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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Ray
Von Carsten Baumgardt
15 Jahre lang ging Regie-Veteran Taylor Hackford mit der Idee, das Leben von Soul-Legende Ray Charles zu verfilmen, hausieren. Biopics sind Kassengift, so der Tenor – und erst recht, wenn ein schwarzer Musiker im Mittelpunkt steht. Erst als sich Milliardär Philip Anschutz dachte, er müsse auch noch ins Filmgeschäft einsteigen, nahm das Projekt „Ray“ plötzlich wieder rasant Fahrt auf. Der Großindustrielle brachte das Budget von 40 Millionen Dollar im Alleingang auf und sollte für seine Entschlossenheit reich beschenkt werden. Taylor Hackford gelang eine fiebrig-elektrisierende Biographie, die sich nicht von den Ecken und Kanten Ray Charles’ drückt und die Produktionskosten längst wieder locker eingespielt hat.

Ray Charles Robinson (Jamie Foxx) wächst in einem kleinen Ort in Georgia in ärmlichen Verhältnissen ohne Vater auf. Der Tod seines jüngeren Bruders George (Terrone Bell) traumatisiert den damals fünfjährigen Ray (C.J. Sanders) noch sein Leben lang. Vor dessen Augen ertrank der Junge in einem Waschzuber. Im Alter von sechs Jahren erblindet Ray, mit 15 ist er Vollweise. Doch vorher schärfte ihm seine Mutter Aretha (Sharon Warren) ein, sich nie herumschubsen oder gar als Krüppel behandeln zu lassen. Diese Einstellung hat Ray zeitlebens geprägt. In jungen Jahren zieht es den begnadeten Musiker nach Seattle, wo er es durch sein unbändiges Talent schafft, schnell Fuß zu fassen. Nachdem ihn seine vermeintlichen Gönner und Freunde nach Strich und Faden ausnehmen wollen, lässt Ray alles stehen und liegen, um woanders einen Neuanfang zu wagen. In Los Angeles gelingt Ray Charles, der seinen Nachnamen Robinson ablegt, der Aufstieg zum Superstar, doch nicht nur die Musik, sondern auch seine Probleme bestimmen den Alltag. Ray wird heroinabhängig und notorisch untreu, was seine Ehe mit Della (Kerry Washington) größtenteils zur Hölle macht. Auf der anderen Seite setzt ihn seine Geliebte Margie (Regina King) unter Druck...

Eine Filmbiographie steht und fällt mehr noch als jedes andere Genre mit der Auswahl und Leistung des Hauptdarstellers. Taylor Hackford („Lebenszeichen“, „Im Auftrag des Teufels“, „Dolores“) hatte bei „Ray“ den richtigen Riecher und setzte auf den neben Will Smith und Denzel Washington derzeit heißesten schwarzen Schauspieler Hollywoods: Jamie Foxx. Nachdem er seine Karriere als Komiker begann, gelang ihm in Filmen wie „An jedem verdammten Sonntag“, „Ali“ und zuletzt „Collateral“ der Aufstieg zum respektierten Charakterdarsteller. Ray Charles persönlich segnete Foxx als geeigneten Kandidaten ab. „This is the guy”, meinte er kurz und knapp. So konnte Foxx, der für seine Rolle 15 Kilogramm abnahm, in der Vorbereitung soviel Zeit mit Charles verbringen, wie er wollte. Dieser Aufwand hat sich gelohnt, Foxx liefert die beste Performance seiner Laufbahn, die Verwandlung in Ray Charles ist absolut perfekt. Er kopiert die Bewegungen, den Sprechrhythmus und die Manierismen der Musiklegende bis ins Detail. Die meiste Zeit der 61 Drehtage verbrachte Foxx im Dunkeln. Er trug eine spezielle Augenprothese, die ihn die Welt aus Charles’ Perspektive „sehen“ ließ. Eine Oscarnominierung gilt als sicher. Das Ensemble ergänzt Foxx’ entfesseltes Spiel harmonisch. Kerry Washington („The United States Of Leland“, „Die Promoterin“, „Der menschliche Makel“) und Regina King („Cinderella Story“, „Natürlich blond 2“, „Jerry Maguire“) tragen den Film als starke Frauencharaktere mit, während sich aus der Herrenriege mehrere Schauspieler (u. a. Clifton Powell, Harry J. Lennix, Larenz Tate) die Zuarbeit teilen.

Um den Strukturproblemen einer Biographie zu entgehen, baut Hackford seinen „Ray“ nicht vollständig chronologisch auf. Zwar beginnt er mit einem kurzen Abriss von Charles’ Kindheit, spart sich aber geschickt die Vertiefung der Schlüsselerlebnisse auf und beantwortet die offenen Fragen erst im weiteren Verlauf in kurzen Rückblenden. Von den 73 Jahren, die Ray Charles lebte, er verstarb am 10. Juni 2004, widmet sich Hackford den wildesten und interessantesten Abschnitten. Das gibt auf der einen Seite den dramatischen Stoff für einen packenden Film, bringt aber andererseits ein Problem mit sich. Ray Charles’ musikalisches Genie, welches ganze Musikrichtungen revolutionierte, ist unbestritten, aber als Mensch war er „schwierig“, um es vorsichtig und positiv zu formulieren. Er war schwer heroinabhängig, verleugnete dies aber, wo er nur konnte. Seine beiden Frauen betrog er nach Belieben gegenseitig miteinander und mit vielen anderen. Als Geschäftsmann war er knallhart nur auf seinen eigenen Vorteil aus, ohne Rücksicht auf alte Weggefährten zu nehmen. Kurzum: Je länger „Ray“ andauert, desto unsympathischer kommt der Titelheld daher. Das spricht für Regisseur Hackford, der hier mit offenem Visier agiert, verleitet ihn allerdings dazu, am Ende die Moralkeule ein wenig zu heftig zu schwingen, um dem geläuterten Charles die moralische Absolution zu erteilen.

Musikalisch ist „Ray“ durchgehend mitreißend. Obwohl Foxx eine klassische Pianoausbildung hat, verzichtet Hackford darauf, ihn Charles’ Gesang imitieren zu lassen. Alles, was zu hören ist, ist bearbeitetes Originalmaterial aus der Kehle von Ray Charles, der vor allem durch seine ungeheure Vielseitigkeit in Genres wie Soul, R&B, Jazz, Pop, Gospel, Country, Rock und Blues bestach. Hits wie „Georgia On My Mind“, „What’d I Say“, „Hit The Road Jack“ und „I Can’t Stop Loving You“ wurden schließlich zu Evergreens. Trotz der Verwendung der Originalstimme von Ray Charles ist Foxx’ Transformation makellos, sodass der Zuschauer keinen Unterschied bemerkt. Optisch fängt Kameramann Pawel Edelman („Der Pianist“) die Hitze und schwüle Atmosphäre des amerikanischen Südens in satten Farben ein, während er den Musikszenen eine vibrierende Fiebrigkeit entlockt. Kurz vor Ray Charles’ Tod konnte dieser den Film in einer Rohfassung begutachten. Danach stand er auf und sagte zu Regisseur Hackford: „Taylor, I’m very pleased. I’m very happy.“ Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Mutig brachte Hackford das ungeschminkte Lebenswerk der Musiklegende auf die Leinwand, sodass kleine Mängel nicht entscheidend ins Gewicht fallen.
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