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Flucht von Alcatraz
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Flucht von Alcatraz
Von Ulrich Behrens
Das Ausbrecher-Drama „Die Flucht von Alcatraz”, die auf dem Roman von J. Campbell Bruce basierende Geschichte dreier Ausbrecher aus dem 1963 geschlossenen, berüchtigten Gefängnis von Alcatraz vor der Küste San Franciscos beruht auf einer wahren Begebenheit. Tatsächlich ist bis heute nicht bekannt, ob die ein Jahr vor der Schließung des Gefängnisses Ausgebrochenen ertrunken oder entkommen sind. Regisseur Don Siegel hatte bereits mit Clint Eastwood 1971 zusammengearbeitet – in Dirty Harry.

Siegels Inszenierung besteht in einer Mischung aus fast dokumentarischer Schilderung der Vorbereitungen des Ausbruchs, des Gefängnisalltags und der Beziehungen der im Film auftretenden Gefangenen.

1960 wird der wegen Bankraubs verurteilte Frank Morris (Clint Eastwood) in Alcatraz eingeliefert. Er trifft auf den Gefangenen Litmus (Frank Ronzio), der sich eine winzige Maus als „Kameraden“ hält, auf Doc (Robert Blossom), der die Erlaubnis hat, im Gefängnis zu malen, auf English (Paul Benjamin), den Anführer der schwarzen Insassen, und auf den beleibten Wolf (Bruce M. Fisher), der sich seine Zeit mit der Suche nach „Bräuten“ vertreibt und in Morris ein weiteres Opfer gefunden zu haben glaubt. Doch zunächst wird Morris dem gefühllosen Gefängnisdirektor (Patrick McGoohan) vorgeführt, der ihn ohne Umschweife auf die strengen Regeln in Alcatraz aufmerksam macht. Gefangene hätten hier keine eigenen Interessen, sondern nur zu tun und zu lassen, was ihnen vom Personal gesagt werde. Morris begreift diese deutlichen Worte als Herausforderung; denn von Anfang an ist er eh nicht gewillt, länger als unbedingt nötig in Alcatraz zu bleiben.

Bis er die Situation penibel erkundigt hat, muss er sich mit Wolf auseinander setzen, der mit dem Messer auf ihn losgeht, nachdem Morris ihn unter der Dusche ein Stück Seife in den Mund gestopft hatte. Beide landen in Einzelhaft. Morris muss miterleben, wie der Direktor Doc die Erlaubnis zum Malen entzieht, weil Doc ein nicht gerade vorteilhaftes Bild des Direktors zu malen begonnen hat. Der völlig deprimierte Doc hackt sich darauf hin in der Schreinerei, in der auch Morris zur Arbeit eingeteilt wurde, die Finger einer Hand ab. Als die Brüder Anglin (Fred Ward, Paul Benjamin), die Morris von früher kennt, und ein neuer Zellennachbar namens Charley Butts (Larry Hankin) in Alcatraz auftauchen, findet Morris in ihnen die gewillten und geeigneten Partner, um den Ausbruch zu planen...

„Die Flucht von Alcatraz“ ist weniger ein Gefängnisfilm, der viel Zeit darauf verwendet, die Verhältnisse in Alcatraz zu dokumentieren. Im Vordergrund stehen Fluchtvorbereitung und die Flucht selbst. Trotzdem schildert der erste Teil des Films etliches über den Alltag der Gefangenen, ihre extrem schlechte Behandlung, weniger durch physische Gewalt, als vielmehr durch äußerst restriktive Bedingungen ihres Lebens. Die Erlaubnis, irgendeinem Hobby nachzugehen, wird nur in Ausnahmefällen erteilt und nach Gutdünken des Direktors wieder entzogen. Der Hass der Gefangenen auf den Direktor ist groß, immer spürbar. Als er z.B. die Selbstverstümmelung Docs als „Unfall“ tituliert, will Litmus ihn angreifen, stolpert über den Tisch und erleidet einen tödlichen Herzanfall. Strafe in Alcatraz ist nicht Sühne für begangenes Unrecht, sondern Rache an den Gefangenen – eine Methode, die heutzutage in den z.T. unterirdischen, klinisch und technologisch „perfekten“ Hochsicherheitsgefängnissen in den USA ihre barbarische Fortführung gefunden hat.

Im zweiten Teil werden dezidiert die Vorbereitungen der Flucht und letztere geschildert. Darüber will ich hier kein Wort verlieren, denn gerade dieser zweite Teil des Films ist äußerst spannend inszeniert. Ein weiterer Vorteil des Streifens ist der bemerkenswerte Verzicht auf jegliche Rührseligkeit in der Charakterdarstellung und im Ablauf der Handlung. Selbst in der Selbstverstümmlungsszene verzichtete Siegel auf pathetische oder kitschige „Beigaben“. Diese Handlung zeigt überzeugend die völlig verzweifelte Situation eines Mannes, der nur noch im Malen einen Sinn seines restlichen Lebens gefunden hatte, das er im Gefängnis verbringen muss. Der Entzug der Malerlaubnis macht sein Leben sinnlos.

Clint Eastwood überzeugt als wild entschlossener, aber überlegt, gerade zu cool handelnder Verurteilter, der dem Direktor zwar deutlich die Meinung sagt, aber nicht so dumm ist, im Gefängnis selbst einen völlig sinnlosen Kampf anzufangen. Die Sympathien liegen bei ihm, dem Bankräuber. Patrick McGoohan als Direktor und Eastwoods Gegenüber verliert sich nicht in übertrieben zur Schau gestelltem Sadismus.

„Die Flucht von Alcatraz“ ist ein logisch und spannend durchkomponierter Film, dem es letztlich an nichts fehlt, gute Unterhaltung, also ein überzeugender Eastwood-Film mehr in der Sammlung seiner Fans.
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