5 - Spitzenklasse
Visionär Howard Hughes ist ein bedeutender Teil der uramerikanischen Geschichte: Unternehmer, Filmproduzent und Luftfahrtpionier zugleich.
Sein cineastisches Wunderwerk „Hells Angels“ war 1930 der teuerste Film aller Zeiten und machte die bis dahin unbekannte Jean Harlow zum Weltstar.
Von Hughes stammte auch die Grundidee für die Lockheed Constellation, eines der ersten Passagierflugzeuge mit Druckkabine.
In den 50er Jahren machten sich bei Hughes deutliche paranoide Persönlichkeitsauffälligkeiten bemerkbar. Sein Stern verlor an Glanz, und er zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Hughes in völliger Abgeschiedenheit in dunklen Hotelzimmern.
Autor Josh Logan verfasste Howard Hughes Geschichte zu einem Drehbuch, welches zunächst von Regisseur Michael Mann in Szene gesetzt werden sollte.
Einige Zeit später besetzte aber Martin Scorsese den Regiestuhl und setzte der sowohl kontroversen, wie auch schillernden Persönlichkeit ein würdiges, filmisches Denkmal.
„The Aviator“ hätte Scorsese also endlich den Weg zum Oscar ebnen können. In den Kategorien „bester Film“ und „beste Regie“ hatte aber Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ eindeutig die Nase vorn. Trotzdem alles nicht so tragisch. Denn schließlich wurde „Aviator“ mit fünf Trophäen, drei Golden Globes, vier BAFTA Awards ausgezeichnet und mit zahlreichen wichtigen Kritikerpreisen weltweit geehrt.
„The Aviator“ ist allerdings keine Biographie im klassischen Sinne. Josh Logan konzentriert sich in seinem Skript auf die Jahre 1920 bis 1947 und skizziert erstrangig den Aufstieg des großen Visionärs. Dabei gelingt es ihm vortrefflich, Aspekte aus einem großen und komplexen Bereich herauszufiltern, die kinotauglich und dramaturgisch von Relevanz sind. Logan weiß mit einem sicheren Gespür Lebensstationen des Howard Hughes hervorzuheben oder auszublenden, um als Ergebnis eine harmonierende und in sich schlüssige Geschichte zu gestalten. Frei von gängigen Strukturen und Klischees.
Ebenso feinfühlig vermeidet der Autor deutliche Wertungen und die Behauptung vermeintlicher psychologischer Zusammenhänge. Konsequent wahrt er eine klare und glaubwürdige Mitte, was dem Film ungemein zugute kommt. Howard Hughes wird verdeutlicht und bleibt doch geheimnisvoll.
Martin Scorseses Inszenierung fokussiert passend das Motiv des Visionärs. Jung, dynamisch und lebendig setzt er den Mann in Szene, der technische und künstlerische Träume Realität werden lässt, um sich schließlich selbst zu zerstören. In Scorseses Augen ist Hughes eine Metapher für das Machtstreben und die daraus resultierende Selbstvernichtung. Ein mehrdeutiges, fast zeitloses und universelles Porträt, das gerade deshalb filmisch uneingeschränkt funktioniert.
Ohne den Kern seiner Geschichte aus den Augen zu verlieren, erweckt Scorsese aber auch eindrucksvoll das alte Hollywood zu neuem Leben. Präzise und opulent zeichnet er ein superbes Sittengemälde zwischen bitterer Wahrheit und romantischer Verklärung.
Bis ins kleinste Detail orientiert sich der Regisseur an Wochenschauberichten und Archivaufnahmen, findet sorgfältig ausgearbeitete Farbkompositionen, um die Atmosphäre und die Ikonen von damals auf die Leinwand zu zaubern. Das nostalgische Technicolorverfahren unterstützt logisch und harmonisch die Wirkung der fulminanten Bilder, mit denen Kameramann Robert Richardson den Film gewaltig und dynamisch veredelt.
