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    Das Osterman-Weekend
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Das Osterman-Weekend
    Von Björn Becher

    Eine Reihe bekannter Schauspieler, zum Teil auf dem Höhepunkt ihres Zenits, eine Buchvorlage von Bestseller-Autor Robert Ludlum (Die Bourne Identität) und ein Regisseur, der als kontroverser Meister seines Faches gilt, was kann da noch schief gehen? Erst recht, wenn es einen erstklassigen Spannungsaufbau gibt und sich diese Spannung auch noch wunderbar entlädt? Trotzdem noch einiges, wie „Das Osterman-Weekend“, der letzte Film des großen Sam Peckinpah, beweist. Dessen Abschlusswerk hat nämlich unter einem zu Beginn reichlich verworrenen und teilweise konfusen Drehbuch zu leiden. Schlecht ist „Das Osterman-Weekend“ zwar bei weitem noch nicht (in der zweiten Hälfte sogar hochklassig), dafür ist Peckinpah ein zu guter Regisseur und die Geschichte, die heute fast noch aktueller ist als damals, zu stark. Doch er liegt weit unter dem sonstigen Niveau von „Bloody Sam“.

    Der TV-Moderator John Tanner (Rutger Hauer) ist der CIA und dem Militär ein Dorn im Auge, denn regelmäßig deckt er in seiner Sendung Skandale auf und stellt hochrangige Offiziere bloß. Doch trotzdem ist CIA-Boss Maxwell Danforth (Burt Lancaster) auf ihn angewiesen. Denn Tanner steht im Mittelpunkt eines perfiden Plans. Drei von Tanners besten Freunden arbeiten alle gemeinsam oder teilweise heimlich für den KGB: Bernard Osterman (Craig T. Nelson), Richard Tremayne (Dennis Hopper) und Joseph Cardone (Chris Sarandon). Tanner soll helfen, sie umzudrehen. Als Mittelsmann fungiert Agent Lawrence Fassett (John Hurt), dem es gelingt, den anfangs skeptischen Tanner mit Videoaufnahmen zu überzeugen. Beim so genannten Osterman-Weekend, dem regelmäßigen gemeinsamen Treffen der vier Freunde und ihrer Familien, will der CIA aktiv werden. Angeblich um Tanners Familie zu schützen, wird das gesamte Haus mit Kameras und Wanzen ausgestattet. Doch schon bevor das Wochenende beginnt, gewinnt das Ganze eine eigene, gefährliche Dynamik, die schnell von den Eigeninteressen der Beteiligten weiter beschleunigt wird.

    Nachdem Peckinpah 1977 „Convoy“ drehte, stand er mal wieder auf der schwarzen Liste Hollywoods. Schuld waren ein weit überschrittener Zeitplan (der aber vor allem einer Konzerttour von Star Kris Kristofferson anzulasten ist), in Folge dessen ein überzogenes Budget und elend lange Streitereien beim Schnitt, die schließlich dazu führten, dass Peckinpah in der Post-Production gefeuert wurde und eine Fassung in die Kinos kam, mit der er nichts zu tun haben wollte. Selbst dass der Film an den Kinokassen ein zufrieden stellendes Ergebnis erreichte, konnte nicht verhindern, dass sich alle Studios weigerten, mit dem unbequemen Regisseur, der zudem ein Drogenproblem hatte, zu arbeiten. Einige Jahre vergingen, in welchen er mehrmals versuchte, ein neues Filmprojekt zu realisieren, aber nach einem Herzinfarkt schien die Karriere schlussendlich endgültig vorbei. Doch dann kam 1982 Don Siegel, Peckinpahs Lehrmeister und größer Fan. Der Actionregisseur (Dirty Harry) engagierte Peckinpah als Second Unit Director für seinen letzten Film „Verhext“. Auch wenn dies nur ein Job in der zweiten Reihe war, machte er klar, dass Peckinpah noch lebte und arbeitsbereit war. Kurz darauf kontaktieren ihn die beiden jungen Produzenten Bill Panzer und Peter Davis. Er bekam die Verfilmung von Robert Ludlums Roman „Das Osterman-Weekend“ (adaptiert von Alan Sharp) angeboten und griff, wohl wissend, dass dies ihm die Chance auf weitere Projekte ebnen würde, zu. Doch das Drehbuch zeigte offensichtliche Schwächen, war an manchen Stellen viel zu konfus, was selbst Autor Sharp unumwunden zugab. Peckinpah wollte Änderungen machen, reichte eine Liste von ersten Vorschlägen ein. Allerdings wollten die beiden jungen Produzenten, die nur rund fünf Millionen Dollar als Budget zur Verfügung, das Projekt schnell durchziehen und wiegelten alle Änderungswünsche ab. Wäre Peckinpah noch früher daraufhin an die Decke gegangen, hätte einen Streit angefangen, der entweder mit seinem Ausstieg oder der Durchsetzung seiner Wünsche geendet hätte, blieb er dieses Mal zahm (auch wenn er trotzdem ein paar wenige, kleine eigene Szenen einfügte). Er wusste, dass er nur Folgeprojekte bekommen würde, wenn er Drehplan und Budget einhalten sowie die Dreharbeiten ohne eine einzige Querele beenden würde. Die Ursachen für die Schwächen des Films waren gelegt.

