Kritik:
Eins vornweg: Ich sah mir Reconstruction nicht auf großer Leinwand an, und trotzdem entfaltete sich mir ein großartiger, symbolhafter Experimentalfilm, bildgewaltig und poetisch.
Vielleicht muss man emotional in dieser Stimmung sein, um gefangen sein zu können von diesem Projekt. Aber probiert dies selbst aus.
Jedenfalls ist dieser Kurzfilm über das Glück, den Verlust und die Dramatik der Liebe in seiner Bedeutung und Vielschichtigkeit intensiver als viele 2 h-Filme. Und er wirkt noch lange nach, das könnt ihr mir glauben.
Die Bildsprache ist elegant und poetisch. An manchen Stellen wirkt er etwas zu ambitioniert, jedoch begibt er sich nie in die Gefahr in melodramatischen Kitsch zu verfallen! Die Rollen sind hervorragend besetzt; die Schauspieler liefern eine starke Leistung ab.
Die Beziehung von Alex zu Simone/ Aimee wird in sehr erotisch hingehauchten Bildern erzählt, die sich daraus entspinnenden Verflechtungen sind geheimnisvoll und tragisch zugleich. Die von Sehnsucht, Mut und Zweifeln getragenen Entscheidungen entfesseln eine weitreichende Veränderung im Leben von Alex.
Die Rolle von August ist die dritte wichtige Hauptperson in diesem Stück, er ist die moralische Instanz und das Schicksal zugleich. Oder auch nicht? Interpretiert bitte selbst.
Wir als Zuschauer können anfänglich die Protagonisten (oberflächlich) moralisch bewerten und interpretieren.
Doch zusehends geht es nur noch um dich selbst und du hinterfragst dein eigenes Wesen, deine Überzeugungen, ja, dein Leben mitsamt seinen Entscheidungen.
Und genau hier liegt die starke Wirkung des Films und sicherlich auch das Ziel des Regisseurs: Reconstruction ist die Therapiecouch für uns selbst! Er behandelt unsere grundlegenden Fragen und Ängste.
Schließlich sind unsere Meinungen über die Filmfiguren Antworten, die uns selbst betreffen und erkennen lassen.
Sie sind ein Spiegelbild von uns und wer sich auf die Entwicklungen der Hauptpersonen einlässt, dem wird womöglich in einem ruhigen Augenblick bewusst, wo er/ sie steht und wie aufrichtig sein/ ihr Leben ist.
Essentielle Fragen werden vielleicht beantwortet.
Wie weit bin ich bereit zu gehen für meine Liebe?
Wie weit gebe ich mich selbst dabei auf?
Bin ich bereit, wegen eines kleinen Abenteuers all mein gemeinsames Glück mit meinem Partner aufzugeben?
Wer und was ist das Wichtigste im Leben?
Viel zu oft spielen wir Menschen leichtfertig mit den Gefühlen von denjenigen, die uns am nächsten stehen. Wir verletzen uns gegenseitig, ohne die Konsequenzen zu bedenken.
Doch was wäre, wenn unsere Entscheidungen an diesem Punkt zwischenmenschlicher Beziehungen sofortige Auswirkungen hätten?
In dieser Situation verliert Alex nicht nur seine Freundin, die ihn liebt!
Genau genommen verliert er als Sinnbild einer imaginären Strafe auch seinen gesamten Freundeskreis.
Doch dies ist nur eine der möglichen Deutungen von Schlüsselszenen mit denen der Film aufwartet. Klar, die Symbolhaftigkeit des Films ist stark und konzeptionell, und vielleicht nicht nach jedem Geschmack.
Zurück bleibt die wehmütige Gewissheit, wie sehr auch unser Geschick von äußeren Einflüssen abhängt. Oft können wir nur auf bestehende Verhältnisse reagieren. Doch dem Teil, den wir kontrollieren und nach eigenen Wertvorstellungen und Überzeugungen formen können, sollten wir auch volle Aufmerksamkeit schenken.
Denn dies garantiert uns ein Maß an Sicherheit, unser kurzes Dasein
unter dem endlosen Sternenhimmel so aufrichtig und wertvoll zu führen, ohne allzu große Verluste hinnehmen zu müssen.