B. die Szene, in der Caleb in der ersten Tagessonne qualmend über den Acker rennt und sich der Staub des Feldes mit dem Rauch seiner Verbrennung vermischt. Oder wie sich die Vampirclique in einem Haus vor der Polizei verbarrikadiert und das Licht, das durch die Einschusslöcher in den Wänden fällt, den Innenraum mit einem tödlichen Lichtnetz durchzieht. Wunderbar auch die Choreographie der Szene, in der Mae den letzten, zitternden Überlebenden eines Kneipenmassakers zu einem Tanz bittet, um ihm die Angst vor seinem nahen Ende zu nehmen.

Letztendlich schafft es Bigelow in „Near Dark”, ihren Vampirfilm auf gelungene Weise mit Elementen des Roadmovies, des Westerns und der Romanze anzureichern, ohne dass dieses Konglomerat jemals unnatürlich oder aufgesetzt wirken würde. Die verschiedenen Subgenres greifen perfekt ineinander und ergeben einen äußerst spannenden, düsteren und über große Strecken originellen Blutsaugerstreifen. Dass auf Klischees (Kreuze, Knoblauch etc.) völlig verzichtet und anstelle dessen auf eine gute Geschichte, Zwischentöne, welche die Charaktere interessant halten und eine originäre Bildsprache gesetzt wird, macht „Near Dark“ zu einem der interessantesten Vampirfilme. Der vielleicht einzige Wermutstropfen bei „Near Dark“ ist das etwas unglaubwürdige Happy End. Doch hat man auch schon Zuschauer sagen hören, dass sie gerade das Ende auf besondere Weise anrührend fanden. Nun denn: Anschauen und selber eine Meinung bilden.
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