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Natural Born Killers
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Natural Born Killers
Von Samuel Rothenpieler
„Wenn ich die Sterne sehe, weiß ich, dass du dieselben siehst“ - Menschsein definiert sich durch diese Erkenntnis. Wir alle leben in einer Welt, die für uns alle dieselbe ist: Lebensraum in jeder Hinsicht. Das Bewusstsein des ewigen Kreislaufs bedeutet gleichsam die Erfahrung der eigenen Endlichkeit und ist Ursprung der tiefen Depression der menschlichen Existenz. Eine Depression, die einen zu Grunde richtet, bis zum Wahnsinn treibt und in der Obsession von Gewalt und Aggressivität mündet. So ist Gewalt und Kampf von jeher die Grundlage des Lebens und in der Theorie der Evolution findet sie sogar ihren Ausgang in der Entstehung der ersten lebenden Zelle, ist von jeher gesät und damit Grundlage der weltlichen Geschichte. Dabei ist sie auch im Sündenfall der Bibel wieder zu finden. Von allen Geschöpfen im Paradies war nur eines, die Schlange, dem Bösen zuzurechnen und wurde zum Schicksal des weltlichen Leids – als eine Art Schicksalsbote. Warum wurde dieser Keim gesät? „Ich seh’ die Engel, sie kommen bald wieder!“ – um den Menschen zu erlösen von seiner und seines Planeten Schlechtigkeit und Verdorbenheit? Die Annahme des Keims des Bösen, hingenommen als Schicksal, Vorherbestimmung oder schlicht als Tatsache, kann für den sich als unzureichend bekennenden Menschen nur auf ein Ziel hinauslaufen: höhere Erkenntnis eines höheren Lebens, ganz gleich, ob evolutions- oder heilsgeschichtlich. Die Frage ist nur, ob für diese Erkenntnis in der heutigen mediatisierten Welt erst die analysierte Psyche eines Massenmörders von Nöten ist, um verständlich zu machen, welchen Weg die Menschheit bisweilen einschlug. Die brachial-brillante Medien-Satire „Natural Born Killers“ von Oliver Stone beweist diese Vermutung in abschreckender Weise.

Mickey und Mallory Knox sind gebrandmarkte Kinder, haben die Schlechtigkeit und Pervertiertheit der Menschen am eigenen Leibe verspüren müssen. Sie sind in eine Welt geboren worden, die durch die Inszenierung der Medien bestimmt ist, die das Böse und Schlechte bestenfalls in einem Glashaus präsentiert, abgeriegelt von der Leichtigkeit und Lebensfreude der humanisierten Generationen. Gewalt ist etwas, was vielleicht weit, weit entfernt geschieht und von den Medien und dem Gesetz als Sittenwächtern ferngehalten wird.



Mallory, gespielt von Juliette Lewis (Kap der Angst, „Strange Days“), wird regelmäßig von ihrem Vater vergewaltigt. Doch das interessiert keinen. Sie kämpft ihr ganzes Leben gegen das Gefühl von Schuld und Last an, weiß sich aber nicht zu helfen. Erst als der Draufgänger Mickey, gespielt von Woody Harrelson (Wag The Dog, „Larry Flint“), in ihr Leben tritt, ändert sich alles. Mickey hilft der verschüchterten Mallory durch seine physische und psychische Anwesenheit, ihre Wut und Rachegelüste auszuleben und ihre unterdrückte Persönlichkeit im Eilvorgang zu entwickeln. Nachdem erst einmal die Eltern von Mallory auf brutalste Weise erledigt sind, beginnt der Weg der sensationellen Massenmörderkarrieren von dem Liebespaar Mickey und Mallory. 52 Tote pflastern ihren Weg… und das ist noch lange nicht genug. Denn in der Welt von Mickey und Mallory geht es nur um eines: Bewunderung, Anerkennung und Überwindung der leidvollen Erkenntnis ihrer eigenen Schuld und schuldigen Endlichkeit; in der Welt der Massenmedien und ihrer Gier nach lüsterner Sensation also das geringste Problem.



