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Ein letzter Kuss
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Ein letzter Kuss
Von Björn Becher
Some of us left, and some of us stayed...

Remakes werden meist sehr kritisch gesehen. Vor allem Fans der Originale verurteilen die Neubearbeitung des geliebten Stoffes schnell vorab und lassen kaum eine Gelegenheit aus, ihrem Unmut Luft zu lassen. Sicher gibt es viele unnötige Remakes und es darf auch die Frage erlaubt sein, ob nun wirklich jeder halbwegs erfolgreiche asiatische Horrorfilm sogleich eine Hollywoodneuauflage braucht. Aber einen unschätzbaren Vorteil haben Remakes unbestreitbar: Sie erwecken bei dem ein oder anderen Interesse für das Original. So dürfte nach dem Anschauen (oder vielleicht sogar schon davor) von Tony Goldwyns Der letzte Kuss mit Zach Braff und Jacinda Barrett sich der ein oder andere Filmliebhaber auch Gabriele Muccinos „Ein letzter Kuss“ zu Gemüte führen. Es wäre eine gute Wahl, denn der italienische Publikumserfolg ist ein wundervoll melancholischer Film über Menschen am Scheideweg.

Carlo (Stefano Accorsi) steht kurz vor dem dreißigsten Geburtstag und hätte allen Grund glücklich zu sein. Seine hübsche Freundin Giulia (Giovanna Mezzogiorno) erwartet ein Kind. Doch Carlo hat Angst davor in das abzugleiten, vor dem er sich schon immer gefürchtet hat: Ein spießiges, bürgerliches Leben. Denn Giulia sucht schon nach einem gemeinsamen Haus, wo für ihn die gemeinsame Wohnung schon fast zu viel ist. Und es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch endlich heiraten will. Carlos Ausflucht ist seine Clique, Männer, allesamt um die dreißig, die ihr Leben am liebsten noch so begehen würden, wie sie es vor zehn Jahren getan haben. Einen der Ihren haben sie gerade verloren, er hat geheiratet. So bleiben nur noch Adriano (Giorgio Pasotti, Die zweite Hälfte der Nacht), Paolo (Claudio Santamaria, Agata und der Sturm) und Marco (Pierfrancesco Favino, Die Hausschlüssel, Nachts im Museum). Adriano hat zwar seit sechs Monaten einen Sohn, aber ist mit der Situation völlig überfordert und will sich trennen, wenn er die Kraft dazu aufbringt. Paolo ist Single – doch wider Willen, denn er ist immer noch fanatisch in seine Ex-Freundin verliebt und kann es nicht unterlassen sie anzurufen. Zudem liegt sein Vater im Sterben. Das Leben, welches sie sich alle wünschen, führt eigentlich nur noch Marco. Der teilt Bett und Joints jeden Tag mit einer neuen Frau und ist so natürlich die Zufluchtsstation für alle anderen. Genau zu jenem Zeitpunkt als Carlo sich auf einen heftigen Flirt mit der achtzehnjährigen Francesca (Martina Stella) einlässt, stehen alle am Scheideweg. Seine drei Freunde überlegen, ob sie ihr jetziges Leben hinter sich lassen sollen und mit einem Camper durch Afrika touren wollen. Am liebsten würden sie Carlo mitnehmen, doch der steht zwischen Francesca und Giulia. Auf der einen Seite ein junges Mädchen, das sich unsterblich in ihn verliebt hat und ihm seine Lebenslust zurückzugeben scheint, auf der anderen Seite seine Freundin, die ein Kind von ihm erwartet. Auch bei der geht es drunter und drüber, denn ihre Mutter (Stefania Sandrelli) beschließt ihre langjährige, dröge Ehe hinter sich zu lassen.