Herausragende Arbeit haben auch die Ausstatter, Kostümdesigner und Make Up Artisten geleistet. Ihre Kreationen fügen sich farblich exakt in die Bildkompositionen ein, sind mit Sinn für Schönheit geschaffen, ebenso auch für historische Korrektheit.
Die Summe, die sich aus diesen Bestandteilen ergibt, ist vollendet aufgerundet und ergibt eine stilistisch ausgewogene und symbiotische Balance aus inhaltlicher Substanz und einer meisterhaften Form. Musik und Schnitt stehen dem in nichts nach.
Aber „The Aviator“ ist auch nicht frei von minimalen Schwächen.
So ist es fraglich, ob tatsächlich jede Szene des Filmes ihre Wichtigkeit hat und ob ihm eine gewisse Straffung nicht gut getan hätte. Auf der anderen Seite erübrigt sich diese Frage jedoch, weil schließlich jede Einstellung und jedes Bild des Filmes eine Augenweide für sich sind.
Gravierender sind hingegen die politischen Bezüge und Verbindungen. Auf dieser Ebene scheitert bisweilen der Versuch, alles unter einen Hut bringen zu wollen.
Vielleicht ist gerade das die Hürde, die „The Aviator“ vom Status eines großen Meisterwerkes trennt. Ein grandioser Wurf ist der Film dennoch. Und nicht nur dank der bereits genannten Stärken, sondern weil die fantastische Darstellerriege alledem die endgültige Krone aufsetzt.
Leonardo Di Caprio erfasst mit Leidenschaft den Geist seines Protagonisten, findet eine zurückhaltende Akzentuierung, die hinter diese Fassade blicken lässt, um schlussendlich der paranoiden Erkrankung ein bedrückendes Gesicht zu geben. Die Hingabe und Kraft, mit denen er sein Spiel ausstattet, sind seinem Gesicht und seiner Körpersprache jederzeit abzulesen. Kurzum sehr intensiv und tiefgehend.
Cate Blanchett wurde für ihre Interpretation der Katharine Hepburn unter anderem mit dem Oscar ausgezeichnet. Es ist geradezu bewundernswert, wie sie ihre Mimik beherrscht, jede Facette des dargestellten Stars sicher trifft und dabei nie in die Karikatur verfällt. Flüssig auch der Spagat zu den stilleren Momenten, in denen Katharine Hepburn ihr unverwechselbares Gebärden ablegt und menschliche Empfindsamkeit zeigt. Insgesamt erstrahlen hier Glamour und Flair vergangener Zeit in einem glanzvollen Licht. Eine starke Leistung!
Auch die sonst eher nichtssagende Kate Beckinsale formt die Rolle der Ava Gardner mit ausdrucksstarker Präsenz, Biss, Erotik und verbindet nuanciert Starallüren mit sympathischer Kumpelhaftigkeit.
Überhaupt ist „Aviator“ bis in die kleinsten Nebenrollen großartig besetzt. Die Auftritte von John C. Reilley, Alec Baldwin, Alan Alda, Ian Holm, Gwen Stefani, Jude Law oder Frances Conroy als Katharine Hepburns Mutter sind teilweise recht kurz, hinterlassen aber alle bleibenden Eindruck. Ein Ensemble zum Niederknien!
„The Aviator“ ist einfach großes Kino. Eine mit epischer Kühnheit erzählte und brillant bebilderte Geschichte.
Scorsese gelingt es wie kaum einem anderen zeitgenössischen Regisseur, die Vergangenheit für knapp drei Stunden umwerfend, aufwändig und pointiert wiederauferstehen zu lassen.
Und nebenbei überrascht er ähnlich wie im Fall von „Zeit der Unschuld“ mit einem seiner ungewöhnlichsten, entspanntesten und schönsten Filme.
Hinzugefügt am 04.01.2007 um 23:55 Uhr
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