Durchweg überzeugen die Darsteller in surrealer Manier. Die beiden Hauptdarsteller Woody Harrelson und Juliette Lewis tragen nicht nur nach Bekunden von Regisseur Oliver Stone Gewalt in ihren Augen. Sie spielen wie Wahnsinnige und wirken dementsprechend auch so. Die Stereotypen des Fernsehjournalisten Wayne Gale (Robert Downey Jr.), des knallharten Polizisten Jack Scagnetti (Tom Sizemore) und des resoluten Gefängnisdirektors Dwight McClusky (Tommy Lee Jones) bereichern den Film durch ihr brillantes Spiel als wären sie für diese Rollen geboren. Fünf Tischbeine, die den Film einem festen Stand verleihen und die manövrierende Tischplatte gekonnt abfangen. Denn ohne sie wäre der Film im totalen Chaos versunken und höchstens als Artefakt wahrnehmbar. Das Spiel mit der Gewalt und der Kampf mit den unbändigen Energien des Films können nur mit einer meisterlichen Verknüpfung aller Elemente gelingen. Oliver Stone schafft diese Aufgabe mit Bravour und zeigt sich nach Erfolgen wie JFK, Platoon oder Wall Street als wirklich wegweisender und universaler Regisseur.

Mit „Natural Born Killers“ liefert er ein unvergleichliches und nie da gewesenes Meisterwerk der Sonderklasse: Subversive Pop-Art und regelrecht abartige Brüche der Konventionen, Vermischung von Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Zeichentrick, Fotokollagen, überzeichnete Farbaufnahmen und psychologische Hintergrundmotive machen aus dem Film einen wahrhaften Trip, der einem schwer zusetzt. Die exzessiven Gewalt- und Sexdarstellungen, vermengt mit biblischen Motiven und beißender Mediensatire bieten das richtige Rüstzeug, um der Gesellschaft den Spiegel in einer nie erlebten Unverfrorenheit vorzuhalten. Der Zuschauer wird als Voyeur entlarvt und in die Abgründe seiner eigenen Seele geschickt. Und nachdem er wieder emporgestiegen ist, bleibt ihm ein Selbstbild der Nacktheit und Unzulänglichkeit erhalten, auf das er am liebsten spucken möchte.



Die Fragen, die zunächst als Aufhänger des Films fungieren – Wie entsteht Gewalt? Wo beginnt Gewalt? Welches Ziel hat sie? - spielen sich aufgrund der philosophischen Breite des Films eher an der Oberfläche ab.
Der Zuschauer meint anfangs, er würde gezielt belehrt, auf gesellschaftliche Missstände hingewiesen, über die er sich nach dem Film noch ein oder zwei Stunden Gedanken macht und dann verdrängt. Das, was tatsächlich am Ende dieses „Infernos“ steht, ist ein totales Gefühlschaos und fatale Selbstprojektion. Klar, Gewalt hat seine Ursachen vor allem in Arbeitslosigkeit, Integrationsproblemen, sexuellem Missbrauch, Fernsehgewalt und der allgemeinen Idiotie des Lebens, aber was darüber hinaus macht den Menschen zum Gewalttäter? Der Film hat einen Faktor ganz besonders im Auge – die genetische Veranlagung. Und zwar nicht zwingend die vererbten Gene eines Massenmörders, sondern die Gene der gesamten Menschheit seit dem Sündenfall. Eine Erkenntnis des Filmes, die sich in der Bibel wieder findet: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen…“ 5. Mose 5,9



Nach und nach werden die menschlichen Institutionen entlarvt, werden die Menschen entlarvt, von denen keiner behaupten kann, dass Gewalt und Mord nichts mit seinem Leben zu tun hat. Zunächst sind es die Eltern von Mallory, die nur der „harmlose“ Anfang sind, weiter die Medien und letztlich ebenso der Staat und das Gesetz. Stereotype der Gewalt, und alle wähnen sich auf der Seite des Guten und Gerechten, keiner erkennt die Schlechtigkeit seiner eigenen Existenz. Die sozialen Beziehungen: Der Vater vergewaltigt die eigene Tochter und unterdrückt den Rest der Familie. Alle wissen es und schweigen darüber, zu groß das Aufsehen und zu unwirklich die Tatsache, dass Gewalt in der eigenen Familie ihren Anfang nimmt. Schweigen der Restlichen, Wegsehen und das Prinzip des Nicht-Einmischens zählen mehr als Ehrlichkeit und Selbstgeständnis der eigenen Fehler. Der Keim ist gesät.