    Die Konfusion des Drehbuchs schwächt den Film vor allem in den ersten 30 Minuten und am Ende. Der gesamte Hauptplot um das Umdrehen von KGB-Agenten, die wie Schläfer in den USA leben, ist verwirrend und scheint unzusammenhängend. Viel zu viel bleibt im Unklaren, die Motivation der CIA ist zwar in ihrer Finalität nachvollziehbar, nicht aber die Herangehensweise. Wenn man näher über den Plan nachdenkt, ist der – unabhängig von allen weiteren versteckten Täuschungen – im Grunde schwachsinnig, zumal das einem auch noch so konfus aufgeboten wird, dass es gar nicht einfach ist, die Zusammenhänge zu durchschauen. Man sollte diesen Teil des Plots daher am Besten beiseite wischen und sich auf den Rest konzentrieren, der mit Ausnahme einer frühen, zwar gekonnt inszenierten, aber bei der Spannungsentwicklung eher störenden Autoverfolgungsjagd, überzeugen kann. Hier gibt es großartige Momente. Gerade die ganzen ironischen Szenen, welche Peckinpah besonders am Herzen lagen, erweisen sich als Stärke. Auch das Zusammenspiel von Terrorparanoia und Überwachungsstaat sind hier hervorzuheben. Im Endeffekt wird Tanners Haus ein Überwachungsstaat im Kleinen. Verkabelt bis ins Letzte und rundum mit Videokameras ausgestattet, bleibt nichts unbeobachtet. Wenn dann Tanner am ersten Abend vor den Monitoren sitzt und beobachtet, wie seine Freunde mit ihren Frauen zu Bett gehen, zum Voyeur wird und die erste Vorankündigung auf das Marionettenspiel läuft, was nun folgen wird, bekommt man Szenen zu sehen, die eigentlich ihren Platz in Meisterwerken der Filmgeschichte haben.

    Denn jener Moment ist auch so was wie ein Fanal. Die Spannung, welche über die die psychologische Ebene langsam aufgebaut wurde, steigert sich nun nach und nach. Ähnlich wie in Wer Gewalt sät wird das eigene Haus des unbescholtenen Familienvaters zum Schauplatz der Aggressionen. Diese kommen nun nicht von außen, sondern durch die eingeladenen Freunde und die Überwachungsapparate der CIA von Innen. Der von persönlicher Rache getriebene Fassett verschärft dabei die Situation, in dem er das TV-Programm manipuliert, mit den „Insassen“ des Hauses förmlich spielt und so dazu beiträgt, dass sich die Aggressionen langsam steigen. Wunderbar ist hier auch das Selbstzitat zu „Wer Gewalt sät“, wo sich die Katze der Sumners erdrosselt im Schrank findet, während Tanners Sohn auf der Suche nach seinem Hund, einen abgetrennten Hundekopf im Kühlschrank entdeckt.

    Genauso wie jener Spannungsaufbau an Peckinpahs beste Filme erinnert, ist die Entladung dieser Spannung gelungen. Eine erste Rauferei beim Wasserball im Swimmingpool setzt ein frühes Zeichen, die bezüglich des Schauplatzes Haus finale Action ist dann deutlich von Peckinpahs Stil geprägt und vor allem erinnert das erste „Finale“ erneut an „Wer Gewalt sät“. Eine Verschiebung der Feindeslinien überzeugt genauso, wie der erneute Einsatz des Swimmingpools. Da verzeiht man dem Film auch gerne, dass im zweiten, endgültigen Finale wieder etwas zu stark die verworrene Anfangshandlung aufgegriffen wird.

    Die Darstellergarde erweist sich als weiterer Pluspunkt. Rutger Hauer, direkt nach Blade Runner auf dem Höhepunkt seiner, bald hauptsächlich in B-Movies weitergehenden, Hollywoodkarriere, agiert großartig in der Hauptrolle und hat größtenteils exzellente Mit- und Gegenspieler. Vor allem der zweifach oscarnominierte John Hurt (Der Elefantenmensch, Contact, Shooting Dogs) brilliert in seiner Rolle als undurchsichtiger Agent. Daneben sind vor allem der oft unterschätzte Schauspieler Craig T. Nelson (Wag The Dog, Die Familie Stone) und Altstar Burt Lancaster (Der Leopard, Das Urteil von Nürnberg) in einer gewichtigen Nebenrolle überzeugend, während der damals schwer kokainsüchtige und ebenfalls an einem Karrierescheideweg stehende Dennis Hopper (Easy Rider, Speed) eher blass bleibt.

    Die erstklassige Entwicklung der Spannungskurve, aber auch die gelungene Auseinandersetzung mit der manipulativen Macht von Medien (trotz der am Schluss etwas zu plakativen TV-Kritik), machen „Das Osterman-Weekend“ zu einem sehenswerten Film, der sich bei weitem nicht nur für Peckinpah-Fans lohnt. Man muss nur eines schaffen: den ganzen, verworrenen, zu Beginn dominierenden, später unwichtiger werdenden Storyteil um KGB-Doppelagenten und Omega vernachlässigen und sich so durch die zähe erste halbe Stunde kämpfen, ohne ihn vorschnell aufzugeben. Denn das Warten lohnt sich.

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