5 - Spitzenklasse
Lange Zeit war Regisseur Zhang Yimou einer der ganz Großen des anspruchsvollen Arthouse Kinos. Filme wie "Rotes Kornfeld" (1987), "Rote Laterne" (1991) oder "Leben" (1994), der mit dem "Großen Preis der Jury" in Cannes gewürdigt wurde, sind unvergessliche Meisterwerke, welche gesellschafts-politische Entwicklungen in China kritisch zur Sprache bringen. Im Jahr 2002 entdeckte Yimou mit dem international sowohl gefeierten wie auch umstrittenen Film "Hero" das Martial Arts Genre und konnte die Arthouse Nische erstmalig verlassen. "Hero" erzählt die Geschichte eines Attentäters, der einen intriganten und kriegslüsternen Herrscher bezwingen soll.
Die Geschichte einer Gruppe heldenhafter Attentäter erzählt auch der Nachfolgefilm "House Of Flying Daggers". Dennoch gibt es zwischen beiden Filmen einen gravierenden Unterschied:
"Die Geschichte von *House Of Flying Daggers* ist eine Geschichte über die Liebe, nicht über Politik" (Zhang Yimou)
China in den letzten Zügen der Tang Dynastie: Eine Rebellengruppe, genannt "Haus der fliegenden Messer", die in der Vergangenheit versuchte, das Kaiserreich zu stürzen, gerät erneut in das Blickfeld des Militärs. Die Polizeibeamten Leo und Jin erhalten die schwierige und fast unlösbare Aufgabe, den neuen Anführer der Rebellen zu identifizieren und zu verhaften. Verdächtig ist vor allem Mei, eine blinde Tänzerin im Luxusbordell Peony Pavillon. Um mehr über sie und die Gruppe der Rebellen zu erfahren, soll Jin Mei nach einer fingierten Festnahme befreien und ihr Vertrauen erlangen. Zunächst scheint der Plan aufzugehen, doch dann geschieht etwas Unerwartetes. Jin und Mei verlieben sich ineinander. Ihre unmögliche Liebe wird schließlich auf eine harte Probe gestellt.
Mit "House Of Flying Daggers" gelingt es Regisseur Zhang Yimou eindrucksvoll, eine Brücke zwischen künstlerisch ambitioniertem Arthouse Kino und grandioser Unterhaltung zu schlagen. Anders als "Hero" ist "House Of Flying Daggers" ein wahrlich berauschendes Spektakel, das nicht überwältigt, sondern verführt, und den Vorgängerfilm damit eindeutig in den Schatten stellt.
Zhang Yimou findet für seine Geschichte einen epischen, ruhigen und ausgeglichenen Rhythmus. Seine Inszenierung ist reich an feinen Nuancen und eröffnet einen großen Raum für die Charaktere. Anders als in "Hero" sind diese keine Schachfiguren und auch nicht Mittel zum Zweck, sondern können innerhalb der jederzeit nachvollziehbaren und schlüssigen, bisweilen gar sehr komplexen Erzählung viel Tiefe, zahlreiche Facetten und deutliches Profil entfalten.
Durch die überwiegend unaufdringliche Erzählweise und eine virtuose Montage jenseits aller Regeln des Popcornkinos erhält der gesamte Film eine famose Leichtigkeit, gespickt mit zutiefst anrührenden Gefühlen und unterstützt durch eine brillante Visualisierung.
In "House Of Flying Daggers" beweist Yimou ganz besonders sensibles Gespür für Form und Farbe und lässt sich nie zu bombastischen Stilisierungen hinreißen. Mit der sicheren Hand und dem ästhetischen Auge eines zurückhaltenden Künstlers arrangiert er die Elemente seiner Bilder zu betörenden Kompositionen, welche Erinnerungen an unvergessliche Landschaftsbilder eines Gustav Klimt und anderer genialer Künstler heraufbeschwören. Das daraus entstehende Klima suggeriert einnehmend eine magische Melancholie, die geradezu vortrefflich mit den Inhalten des Filmes verschmilzt. Die Einstellungen und entfesselten Fahrten, welche Kameramann Zhao Xiaoding für diese malerischen Bildkompositionen findet, sind ebenso meisterhaft. Ausdruck eines detailverliebten Einfühlungsvermögens und immensen Könnens.