Dann die Medien: Wrestling- und Boxkämpfe, Talkshows, Autorennen – und Karambolagen, Terroranschläge und Naturkatastrophen, Schaulustige am Straßenabgrund, selbstverliebte Reporter wie Wayne Gale (Robert Downey Jr.), die Skandale und Schicksale um ihres eigenen Ruhmes willen an den Pranger der Öffentlichkeit stellen. Beinahe niemand kann sich ausnehmen bei der Frage, ob er solch ein Ereignis nicht schon Mal mit Neugier verfolgt hat. Keiner Schuld bewusst – man hat wieder etwas zu erzählen und sich an dem Leid des anderen unbewusst aufgerieben – atmet man erleichtert auf und denkt sich, zum Glück ist das nicht mir passiert! Solange zwischen dem Mord und seiner Aufklärung die Werbung für entspannte Erheiterung sorgt und dies alles einer anderen Welt zugerechnet wird, warum also sollte man ein schlechtes Gewissen haben? Die Medien sterilisieren die Gewalt und portionieren sie in kleinen, verdaulichen Plastiktütchen, die in Massenabfertigung auf Sendung gehen. Da mutet es auch nicht merkwürdig an, wenn auf einmal zwei Massenmörder zu den Pop-Stars einer ganzen Generation hochgejubelt werden. Die Gier und Geilheit an der Sensation und Außergewöhnlichkeit lenkt von dem eigenen leeren und kümmerlichen Leben für einen Moment ab. Man mag es anprangern oder nicht, man ist dabei, als Voyeur. Gewalt wird durch seine Darstellung verharmlost und nur die Sensation bleibt als medienwirksames Echo über. Der Film zeigt dies in einer Weise, dass man sich selbst als Voyeur und Schaulustiger entlarvt sieht. Warum also wird einem solchen Film, der alles das ist, was er anprangert, solch ein Diskussionsplatz eingeräumt? Ganz einfach, weil er wichtig ist und es in dem Zeitalter der allmächtigen Medien nicht mehr reicht, kritische Bücher und Artikel zu verfassen, die ohne die richtige Inszenierung in der breiten Öffentlichkeit verblassen. Der sensationelle und außergewöhnliche Film von Oliver Stone weiß das und bekämpft Mediengewalt mit Mediengewalt, und mag sie noch so abschreckend und infernalisch wirken.



Zuletzt der Staat und die Gesetze: Was ist das für ein Gefühl, einen verdammten Mörder zusammenzuschlagen, zu töten und sich dabei auf der richtigen, gerechten Seite zu wähnen? Jack Scagnetti (Tom Sizemore) macht es sich zur Lebensaufgabe, dieses „dreckige Pack“ hinter Gittern zu bringen. Gefängnisdirektor Dwight McClusky (Tommy Lee Jones) ergötzt sich an der eigenen Macht über verkommene Individuen. Die Gesellschaft gab einem Legitimation und göttliches Recht. Bosheit und Gewalt spielt sich dort draußen ab, in den Ghettos, den Banden und in den kranken Psychen der Trieb- und Gewalttäter. Niemand würde je an solch’ einer Aussage zweifeln. Gesetze und Staatsgewalt sind richtig und von unvergleichlicher Wichtigkeit, gewiss. Doch auch sie sind fehlbar dadurch, dass sie von Menschen ausgeführt werden. Welcher Mensch ist schlechter? Der, der einen tötet oder der, der einen dafür mit dem Tod bestraft, dass er getötet hat?



Auch wenn die Darstellung der institutionellen Vertreter in „Natural Born Killers“, wie alle anderen Darstellungen, übertrieben sind, spielen sie dennoch im Rahmen des Möglichen. Die überzeichneten Charaktere und ihre abstrakte Darstellung können nur so überzeugend wirken. Die Gewalt wird vereinsamt, regelrecht verharmlost, und gewinnt gerade hierdurch ihre nötige Intensität, um zu einem übergeordneten Denken zu motivieren. Hier wird die Vergewaltigung in den Rahmen einer Sitcom gerückt, der Triebtäter wird zum Publikumsliebling und die Vergewaltigung zum schmutzigen Witzchen, über das sich unter vorgehaltener Hand amüsiert wird. Die Massenmedien verkörpern heutzutage genau das, was vor zweitausend Jahren die Gladiatorenarena war – ein Platz, wo Menschen sterben, um das Volk zu belustigen. Menschen ändern sich nicht. Der ewige Kreislauf als Traurigkeit der menschlichen Existenz kristallisiert sich in der finalen Aussage: „Es ist alles nur Spaß!“

Dennoch bleibt Oliver Stones mutigstes und brachialstes Werk einer der besten und wichtigsten Filme, die je produziert wurden. Auch wenn vor dem Film zu warnen gilt: Heroisierungen von physischer und psychischer Gewalt sind gefährlich, weil sie zum Nachahmen anstiften. In etwa 15 Fällen beriefen sich Nachahmungstäter ausdrücklich auf den Film „Natural Born Killers“ und ihrer oberflächlich vermittelten Botschaft der nackten Gewalt und Brutalität. Ein armseliges Zeugnis für die Menschen und ein noch besseres Argument, warum dieser Film allen Zweifeln erhaben ist.
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