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    Jacob's Ladder - In der Gewalt des Jenseits
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Jacob's Ladder - In der Gewalt des Jenseits
    Von Robert Cherkowski
    „Um den Krieg zu überleben, muss man selbst zum Krieg werden." Das wusste schon Sly Stallone, der Gott des Gemetzels, in seiner Paraderolle des John Rambo. Und so ging auch der Krieg überall dorthin, wohin es Rambo verschlug. Zurück an der Heimatfront, allein mit der Stille und den Erinnerungen an begangene und erlittene Gräuel, begann für viele Veteranen der nächste Horror. Das prominenteste Beispiel für den urbanen Shell-Shock dürfte der Taxi-fahrende Vigilant Travis Bickle aus Martin Scorseses „Taxi Driver" sein, ein Mann, der den Rückweg in die Gesellschaft nicht finden konnte und nicht mehr ohne Feindbilder leben konnte. Meist endeten die Versuche der Wiedereingliederung mit Explosionen der Gewalt, mit welchen die abgelegten Krieger den Wahnsinn des bewaffneten Kampfes in die heimischen Städte importierten. Stand das Trauma in vielen Filmen eher wie eine Behauptung im Raum, hat sich Adrian Lyne der Psychose selbst angenommen und stellt sie von Anfang an in den Mittelpunkt seines sechsten Langfilms „Jacob's Ladder".

    Jacob Singer (Tim Robbins) ist ein Wrack. Nacht für Nacht wird er von seinen Vietnam-Erinnerungen um den Schlaf gebracht. Nicht nur, dass er trotz eines Doktortitels der Philosophie als Postfahrer in New York unterwegs ist; auch seine Frauengeschichten enden stets in Katastrophen. Schon seine erste Ehe ist nach dem Tod seines Sohnes Gabe (Macaulay Culkin) in die Brüche gegangen. Auch seine Beziehung zu Jezebel (Elizabeth Pena) steht kurz vor dem Aus. Und dann sind da noch diese grausigen Visionen - echsenartige Monstergestalten, die ihm in U-Bahnen und auf Partys auflauern; gesichtslose Dämonen, die ihm nach dem Leben trachten. Dem Wahnsinn nahe sucht er seine alten Vietnam-Kameraden (u.a. Ving Rhames) auf, denen es kaum besser geht. Gemeinsam kommt ihnen der schreckliche Verdacht, Opfer geheimer Psycho-Experimente zu sein...

    An Aufhängern mangelt es Bruce Joel Rubins Drehbuch wahrlich nicht: Vietnam-Flashbacks, urbanes Paranoia-Feeling, Familientragödien, relgiöse Symbolik, Gehirnwäsche, Esoterik und und und... – bald jedoch offenbaren sich die roten Fäden, die „Jacob's Ladder" durchziehen, als dünne, poröse Streifen Garn, die ins Nichts führen. Die Erinnerungen an den toten Sohn wurden ein wenig arg weichgezeichnet und lösen statt Berührung eher Belustigung aus. Das Vietnamthema bleibt, auch wenn Lyne ständig Flashbacks in die grüne Hölle einstreut, letztlich ein austauschbarer Trauma-Platzhalter; New York derweil hält als Symbol für den alles verzehrenden Fleischwolf des urbanen Molochs her. Auch die religiösen Andeutungen, die sich in der titelgebenden Jakobsleiter – der sprichwörtlichen „Stairway to Heaven" - ausdrücken, werden ebenfalls nicht zugunsten einer stringenten Erzählung ausgebaut. Jacob und Jezebel sind biblische Namen, in diesem Sinne wird der religiöse Aspekt auch immer wieder in Dialogen breitgetreten. Nein, subtil ist „Jacob's Ladder" ganz sicher nicht.

    Während der Film thematisch wirr bleibt, muss Adrian Lynes verstörendes Spiel auf der Klaviatur des Grauens als virtuos gelten. Auch wenn er es mit seiner kleinen Horror-Perle – anders als Alan Parker mit seiner okkult-verschwitzen Südstaaten-Geisterbahn „Angel Heart" oder Jonathan Demme mit dem wenig später erschienenen „Das Schweigen der Lämmer" – nicht geschafft hat, sich bei Genre-Publikum und Feuilleton-Schreibtischtätern gleichermaßen beliebt zu machen, ist dem Streifen das „Kultfilm"-Prädikat nicht abzusprechen. „Jacob's Ladder" rockt. Lyne, der zuvor und danach vor allem mit schwülen Erotik-Thrillern („9 1/2 Wochen", „Eine verhängnisvolle Affäre") auffiel, tut auch hier alles, um seinem Ruf als Stilist gerecht zu werden. Von den kühlen Blaufiltern, die offenbar vor jede Kameralinse geschraubt wurden, bis hin zur guten alten Nebelmaschine – hier bleibt kein Gestaltungsmittel der glorreichen Achtziger ungenutzt. Ebenso fasziniert wie faszinierend schwelgt Lyne im Dreck des Molochs New York, der selten so menschenfeindlich und regennass eingefangen wurde.

    Kameramann Jeffrey L. Kimball, der bereits das frühe Werk Tony Scotts in aufgedonnerte Bilder kleidete, gibt auch hier Vollgas und findet dynamische Winkel und Perspektiven für Jacobs Absturz in die Psychose. Das druckvolle Sounddesign und der harte Schnitt runden den Eindruck ab, dass sich unter der Führung Lynes wahre Koryphäen ihrer Zünfte eingefunden haben. Dennoch ist „Jacob's Ladder" keine sterile Kopfgeburt. Vor allem Tim Robbins ist es zu verdanken, dass Lynes rauschhafte Flut an Schocks und gemeinen Ideen nicht zu einem Horror-Videoclip verkommt. Nachdem er in seiner bisherigen Karriere vor allem als leicht tölpelhafter Sidekick in Komödien eingesetzt wurde („Annies Männer", „Cadillac Man"), brilliert er nun erstmals in einer ernsten Hauptrolle, mit der er sich prompt als Charakterkopf empfahl. Mit einer mitleidweckenden Verletzlichkeit irrt er durch die Gassen, Korridore und das wütende Chaos in seinem Kopf.

    So wirkt er mehrmals wie der amerikanische Stiefbruder von Roman Polanskis „Mieter", der ebenso überfordert wie verschreckt mit der Anonymität der Großstadt haderte. Für „Jacob's Ladder"-Fans lohnt in diesem Sinne ein Blick ins europäische Kino der Siebziger und frühen Achtziger; dort finden sich Lynes Inspirationsquellen. So ist etwa Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen" – sowohl inhaltlich wie formal – als Referenz auszumachen. Hier wie dort bricht der Horror durch den Trauerschleier, um den Protagonisten an die Gurgel zu gehen. Auch der fiebrige Exzess des polnischen Psycho-Horror-Großmeisters Andreij Zulawski schimmert in Jacobs Schreckensvisionen durch. Lyne bedient sich bei den Besten, während das hohe Tempo „Jacob's Ladder" immernoch als amerikanische Genre- und Studioproduktion kennzeichnet. Auch wenn Lynes einmaliger Horror-Ausflug inhaltlich nicht viel hermacht und nicht mehr sonderlich frisch aussieht, bleibt er ein charmantes Kleinod, dessen Defizite von seinen Qualitäten aufgewogen werden.
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