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    Fluch der Karibik
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Fluch der Karibik
    Von Jürgen Armbruster

    Fast-Food-Ketten wie „McDonald's“ oder „Burger King“ erfreuen sich heutzutage großer Beliebtheit. Aber warum? Sicherlich werden keine kulinarischen Leckerbissen geboten, doch dies ist auch überhaupt nicht beabsichtigt. Stattdessen verlassen sich die Betreiber auf andere Qualitäten. Wie der Name schon andeutet, erhält man sein Essen ohne lange Wartezeiten. Ferner bekommt der Kunde exakt das, was er bestellt und wird nicht auf welche Art auch immer überrascht. Ein BicMac ist ein BicMac. Egal zu welcher Uhr- oder Jahreszeit. Nein, „Filmstarts.de“ ist nicht zu den Restaurant-Kritikern übergelaufen, der Einstieg hat durchaus einen filmischen Hintergrund, denn Jerry Bruckheimer ist gewissermaßen der „McDonald's“ des Film-Business. Verwirrt? Nun, eigentlich liegt dieser Vergleich auf der Hand. Wer eine Karte zu einem Bruckheimer-Film löst, weiß genau, auf was er sich einlässt. Hochglanzoptik, eine technisch nahezu perfekte Umsetzung, Action in allen Variationen, Komik, Patriotismus, attraktive Darstellerinnen und Darsteller, eine obligatorische Liebesgeschichte – eben alles in einem Film komprimiert, damit eine möglichst große Zielgruppe angesprochen wird. Doch eben deshalb meiden viele Bruckheimer-Filme wie der Teufel das Weihwasser, denn durch die konsequente Vereinung sämtlicher Genres sind sie logischerweise oberflächlich und ohne jedweden Tiefgang. Künstlerischer Anspruch ist zweitrangig - was zählt, ist einzig das Box-Office-Ergebnis.

    Ausgerechnet jener Bruckheimer soll nun mit „Fluch der Karibik“ das eigentlich tot geglaubte Genre der Piratenfilme wieder beleben? Skepsis durfte durchaus angebracht sein. Der letzte Versuch, den Piraten auf der Leinwand zu einem Comeback zu verhelfen, endete 1995 mit „Die Piratenbraut“ in einem finanziellen Desaster. Dem horrenden Budget von 92 Millionen US-Dollar stand lediglich das abschreckende Einspiel von knapp 11 Millionen gegenüber. Nun startet Bruckheimer gemeinsam mit den Disney-Studios also acht Jahre später einen erneuten Versuch. Das ambitionierte Vorhaben: Die filmische Umsetzung einer Fahrattraktion der Disney-Parks.

    Ein totes Genre mit der Verfilmung einer Geisterbahn für kleine Kinder in altem Glanz erstrahlen zu lassen, klingt eigentlich unmöglich, doch eben dies gelang! Der Schlüssel zum Erfolg lag darin, dass es Bruckheimer fertig brachte, ein Team um sich zu scharen, das seines gleichen sucht. Sein erster Schritt war es, Regie-Virtuose Gore Verbinski zu verpflichten, der seit „The Ring" für perfekt eingefangene Bilder bekannt ist. Doch was nutzt der beste Regisseur, wenn das Drehbuch nur zum Auslegen einer Mülltonne taugt? Daher wurden als Autoren Ted Elliott und Terry Rossio mit ins schwankende Boot geholt. Beide bewiesen bereits, dass sie sowohl Geschichten für jung („Shrek", „Aladdin“, „Der Schatzplanet") und alt („Die Maske des Zorro“, „Godzilla“) zu Papier bringen können. Ein guter Produzent zeichnet sich eben nicht dadurch aus, dass er über herausragendes fachliches Wissen verfügt, sondern dadurch, dass er weiß, wo dieses zu finden ist.

    Der in der Hafenstadt Port Royal lebende Hufschmied Will Turner (Orlando Bloom) ist seit Kindesalter an unsterblich in die bezaubernde Gouverneurstochter Elizabeth Swann (Keira Knightley) verliebt. Als das berüchtigte Piratenschiff „Black Pearl“ unter der Leitung von Captain Barbossa (Geoffrey Rush) Port Royal überfällt und Elisabeth entführt, ist es für ihn selbstverständlich, dass er versucht, seine Liebste zu retten. Koste es was es wolle. Doch als alte Landratte ist er nicht gerade prädestiniert, auf eigene Faust ein Schiff voller blutrünstiger Piraten zu verfolgen. Er ist auf Hilfe angewiesen und schließt aus diesem Grund einen Pakt mit dem gefangenen Piraten Captian Jack Sparrow (Johnny Depp). Will befreit Sparrow aus seiner Zelle und gemeinsam macht sich das ungleiche Paar an die Verfolgung der „Black Pearl“. Warum ausgerechnet Elisabeth entführt wurde, soll ebenso wie die Rolle eines mysteriösen Amuletts und des noch mysteriöseren Fluchs an dieser Stelle aus Rücksicht potenzieller Kinogänger gegenüber nicht erwähnt werden.

