Mein Konto
    Enigma - Das Geheimnis
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Enigma - Das Geheimnis
    Von Carsten Baumgardt

    Vor gut eineinhalb Jahren hallte ein gellender Aufschrei durch das Vereinte Königreich. Anlass: Der US-Kriegsfilm „U-571“. Dass der reißerische Unterwasser-Actioner ohne Tiefgang auskam? Geschenkt. Der Fauxpas: Selbstherrlich wie die Amerikaner sind, haben sie sich schlicht eine der entscheidenden Heldentaten, die den Zweiten Weltkrieg zugunsten der Alliierten wendeten, auf die eigenen Fahnen geschrieben. Die Weltgeschichte wieder ins rechte Lot zu bringen, versucht nun Michael Apted mit seinem kammerspielartigen Spionage-Thriller „Enigma“ nach dem gleichnamigen Beststeller von Robert Harris. Der ganz große Wurf gelingt dem „Bond“-Regisseur zwar nicht, aber immerhin anspruchsvolle Unterhaltung, die sauber recherchiert und historisch korrekt ist.

    Bletchley Park, 1943: Der U-Boot-Krieg im Atlantik kommt in seine entscheidende Phase. Ausgerechnet als die Alliierten einen großen Konvoi von Frachtschiffen über das Meer schicken wollen, haben die Briten den Zugang zur Entschlüsselung der deutschen Funksprüche verloren. Nur noch vier Tage bleiben Skynner (Robert Pugh) und seinem Experten-Team, den Code zu knacken. Doch beim letzten Mal dauerte es zehn Monate, hinter das Geheimnis zu kommen. Die letzte Hoffnung ist der brillante Mathematiker Tom Jericho (gut: Dougray Scott aus „Mission: Impossible 2“), der den Code der Enigma, so der Name der deutschen Chiffriermaschine, damals entschlüsseln konnte. Doch Jericho ist ein nervliches Wrack, die unglückliche Liebe zu der mysteriösen Claire (etwas blass: Saffron Burrows) hat ihn in einen Nervenzusammenbruch getrieben. Anfangs hat Tom auch mehr Interesse, seine Geliebte wiederzusehen, als an seiner eigentlichen Aufgabe zu arbeiten. Aber Claire ist spurlos verschwunden. In ihrem Cottage findet er vier streng geheime Funksprüche, die sie dort versteckt hat. Gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin Hester (solide: Kate "Titanic" Winslet) macht er sich auf die Spur von Claire, wird dabei aber immer argwöhnisch von dem undurchsichtigen Agenten Wigram (stark: Jeremy Northam) ins Visier genommen.

    Die geheime Denkfabrik in Bletchley Park, 60 Kilometer nördlich von London, wo die klügsten Köpfe des Landes zur intellektuellen Offensive zusammengezogen wurden, war eines der letzten großen Kriegsgeheimnisse. Bis in die 70er Jahre wurde gar deren Existenz vehement von den Briten abgestritten. Wie sich später herausstellte, war die erfolgreiche Arbeit in der Entschlüsselungsstation kriegsentscheidend. Also nur eine Frage der Zeit, bis sich die Filmindustrie dem Thema widmet.

    Gegensätzlicher könnten die US-amerikanische Variante, „U-571“, und die britische, „Enigma“, allerdings nicht sein. Während US-Boy Jonathan Mostow auf vordergründige Action und die in Hollywood so beliebte historische Geschichtskrittelei (siehe "Pearl Harbor") setzte (die Landsleute würden den Unterschieden im Kino eh nicht merken), versucht der Brite Michael Apted („James Bond 007 - Die Welt ist nicht genug“, „Gorky Park“) - quasi als filmischer Vergeltungsschlag - das genaue Gegenteil. Seine Charaktere sind exakt gezeichnet, die Umgebung ist mit der Detailbessenheit eines ehemaligen Dokumentarfilmers (wie es der Regie-Veteran ist) eingefangen und die Schauspieler geben nuancierte Darstellungen ab. Ein Held ist weit und breit nicht in Sicht, die Hauptfigur Tom Jericho ist der klassische Antiheld.

    Wie ein Hitchcock-artiges Puzzle legt Apted seine Geschichte an. Das Ganze hat nur einen Haken, der verhindert, dass „Enigma“ großes mitreißendes Kino ist. Der Film kommt einfach nicht richtig in die Gänge, das Tempo ist über die gesamte Dauer zu behäbig, um den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Zudem erschweren die zähen Rückblenden das Vorankommen der Handlung. Dabei ist „Enigma“ durchaus solide spannend und rätselhaft - für den Kino-Kopfarbeiter gibt es einiges zu knacken. Wer aber nicht messerscharf mitdenken will, ist bei „Enigma“ sowieso falsch. Sehr hilfreich ist es, den Roman von Robert Harris zu kennen, um die Hintergründe besser zu verstehen und nicht den Überblick zu verlieren.

    Am besten funktioniert „Enigma“ noch auf der Ebene der Spionage-Story, die angedeutete Romanze von Dougray Scott und Mauerblümchen Kate Winslet behindert nicht nur den Fortgang der Thriller-Geschichte, auch die Glaubwürdigkeit ist nicht unbedingt gegeben. Dass der kammerspielartige Film fast ganz ohne Action-Szenen auskommt, da wirkt die Zerstörung eines Frachters fast schon störend, ist nicht dramatisch, sondern sogar erfrischend, auf Effekthascherei wurde ganz verzichtet.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top