Gabriele Muccinos „Ein letzter Kuss“ ist einer jener Filme, die man nur vollkommen genießen kann, wenn man sich in Hauptfigur Carlo ein wenig wieder findet. Aber das ist fast schon die einzige „Schwäche“ (sofern man dies überhaupt als eine solche bezeichnen möchte), welche der wundervolle Film aufweist. Abgemildert wird dies nämlich schon dadurch, dass sowohl einem älteren als auch ein jüngeren Publikum Dank der ausgeglichenen Erzählweise Möglichkeiten gegeben werden, sich wieder zu entdecken. Obwohl Carlo größtenteils im Mittelpunkt steht, ist die Story des Films bereit gefächert und mit mehr als einer Handvoll Identifikationsfiguren bestückt. Neben Carlos Freundeskreis und seiner Freundin Giulia, sind hier noch Giulias Eltern und die junge Francesca zu nennen.

Francesca ereilt die erste große Liebe, eine Phase, in der man alles für unendlich hält. Für sie ist sofort klar, dass Carlo ihr Mann fürs ganze Leben ist und die Liebe nie vorbei ist. Giulias Eltern stehen am anderen Ende des Spektrums. Ausgelöst von der Nachricht, dass sie Großeltern werden, hinterfragen sie ihre Beziehung, werden sich endgültig bewusst, dass sie nicht mehr miteinander, sondern nur noch nebeneinander leben. Genau dazwischen stehen Carlo und seine Freunde. Für sie heißt es sich entscheiden, ob sie weiter ein wildes, ungezwungenes Leben ohne jegliche Pflichten begehen wollen oder in die ewige Bindung eines ruhigeren Familienlebens mit all seinen positiven und negativen Seiten wechseln.

Die große Kunst von Gabriele Muccino, der nicht nur Regie führt, sondern auch das Drehbuch schrieb, besteht darin, dass er gleichsam die verschiedenen Optionen, die jede seiner Figuren bei der Gestaltung ihres Lebens hat, beleuchtet. Dabei bleibt er im Grunde objektiv, streut immer wieder kleine Szenen ein, welche unterstreichen, dass jeder Weg Vor- und Nachteile hat, bezieht aber nie – schon gar nicht mit moralischem Zeigefinger – Stellung dazu. Das ist im Endeffekt auch die Botschaft seines Films. Es gibt nicht den richtigen und den falschen Weg per se, sondern nur den Weg, den man selbst als den richtigen für sich auserwählt. Für die einen ist es richtig zu gehen, für die anderen zu bleiben.

Muccino sammelt in seinem Werk gleich mehrere Richtungen von Film. In dem einen Moment ist „Ein letzter Kuss“ ein starkes Beziehungsdrama welches an Mike Nichols Hautnah erinnert, wenn auch nicht ganz so brillant inszeniert ist. Im nächsten Moment fühlt man sich an Sebastian Schippers „Absolute Giganten“ erinnert, ein wunderbar komischer und melancholischer Film über das räumliche Auseinandergehen von Freundschaften. In der einen Minute lacht man mit den Protagonisten, in der nächsten leidet man mit ihnen. All dies zeugt von dem unglaublichen Talent, welches Gabriele Muccino hier sowohl als Autor, als auch als Regisseur offenbart. Auch Hollywood blieb dies nicht verborgen, so dass nicht nur sein Film den Sprung über den Teich schaffte, sondern nun auch er selbst. Kürzlich hat er das Drama Das Streben nach Glück mit Will Smith abgedreht, 2007 folgt „A Little Game Without Consequence“ mit Jim Carrey und Cameron Diaz.

Die Messlatte für das Remake ist damit gelegt – und sie liegt sehr hoch. Denn neben den Fähigkeiten des Mannes hinter der Kamera, bestechen auch vor der Kamera die des hervorragend ausgewählten Ensembles, das so perfekt miteinander harmoniert und aufspielt, dass man keinen herausheben sollte. Auch wenn die Spieldauer von knapp zwei Stunden sich als einen Tick zu lang erweist, ist „Ein letzter Kuss“ unbedingt sehenswert, wozu auch das aus gleich mehreren exzellenten Momenten bestehende Finale beiträgt.
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