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    Hotel Ruanda
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Hotel Ruanda
    Von Deike Stagge

    Der Völkermord der ruandischen Hutu an der ethnischen Minderheit der Tutsi im Jahre 1994 ist eine der schlimmsten humanitären Katastrophen nach dem Zweiten Weltkrieg, an der auch die Vereinten Nationen eine Mitschuld tragen. Über dieses emotionale Thema eine Dokumentation zu drehen, ist schon sehr schwierig. Aber einen Kinofilm zu produzieren, der die heikle Gradwanderung zwischen Realitätsnähe und dieser emotionalen Aufladung bewältigt, ohne in eine reißerischer Aufmachung oder überzeichnete Schuldzuweisungen abzufallen, erscheint noch wesentlich schwerer zu erreichen. Der irische Regisseur Terry George hat es mit seinem Drama „Hotel Ruanda“, der Verfilmung der Geschichte des Hotel-Managers Paul Rusesabagina, trotzdem geschafft und wurde für diese Leistung vom Berlinale-Publikum gebührend gewürdigt.

    Paul Rusesabagina (Don Cheadle), Manager eines exklusiven Hotels in Kigali, lebt mit den alltäglichen Problemen, die die Rassenunruhen in Ruanda mit sich bringen. Er selbst ist Hutu und mit Tatiana (Sophie Okonedo), einer Tutsi, glücklich verheiratet. Als der ruandische Präsident nach Abschluss eines Friedensvertrags mit den Tutsi angeblich von Tutsi-Rebellen ermordet wird, eskaliert die Lage im Land. Hutu Milizen ziehen durch die Straßen und ermorden wahllos Menschen, die sie für Tutsi halten. Um seine eigene Familie in Sicherheit zu bringen, nimmt Paul sie und einige Tutsi-Nachbarn in das von Blauhelmen gesicherte Hotel mit. Dort erfährt er vom kanadischen Colonel Oliver (Nick Nolte), dass bereits internationale Truppen auf dem Weg nach Ruanda sind. Widerwillig gewährt Paul in der Zwischenzeit weiteren Flüchtlingen Unterschlupf im Hotel. Doch dann folgt die große Ernüchterung. Die UN-Truppen haben lediglich die Aufgabe, die Touristen sicher aus dem Land zu bringen. Zum Schutz der zivilen Bevölkerung sind keine Soldaten vorgesehen. Es liegt an Paul, die inzwischen über 1.000 Personen in seinem Hotel vor den immer häufiger auftauchenden Hutu-Milizen und ihrer willkürlichen Gewalt zu schützen.

    Was wie eine fiktive Heldenstory erscheint, ist zu ungefähr 90 Prozent die wahre Geschichte von Paul Rusesabagina, der mit seiner unermüdlichen Hingabe und seinem Einfallsreichtum insgesamt 1.268 Menschen in diesem Konflikt das Leben rettete. Er stand dem Filmteam als Berater zur Verfügung und war maßgeblich am Drehbuch beteiligt. Vor allem diese tiefe Menschlichkeit wird in „Hotel Ruanda“ von Terry George („Das Tribunal“) porträtiert. Der Film will keine realitätsgetreue Darstellung der furchtbaren Massaker liefern. Die unaussprechlichen Verbrechen, die die Milizen mit der Machete an ihren ehemaligen Nachbarn begingen und die mit dem Tod von über 800.000 Menschen endeten, werden nicht explizit gezeigt, bleiben aber immer im Hinterkopf des Zuschauers präsent. Die Kamera fängt die Geschichte von Paul und Tatiana ein und verlässt dabei niemals ihren Standpunkt. Durch diese persönliche Blickrichtung kann der Film subtil und einfühlsam die Vorfälle schildern, ohne direkte Schuldzuweisungen auszusprechen oder das Publikum durch die Darstellung schockierender Massaker abzustumpfen. Die Einblendung der ständigen Hassreden des Hutu-Radiosenders reicht aus, eine Vorstellung des Ablaufs dieses Genozids zu erschaffen.

    „Hotel Ruanda“ ist aufgrund seiner Themenstellung auch ein politischer Film. Er zeichnet ein deutliches Bild des Versagens der Internationalen Gemeinschaft in dieser Krise. Der Abzug der Blauhelmsoldaten aus der Region, durch welchen die Ausweitung der Massaker erst ermöglicht wurde, wird vor allem durch die Figur des Kameramanns Denglish (Joaquin Phoenix) kommentiert, der pointiert auch die Rolle der Medien und die Wirkung der schockierenden Bilder in der westlichen Welt präzisiert. Gerade seine Aussagen stellen einen wichtigen Teil der Erkenntnis dieses Films dar. Es wurde höchste Zeit, dass die Geschichte des ruandischen Völkermords einem breiten Publikum erzählt wird. Durch einen Film, der die Aufmerksamkeit für dieses Thema potenzieren kann, erhofft sich das Team auch eine Sensibilisierung für aktuelle Krisen wie derzeit im Sudan. Inzwischen sind Hauptdarsteller Don Cheadle und Sophie Okonedo für den Oscar nominiert worden und können dadurch mit weiterer Aufmerksamkeit für ihr Anliegen rechnen.

    „Hotel Ruanda“ ist ein durchweg sehenswerter Film, der dank der einfühlsamen Herangehensweise seines Regisseurs die Gradwanderung zwischen politischer Kommentierung und Darstellung der persönlichen Geschichte erfolgreich bewältigt. Darüber hinaus wird er sämtlichen Ansprüchen an einfühlsame Erzählung und bestmöglicher Realitätsnähe gerecht. Sicherlich hätte sich diese Geschichte auch sehr gut als Eröffnungsfilm der Berlinale angeboten. Auf jeden Fall sollten Cineasten die Chance nutzen und „Hotel Ruanda“ im Kino sehen.

    Link-Tipp: Das Filmstarts-Interview mit Don Cheadle und Paul Rusesabagina

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