Meisterhafte Leistungen haben auch die Choreographen der Tanz-, Action- und Kampfkunstszenen vollbracht. Im Grunde ist es ein lyrisches und eigenwilliges Ballett, das sie die Darsteller tanzen lassen. Ein Ballett, in dem sich feinfühlig dosierte Digitaleffekte mit den Akzenten und dem Wesen der Pekinger Oper vereinen. Jede einzelne Bewegung ist präzise ausgearbeitet, atmet Gefühl, Sinnlichkeit und mehr noch als "Hero" oder Yimous aktueller Film "Der Fluch der goldenen Blume" die essentielle Spiritualität asiatischer Lebens- und Kampfkunstphilosophien. Bemerkenswert ist auch die tontechnische Gestaltung der dramaturgisch sinnvoll und doppelbödig in der Geschichte verankerten Actionszenen. Durch die bewusste Reduktion der kongenialen musikalischen Untermalung und der Hervorhebung von klaren Tönen, entwickeln die Actionszenen im Einklang mit ihrer farbdramaturgischen Gestaltung einen annähernd surrealen, intensiven und zauberhaften Sog.
Was "House Of Flying Daggers" ferner zu einem Meilensteil seines Genres werden lässt, sind die Glanzlichter, welche die Darsteller setzen können. Gerade weil Regisseur Zhang Yimou seine Inszenierung diesmal stark auf seine Protagonisten, mimische Zeichen und ihre Gesten fokussiert, ermöglicht er den Schauspielern, ihrem Potenzial freien Lauf zu lassen. Takeshi Kaneshiro, der den Polizisten Jin verkörpert und sich die Rolle zunächst gar nicht zutraute, beeindruckt bereits durch seine ungeheure Leinwandpräsenz. Er besitzt genau das, was im geläufigen Sinne als Charisma bezeichnet wird. Dennoch vermag er in seinen Blicken und seiner Körpersprache ebenso, die emotionale Zerrissenheit seiner Figur eindringlich zum Ausdruck zu bringen. Hinter Jins selbstsicherer und sorgloser Fassade kristallisieren sich Schmerz, Empfindsamkeit und Verletzlichkeit heraus. Takeshi Kaneshiro betont diese Seiten mit Energie und kraftvoller Würde. Zhang Ziyi interpretiert die Rolle der wunderschönen Tänzerin Mei mit graziöser Anmut und sichtbarer Eleganz. Zerbrechlichkeit mischt sich in ihrem Spiel überzeugend mit spürbarer Stärke, Kraft und Durchsetzungsvermögen. Zudem ist die Harmonie zwischen beiden Darstellern in jeder einzelnen Szene des Filmes absolut stimmig. Dieses Liebespaar kann das Herz des Zuschauers auf Anhieb erobern.
Mit "House Of Flying Daggers" hat Zhang Yimou einen Wuxia-Film geschaffen, der so traditionell und klassisch, wie auch innovativ zugleich daherkommt. Der Regisseur verdichtet unterschiedliche asiatische, aber auch europäische und amerikanische Film- und Erzählkulturen und lässt hinter seinen Bildern immerzu Großes und Philosophisches erahnen: Eine Parabel über das Gesicht und die Folgen der Täuschung, eine mythische Geschichte über Stolz und Opferbereitschaft, eine große Liebe, Eifersucht, Besitzansprüche und den Wunsch nach Freiheit. Eine filmgewordene Legende über das Streben nach Absolutheit, und einmal mehr einen Film über eine starke Frauenfigur, die sich in einer von männlicher Dominanz bestimmten Lebenswelt behaupten muss.
Dabei fühlt sich Yimou dem Melodram stärker verbunden als dem politischen Kino. Intellektuelle Ansprüche weichen purer Romantik, Geist, Seele, Intimität und subtiler Poesie.
"House Of Flying Daggers" ist reines, makelloses, mehrfach preisgekröntes Gänsehautkino und gehört zweifellos zum Anmutigsten und Schönsten, was das Actiongenre je zu bieten hatte.
Hinzugefügt am 02.07.2007 um 01:05 Uhr
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