    Bei der Geschichte erwies sich mit der namensgebenden Geisterbahn („Pirates Of The Caribbean") die größte Unbekannte geradezu als Segen. Das vorgegebene Szenario als Mischung aus klassischem Piratenmovie und Mystik weiß voll und ganz zu überzeugen. Sicherlich hat sich auch in „Fluch der Karibik“ wieder die alte Bruckheimer-Krankheit eingeschlichen, dass der Film nicht über sonderlich viel Tiefgang verfügt, doch die Inszenierung ist derart flott, dass dem Zuschauer kaum die Zeit zum nachdenken bleibt. „Fluch der Karibik“ kennt nur ein Ziel: Unterhalten, und zwar von der ersten bis zu letzten Minute. Und das gelingt ihm ohne Abstriche. Die Geschichte bietet gerade durch das Spiel mit den Piraten-typischen Klischees jede Menge Lacher und reichlich Raum für ausgefeilte Schwertkämpfe und Seeschlachten. Herz, was willst Du mehr?

    „Fluch der Karibik“ geht in Sachen Spezialeffekte denselben Weg wie zuvor „Terminator 3". Mit aus dem Computer stammenden Effekten wird so sparsam wie möglich umgegangen. Was möglich war, wurde mit Hilfe von Pyrotechnik und realen Kulissen gefilmt. Einzig die Auswirkungen des Fluches – die mal wieder nur das Mondlicht preisgibt – mussten mit Hilfe moderner CGI-Animationen dargestellt werden. Doch im Gegensatz zu manchen Szenen im Action-Reißer „Matrix Reloaded" wirken diese trotz ihrer offensichtlichen Herkunft echt. Die Masken und Piratenoutfits wurden allesamt in mühsamer Handarbeit hergestellt und sind entsprechend glaubwürdig. An der technischen Umsetzung lässt sich, wie in allen Bruckheimer-Filmen, mal wieder nichts bemängeln.

    Die Darsteller von „Fluch der Karibik“ wissen ohne Abstriche zu gefallen. Die bezaubernde Keira Knightley, die eben noch mit „Kick it like Beckham" einen internationalen Achtungserfolg landete, stahl nicht nur durch ein gewagtes Outfit bei der Premiere ihren männlichen Mitstreitern die Schau, sondern sollte auch als Darstellerin den endgültigen Duchbruch geschafft haben. Als nächstes Projekt konnte sie sich die Rolle der Guinevere in der Mega-Produktion „King Arthur“ angeln. Um sie muss man sich zukünftig keine Sorgen mehr machen. Selbiges gilt für Orlando Bloom. Eine steilere Karriere wie die seinige ist wohl kaum vorstellbar. Die erste Rolle des Frauenschwarms nach Abschluss der Schauspielschule war bekanntlich die des Elfen Legolas in der „Herr der Ringe“-Saga. Ein Erfolg, der sich wohl kaum toppen lässt, doch trotzdem ist seine bisher zugegebenermaßen recht kurze Biographie voll gestopft mit Blockbustern. Charakterdarsteller Geoffrey Rush liefert als fieser Oberschurke Barbossa, der trotzdem immer wieder einen lockeren Spruch auf den Lippen hat, ebenfalls eine mitreißende Vorstellung ab.

    Absolutes Highlight des Films ist jedoch Johnny Depp. Schon allein seine Anwesenheit auf der Leinwand regt zum Schmunzeln an. Nach eigener Aussage war es ein Kindheitstraum von ihm, einmal einen Piraten spielen zu dürfen. Obwohl die Glaubwürdigkeit derartiger Äußerungen prinzipiell dahingestellt sei, nimmt man Depp dies ohne mit der Wimper zu zucken ab. An seine Interpretation des Jack Sparrow werden sich Filmfreunde noch in Jahren erinnern. Depps Leistung allein ist das Eintrittgeld mehr als Wert. Seinen Charakter zu beschreiben scheitert bereits im Ansatz. Sparrow wirkt arrogant, bekifft, leicht tuntig, liebenswert, tollpatschig, bemitleidenswert, abgebrüht – er wandelt zwischen den Extremen, ohne dabei ins Straucheln zu geraten. Eine der faszinierendsten Film-Figuren der letzten Jahre, die man einfach gesehen haben muss. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich „Fluch der Karibik“ unbedingt im englischen Original anschauen. Depp spricht mit einem wunderbaren, aber teils schwer verständlichen Akzent, der die Atmosphäre noch zusätzlich steigert.

    Mit „Fluch der Karibik“ gelang dem Team um Jerry Bruckheimer ein grandioser Unterhaltungsfilm, dem zwar sicherlich nicht das Prädikat „künstlerisch besonders wertvoll“ gebührt, aber trotzdem Lust auf mehr macht. Viel mehr! 

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